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Full text of "Rudi Dutschke • Geschichte ist machbar"

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RUDI DUTSCHKE 

Geschichte ist machbar 

Texte über das herrschende Falsche 
und die Radikalität des Friedens 

Herausgegeben von 
Jürgen Miermeister 


Verlag Klaus Wagenbach Berlin 



na. 


Wagenbach: Taschenbuch 198 

3.-4. Tausend April 1992 
Neuausgabe 1991 

© 1980, 1991 Verlag Klaus Wagenbach, Ahornstraße 4, 1000 Berlin 30 
Umschlaggestaltung: Rainer Groothuis unter Verwendung eines Fotos 
von Preben Tolstoy 

Gesamtherstellung: Druckerei Wagner, Nördlingen 
Printed in Germany. Alle Rechte Vorbehalten. 

ISBN 3803121981 


fci. 


INHALT 


7 Die bewußte Entscheidung des Individuums 
(Aus dem Tagebuch) 

9 Einladung zu einer urdeutschen Met-Shuffle 
12 Es gibt noch keinen Sozialismus auf der Erde 

20 Eine revolutionsreife Wirklichkeit fällt 
nicht vom Himmel 

27 Genehmigte Demonstrationen müssen in 
die Illegalität überführt werden 

39 Traurige und schöne Augenblicke 
(Aus dem Tagebuch) 

43 Besuch bei Georg Lukäcs 
(Aus dem Tagebuch) 

45 Ausgewählte und kommentierte Bibliographie 
des revolutionären Sozialismus von Karl Marx 
bis in die Gegenwart 

61 Demokratie, Universität und Gesellschaft 

76 Professor Habermas, Ihr begriffsloser Objektivismus 
erschlägt das zu emanzipierende Subjekt! 

86 Keiner Partei dürfen wir vertrauen! 

89 Das Sich-Verweigern erfordert Guerilla-Mentalität 
96 Besetzt Bonn! 

100 Vom ABC-Schützen zum Agenten 

104 Bisher konnte ich mich auf meine Beine 
und Fäuste verlassen... 

(Aus dem Tagebuch) 

105 Die geschichtlichen Bedingungen für 

den Internationalen Emanzipationskampf 
(Rede auf dem Vietnam-Kongreß) 


122 Rudi Dutschke, Josef Bachmann: zwei Briefe 

126 Sozialdemokratischer Kommunismus, moderne 
Macht und unsere Schwäche 
(Aus dem Tagebuch) 

129 Wir waren niemals eine Studentenbewegung 

135 Schwierigkeiten mit Lenin 
(Aus dem Tagebuch) 

136 Pro Patria Sozif 

140 Das wiedergewonnene Abenteuer 
148 Sozialistische Tragödien bewältigen! 

157 Die Internationalisierung der >Stammheime< 

164 Subkultur und Partei 
172 Ermordetes Leben 

175 Abgelehnt 

(Aus dem Tagebuch) 

176 Die Glücksmänner 

181 Eroberung und Befreiung stehen im Widerspruch 
(Aus dem Tagebuch) 

182 Nachwort 
187 Biographie 
189 Quellen 


Die bewußte Entscheidung des Individuums 

(Aus dem Tagebuch) 


9. April 1963 

Habe den polnischen Film »Der Kanal« von Andrzej 
Wajda gesehen. In der letzten Woche davor täglich in der 
»Amerikanischen Schule« (während der Küchenarbeit) mit 
Thomas E. über den jetzigen und über den zukünftigen, dann 
von der Entfremdung befreiten Menschen gesprochen. Im 
Film sah ich nun den Menschen in der Kriegszeit, jenes »nicht 
festgestellte« Tier - so meint jedenfalls Nietzsche. 

Im »Kanal« erblickte ich, wie der Mensch im allergrößten 
Schmutz und Morast Mensch bleibt - schon durch sein 
Bewußtsein. Ich bekam dort Menschenkinder meines Alters 
und noch jüngere zu sehen: wie die für die Freiheit ihres 
Vaterlandes kämpften, töteten für ihre Heimat, starben . . . 

Polen starben, Deutsche starben. Indem die Polen dies 
vollzogen, vollzogen sie den Tribut an die historische 
Notwendigkeit, der Notwendigkeit des Sieges über den 
Faschismus. Die deutschen Soldaten, die auch für das Vater¬ 
land starben, so glaubten sie wenigstens, hatten nie eine 
wirkliche Chance. Der »Weltgeist« (Hegel) tobte sich mit 
Hilfe der »List der Vernunft« wieder einmal richtig aus und 
kam zum Bewußtsein seiner selbst. Die Möglichkeit der 
großen Wandlung auf dieser von Gott für uns geschaffenen 
Welt lag in der Hand einiger »weltgeschichtlicher« Indivi¬ 
duen. Die versagten und versagen weiterhin. 

Wenn die Geschichte nicht von Persönlichkeiten, sondern 
von in der Materie liegenden Gesetzen gelenkt wird, so meint 
jedenfalls die marxistische Geschichtsmythologie, dann kann 
eigentlich nichts >schiefgehen<. Engels nähert am Ende seines 
Lebens den Geschichtsprozeß weitgehendst dem Naturpro¬ 
zeß an, damit liquidiert er die bewußte freie Entscheidung des 
Individuums, der Gruppe, der Partei usw. Alles wurde bei 
Engels unvermeidlich .. . 

Da der Kommunismus, die klassenlose Gesellschaft, bei 



Engels und den heutigen >Nachfolgern< eine beschlossene 
Sache ist, braucht uns eigentlich die Gefahr eines Atomkrie¬ 
ges nicht zu schrecken. Die Denker eines solchen Unsinns 
der Unvermeidlichkeit werden nie die Entfremdung des 
Menschen aufheben. Entfremdung ist nicht nur durch die 
scheinbare Verselbständigung der vom Arbeitenden geschaf¬ 
fenen Waren gegeben, nicht nur durch die Feindlichkeit 
dieser von ihm produzierten Waren. Entfremdung ist für 
mich auch Starrheit des Denkens, Geschlossenheit des Den¬ 
kens. Die Befreiung des Menschen ist nur durch wirkliche 
Einsicht in die notwendigen Gegebenheiten des gesellschaft¬ 
lichen Lebens möglich. Eine Änderung der Besitzverhält¬ 
nisse ist nicht gleichbedeutend mit der Aufhebung der 
Entfremdung. 






Einladung zu einer urdeutschen Met-Shuffle 


Es lädt ein: Hac(k)e(n) - Crux TEUTONICA - (schlagende 
Verbindung) zu einer urdeutschen Met-Shuffle 

Willkommen sind alle Neuimmatrikulierten, auch all die 
Kommilitonen, die noch keinen Anschluß finden konnten. In 
unserer Verbindung finden Sie eine Gemeinschaft, die hilfs¬ 
bereit alle individuellen Sorgen beseitigt und einen Kamerad¬ 
schaftsbund für das ganze Leben schafft, der immer dann 
einspringen wird, wenn die weltliche Not unerforschlich und 
auswegslos erscheint. Gerade in Berlin sind wir noch immer 
durch Falschheit und Neid von linken Wirrköpfen der 
Verleumdung preisgegeben, die unsere ehrwürdige Tradition 
mit Dreck besudeln wollen. Das Gerede von den alten 
Herren, die uns scheinbar gängeln, ist eine Mär, die in der 
Garküche Ulbrichts entstanden ist. Unsere Gemeinschaft 
pflegt seit ihrem Ursprung eine wahre, germanische Demo¬ 
kratie; bei uns ist man durch und durch unabhängig; Freiheit 
ist unser Prinzip. Unsere Demokratie geht sogar so weit, daß 
niemand gezwungen ist, sich zu schlagen oder Farben zu 
tragen. 

Die Förderer unserer Verbindung werden Ihnen helfen, 
die richtige Einsicht zu finden; sie werden das Denken 
formen, was die heutige Industrie von Ihnen fordert: Tüch¬ 
tigkeit, Fleiß und Eifer. Bei uns werden Sie auf Ihren späteren 
Beruf vorbereitet und wir schaffen Ihnen die Stellen, die 
Ihnen dank unserer Verbindungen weit offenstehen und 
Ihrer Moral entsprechen. Ein glückliches und zufriedenes 
Leben harrt auf Sie! 

Wir stehen fest auf dem Boden eines liberalen Staates, wie 
die Geschichte unserer Verbindung zeigt. Schon 1819 wurde 
ein elender russischer Spion (Kotzebue) von einem Angehö¬ 
rigen der Korporationen erstochen; 1871 waren wir die 
ersten, die das deutsche Reich bejubelten; 1914 eilten wir zu 
den Fahnen, um dem bedrohten Vaterland zu helfen; 1933 
beugten wir uns der Gewalt und wir gingen in die HJ, um 
diese Organisation von innen auszuhöhlen; der uns aufge- 


8 


9 



zwungene Krieg von 1939 fand uns wieder in der ersten 
Reihe; 1945 konnten wir endlich dem Anstreicher unsere 
Verachtung zeigen, denn wie hatte er seine Versprechungen 
an die deutsche Industrie gehalten? Er hatte sie zugrunde 
gerichtet! 

Unsere Verbindungen entstanden unerschüttert wieder, 
denn schon zeigte sich der Strudel, der die Hirne ins 
Ausweglose riß und der schon in der Weimarer Zeit unsere 
Verachtung verdiente. Bolschewismus und Pazifismus woll¬ 
ten den Eifer der deutschen Studenten hemmen. Die Indu¬ 
strie schrie förmlich nach unserer Erziehung untertänigen 
Maßhaltens. Unsere Gönner unterstützten uns mit allen 
Mitteln; ihr Wunsch wurde uns zur Verpflichtung! In 
unserer Verbindung entsteht der ewig deutsche Mensch, der 
sich der Führung anvertraut, der beharrlich, ohne aufzu¬ 
mucken, das deutsche Wunder schafft - ein Schrecken für die 
Internationale Konkurrenz! 

Die Einheit ist uns ein Herzbedürfnis, zu keiner Stunde 
vergessen wir unsere Lieben in der Zone; aber wir warnen vor 
jeder Überstürzung, die westdeutsche Industrie könnte leicht 
harten Schaden erleiden. Vertrauen wir auf Erhard - »Ich , 
weiß von der tiefen Sehnsucht des deutschen Volkes, geführt 
zu werden« ... Die Freiheit halten wir hoch, denn ohne freie 
Konkurrenz kann keine Industrie bestehen, unser Profit 
nicht entstehen!... Fromme Worte, gesalbte Einsicht und 
Vertrauen in die bewährte Mannschaft ist das Gerüst unserer 
Demokratie, denn Experimente können unseren Stellungen 
gefährlich werden . .. Für das Recht kämpfen wir seit 
unserer Entstehung; wir fordern eine neue Urabstimmung - 
UNSER IST DAS RECHT!! 

I. Vorsitzender: R. Dutschke (13 Mensuren); II. Vorsitzen¬ 
der: R. Gasche (10 Mensuren); I. Schriftführer: H. Nagel (7 
Mensuren); II. Schriftführer: B. Rabehl (7 Mensuren) 

Dieses Flugblatt wurde Anfang 1964 an der FU Berlin 
verteilt; ironisch nahm es Bezug auf einige aktuelle Anlässe: 
die durch Urabstimmung erzwungene Abwahl eines AStA- 
Vorsitzenden, der Mitglied einer schlagenden Verbindung 
war, sowie auf den Antrag einer Berliner Burschenschaft, als 


förderungswürdige studentische Gruppe anerkannt zu wer¬ 
den. Das Flugblatt war die erste Aktion der ANSCHLAG- 
Gruppe, der Berliner >Sektion< der Subversiven Aktion< 
(München). In einer Tagebuch-Notiz (Ende Wintersemester 
1963/64) schrieb Rudi Dutschke, der damals noch nicht 
Mitglied des SDS war, dazu: »Mal hören, wie die vom SDS 
und Argument-Club unsere Aktion, unsere kleine Provoka¬ 
tion gegen die Verbindungsleute des RCDS beachten. Die 
vom RCDS reagierten ziemlich sauer im Audi-Max, als wir 
uns zu Verbindungsleuten ernannten und versuchten, den 
ganzen Spuk lächerlich zu machen. Einige drohten mit 
Schlägereien, wagten es aber nicht. Ob wir uns lächerlich 
gemacht haben, weiß ich nicht. Ein Komilitone sagte jeden¬ 
falls zu mir: Da sollten die vom SDS sich mal ein Beispiel 
nehmen .«• 


Konfirmation, im Kreise der Großfamilie (1954). Ganz hinten die drei älteren 
Brüder 



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Es gibt noch keinen Sozialismus auf der Erde 
(Die Rolle der antikapitalistischen, wenn auch nicht soziali¬ 
stischen Sowjetunion für die marxistischen Sozialisten in der 

Welt) 


Es gibt noch keinen Sozialismus auf der Erde; der Sozia¬ 
lismus ist weiterhin eine reale Kategorie des Noch-Nicht- 
Seins, der durch den Kampf der revolutionären Kräfte im 
Weltmaßstab in die gesellschaftliche Wirklichkeit gebracht 
werden muß. Für die marxistischen Sozialisten in den 
kapitalistischen Ländern ist das Bestehen einer dem Anspruch 
nach sozialistischen, in Wirklichkeit aber »nur« antikapitali¬ 
stischen Sowjetunion eine ungeheure Belastung, die sich 
allerdings im Augenblick revolutionärer Umschläge in zur 
Zeit kapitalistischen Ländern - wir denken aktuell an die 
lateinamerikanischen Länder - als wesentliche Stützkraft der 
Revolution erweisen kann. Wir meinen hier nicht die Prädi¬ 
kate des kubanischen Beispiels, wo die direkte »Hilfe« der 
Sowjetunion zu einer ernsthaften Krise der kubanischen 
Revolution führte; wir denken vielmehr an selbständige, von 
Moskau und Peking unabhängige Aktionen z. B. brasiliani¬ 
scher Sozialisten, die das faschistische Regime Branco stür¬ 
zen, die in Brasilien nicht zu umgehende Agrarrevolution in 
Angriff nehmen, kurz, eine proletarische Revolution, die 
Agrarrevolution als politischen »Aufhänger«, ä la 1917 in 
Rußland, in Brasilien durchführen. In einem solchen Falle 
wird die Existenz antikapitalistischer Länder (Sowjetunion, 
Polen sowie die übrigen osteuropäischen Volksdemokratien, 
natürlich auch die Volksrepublik China) eine direkte militä¬ 
rische Intervention kapitalistischer Länder erschweren bzw. 
verhindern. 

Die Niederlage der brasilianischen Arbeiter und Bauern 
durch die faschistische Militärclique erscheint uns in der 
Tendenz als »russisches 1905«. Das »russische 1917« in 
Brasilien wird allerdings kaum noch 12 Jahre auf sich warten 
lassen. Wir wissen, daß die Voraussetzung einer erfolgrei- 

12 


chen Revolution in Brasilien, die Schaffung einer disziplinier¬ 
ten und schlagkräftigen Avantgarde der Unterdrückten, noch 
nicht erfüllt ist. 

Es ging uns bei diesem Beispiel nur um die Rolle der 
Sowjetunion für die Sozialisten in einem Lande, in dem die 
Revolution möglich und notwendig ist, in einem Lande, das 
infolge seines natürlichen Reichtums und seiner geographi¬ 
schen Lage ein von Moskau und Peking unabhängiges 
Handeln viel eher zuläßt, als das z. B. in Kuba der Fall war. 
Hier wird also das Bestehen einer antikapitalistischen, wenn 
auch nicht sozialistischen Sowjetunion für die erfolgreiche 
Revolution ein sehr wichtiges und positives Moment sein. 

Weiterhin ist es unerläßlich, daß sich die westeuropäischen 
marxistischen Sozialisten ihrer Weltvermitteltheit voll be¬ 
wußt werden, die scheinbar unbewegliche und jede von 
Privatleuten (linke Professorenschaft) vorgetragene bzw. 
publizierte kritische Aufklärung konsumierende sozialstaat¬ 
liche kapitalistische »Wohlstandsgesellschaft« als dialekti¬ 
sche Ergänzung zu den ungeheuren Veränderungen in La¬ 
teinamerika, Afrika und Asien zu begreifen. In einer Zeit, in 
der wir erstmals von Weltgesellschaft sprechen können, geht 
jede isolierte und partikulare Analyse fehl. 

Was für eine Rolle spielt die Sowjetunion nun für die 
Sozialisten in den hochentwickelten kapitalistischen Indu¬ 
striestaaten Westeuropas, für die marxistischen Sozialisten in 
der Bundesrepublik, die in einer gesellschaftlichen Wirklich¬ 
keit leben, in der durch die systematische Entmündigung der 
Massen die Begriffe Sozialismus, Kommunismus, Bolsche¬ 
wismus und Stalinismus fast unwidersprochen gleichgesetzt 
werden? 

Da bei jeder Diskussion mit dem Arbeiter in der Kneipe, 
mit dem Christen in der Gemeinde, mit dem Studenten im 
Seminar der sozialistische Gedanke - wir verstehen hier 
1 darunter die Mündigmachung des Menschen und die Aufhe¬ 

bung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen - 
mit der stalinistischen Ausprägung des Bolschewismus kon¬ 
frontiert bzw. gleichgesetzt wird, müssen wir uns (es ist hier 
leider nur sehr beschränkt möglich) kurz mit der durch Stalin 
geprägten Sowjetunion bis 1955 und der sogenannten Entsta- 
linisierung auseinandersetzen. 


I 


Lenin sprach 1921 davon, daß die Kronstädter Matrosen, 
die sich zwischen dem 2. und 8. März 1921 gegen die 
Sowjetregierung erhoben - sie waren der gewaltigen, schon 
vier Jahre dauernden revolutionären Belastungen müde, auch 
gab es zahlreiche organisatorische und politische Fehlent¬ 
scheidungen der Petrograder Parteiorganisation sich zwi¬ 
schen zwei Stühle hätten setzen wollen. »Das zeigt die 
Kronstädter Erfahrung. Dort will man die Weißgardisten 
nicht, will man unsere Macht nicht - eine andere Macht gibt 
es aber nicht.« Lenin meinte damit, daß die Kronstädter 
weder Kommunismus (Sowjetregierung) noch Kapitalismus 
(Zarenregierung bzw. Kerenskiregierung) wollten. Er 
konnte sich 1921 tatsächlich nur die Welt in der dialektischen 
Spannung zwischen absterbendem Kapitalismus und entste¬ 
hendem Sozialismus denken. Heute hat der Kapitalismus 
neue Prädikate gewonnen, die allerdings seinen Grundwider¬ 
spruch - gesellschaftliche Produktion und private Aneignung 
- nicht aufheben. Der Sozialismus, der im Gefolge der 
siegreichen Oktoberrevolution in der Sowjetunion aufgebaut 
werden sollte, endete u. a. infolge der Niederlagenreihe des 
Proletariats in Europa und Asien in den zwanziger Jahren im 
totalitären Stalinismus. 

Um der Ziele der Revolution willen, nämlich der Beseiti¬ 
gung der Zarenherrschaft und der Herrschaft des Kapitals, 
der Errichtung einer sozialistischen Sowjetunion, die Lenin 
nur für möglich hielt durch eine Kette von sozialistischen 
Revolutionen in den hochindustrialisierten Staaten Mitteleu¬ 
ropas (niemand konnte zu dieser Zeit die Verkehrung der 
revolutionären Ziele durch die stalinistische Herrschaft vor¬ 
ausahnen), waren Lenin und Trotzki gezwungen, die ehe¬ 
maligen revolutionären Brüder, die Matrosen und Soldaten 
von Kronstadt und deren Aufstand niederzuschlagen. Hier 
hatte die repressive Gewalt, der Terror eine eindeutig aus der 
Situation heraus zu rechtfertigende soziale Funktion. Es geht 
uns nicht um eine Rechtfertigung jedweder Repression. Wir 
marxistischen Sozialisten unterscheiden sehr genau zwischen 
notwendigem und zusätzlichem Terror. Die Kriterien gewin¬ 
nen wir aus der marxistischen Bedingungsanalyse der jewei¬ 
ligen historischen- Situation. Niemand soll uns eines Antihu¬ 
manismus zeihen. Wieviel Terror (vom Gesinnungsterror bis 

14 


zum physischen Terror) benötigt nicht schon ein bürger¬ 
lich-kapitalistischer Staat, um »seine Ordnung« aufrecht¬ 
zuerhalten? Ein Staat, der ein in der Weltgeschichte noch 
nicht dagewesenes Gesellschaftssystem errichten möchte, der 
gegen die ungeheure Kraft eingewurzelter,und anerzogener 
Denkvorstellungen kämpfen muß, kann um so weniger auf 
Repression verzichten. Unsere Analyse der Entwicklung der 
Sowjetunion nach dem Tode Lenins, die sich, wir dürfen und 
wollen es nicht verschweigen, sehr stark auf Leo Trotzki 
stützt, zeigt den fortlaufenden Abbau der Kriterien marxisti¬ 
scher Analyse (konkrete dialektische, d. h. revolutionäre 
Analyse der Grundlagen der eigenen Gesellschaft und ihrer 
Weltvermitteltheit), zeigt die damit parallel laufende Ver¬ 
nichtung marxistischer »Bearbeitung« der sowjetischen Ge¬ 
sellschaft. 

Nach 1923, nicht zuletzt durch die schon damals verfehlte 
Moskau-Komintern-Politik, versandeten die revolutionären 
Bewegungen in Europa. Die Sowjetunion blieb weiterhin 
isoliert, was die Grundlage und Voraussetzung des stalinisti- 
schen Sieges wurde. 

Nach dem Verbot der Sowjetparteien, einer »Maßnahme 
zum Schutz der Diktatur in einem rückständigen und 
erschöpften, von allen Seiten von Feinden umgebenen Land« 
(L. Trotzki, Kommunismus oder Stalinismus, 1947, S. 22), 
hatte sich noch unter Lenin ein Fraktionsverbot innerhalb 
der herrschenden Partei der Bolschewiki abgeschlossen. Es 
galt die Auswirkungen (Entstehen kapitalistischer Kräfte) 
der auf dem 10. Parteitag (1921) beschlossenen teilweisen 
Rekapitalisierung (NEP) innerhalb der Kleindindustrie, des 
Handwerks und der Bauernschaft durch besondere Ge¬ 
schlossenheit der Bolschewiki zu kompensieren. 

Verbot der Sowjetparteien und Fraktionsverbot, von Le¬ 
nin und Trotzki eindeutig als temporäre Maßnahmen zum 
Schutze der Ergebnisse der Revolution gedacht, wurden 
unter Stalin systematisch ausgebaut und verschärft, wurden 
zum Grundpfeiler seiner Innenpolitik. Dem nicht zu recht¬ 
fertigenden und den Sozialismus in der Welt diskreditieren¬ 
den zusätzlichen Terror der Stalinherrschaft lag keine sich 
aus der internationalen und nationalen Situation ergebende 
historische Notwendigkeit zugrunde, wie uns die Stalinisten 


15 



I 


der Gegenwart, die es natürlich in Ost und West gibt, mit 
aller Gewalt einprägen wollen. Wir wollen hier nicht die 
Frage der Notwendigkeit einer Diktatur des Proletariats als 
Übergangserscheinung zur sozialistischen Demokratie dis¬ 
kutieren. Für die Sozialisten in Mitteleuropa steht dieses 
Problem aktuell nicht zur Debatte. Höchstwahrscheinlich 
werden die sozialistischen Revolutionäre in den hochindu¬ 
strialisierten kapitalistischen Staaten neue Wege in der Pro¬ 
blematik einer sozialistischen Transformation ihrer Gesell¬ 
schaft erschließen müssen. Ein marxistischer Sozialist ist 
Internationalist und treibt internationale Analyse, die ihn an 
einem bestimmten historischen Zeitpunkt durchaus zwingen 
könnte, das durch Jahrhunderte hindurch gedrillte bürgerli¬ 
che Bewußtsein, das geradezu zu einer zweiten Natur des 
Menschen geworden ist, durch Zwangsmaßnahmen vielfäl¬ 
tigster Art (hart und weich) zu verändern. Diese Diktatur 
muß in jedem Falle die Interessen der Mehrheit verkörpern, 
die sich in der andauernden schöpferischen Mitarbeit der 
Massen an der Gestaltung ihrer Gesellschaft (das Reich der 
Freiheit) ausdrücken müssen. »Die Diktatur des Proletariats 
ist ein zäher Kampf . . . gegen die Mächte und Traditionen 
der alten Gesellschaft« (Lenin, Bd. 31,1959, S. 29). Sie »bildet 
die Brücke zwischen der bürgerlichen und der sozialistischen 
Gesellschaft. Ihrem Wesen nach ist sie somit zeitlich be¬ 
grenzt. .. . Sehr wesentliche Aufgabe des Staates, der die 
Diktatur ausübt, besteht darin, seine eigene Aufhebung 
(damit auch die Aufhebung der Diktatur, A. J.) vorzuberei¬ 
ten ... Ein Prüfstein für die erfolgreiche Durchführung der 
Hauptmission: den Aufbau der klassenlosen und von mate¬ 
riellen Widersprüchen freien Gesellschaft« (Trotzki, Die 
verratene Revolution, 1957, S. 54). 

Bei Stalin wurde die Diktatur, die zweifellos in Theorie 
und Praxis »nur« eine Übergangserscheinung sein darf, eine 
manifeste, kaum vom deutschen Faschismus zu unterschei¬ 
dende totalitäre Herrschaft. ». .. Stalinismus und Faschis¬ 
mus stellen trotz der tiefen Verschiedenheit ihrer sozialen 
Unterlagen symmetrische Erscheinungen dar. In vielen Zü¬ 
gen sind sie einander erschreckend ähnlich. Eine siegreiche 
revolutionäre Bewegung in Europa würde nicht nur den 
Faschismus, sondern auch den Sowjetbonapartismus er- 

16 


schüttem.« So schrieb Leo Trotzki in seinem schon erwähn¬ 
ten Buch »Verratene Revolution«, -das erstmalig 1936 er¬ 
schien. 

Der sich also Ende der 20er Jahre herausbildende Stalinis¬ 
mus, der die'Liquidierung der besten Kräfte der russischen 
Revolution (Trotzki, Bucharin, Kamenjev, Sinovjev, Radek 
u.a.m.) mit sich brachte, findet seinen makabren Höhepunkt 
in den grauenvollen, rein negativen, keinen Stachel des 
Fortschritts in sich tragenden Massenmorden der 30er und 
40er Jahre. Die Aufsaugung der bolschewistischen Kader 
durch den Staatsapparat in den 20er Jahren hatte die soziali¬ 
stische Demokratie in der Partei und in den Betrieben 
durchlöchert. Die Ausrottung der verbleibenden Kämpfer 
für den sozialistischen Internationalismus tötete die radikal¬ 
demokratische, d.h. sozialistische Intention der bisher grö߬ 
ten Revolution der Welt. Die Sowjetunion - dies gilt es 
unbedingt festzuhalten - ist kein kapitalistischer Staat; sie ist 
auch nicht als staatskapitalistischer Staat zu verstehen. In der 
Sowjetunion sind die Produktionsmittel vergesellschaftet, 
und die Macht der kapitalistischen Konzerne ist für immer 
gebrochen. Ist aus der antikapitalistischen Bestimmung der 
Sowjetunion der sozialistische Charakter dieses Staates auto¬ 
matisch zu schließen? Mitnichten! Die Antwort auf diesen 
Fragenkomplex kann nur die konkrete marxistische Analyse 
der revolutionären Bewegungen der Welt und der faktischen 
Produktions- und Machtverhältnisse innerhalb der Sowjet¬ 
union beantworten. Wenn der Charakter der Besitzverhält¬ 
nisse das ausschließliche Kriterium für den Charakter des 
Staates ist, warum hat Stalin dann zwischen 1925 und 1930 
mit Trotzki den gewaltigen Kampf um die Möglichkeit des 
Aufbaus des Sozialismus in einem Lande geführt? Die 
Sowjetunion wäre doch, laut Besitzverhältnissen, schon 
eindeutig sozialistisch gewesen. 

1964 sind in der Sowjetunion die ökonomischen Vorausset¬ 
zungen zum Aufbau <les Sozialismus vorhanden (hochent¬ 
wickelte Industrie und relativ hoher Spezialisten-Bildungs- 
stand). Den Anhängern des Stalinismus, die darauf hinwei- 
sen, daß Stalin diese wirtschaftlichen Voraussetzungen'ge-, 
schaffen hat, halten wir entgegen, daß bei einem weiteren 
Ausbau der sozialistischen Demokratie sowohl die Industria- 

17 




lisierung als auch die vom Sozialismus nicht zu trennende 
Humanisierung und Mündigmachung der sowjetischen Ge¬ 
sellschaft erfolgt wäre. Durch die Politik Stalins, die zu einem 
»Unsichtbarwerden der sozialistischen Perspektive in der 
Welt« (Lukäcs, Forum, April 1964, S. 182) führte, ist der Idee 
von der Befreiung des Menschen kaum übersehbarer Schaden 
zugefügt worden. Es fehlen in der heutigen Sowjetunion 
noch vollständig die politischen Voraussetzungen für den 
Aufbau des Sozialismus, nämlich schonungslose Abrech¬ 
nung mit der eigenen stalinistischen Vergangenheit. Wie 
kann sich in der Sowjetunion der sozialistische Humanismus 
durchsetzen ohne vollständige Enthüllungsanalyse der rei- f 

nen Negativität der Massenmorde, der Liquidierung des 
radikal-demokratischen Potentials der Bolschewiki? Die j 

Rehabilitierung der besten Söhne der Revolution (Trotzki, 
Bucharin, Radek u.s.w.) wäre der erste Schritt zur Uberwin- 
düng der stalinistischen Auswüchse. Wir können die Sowjet¬ 
union nicht als sozialistische Gesellschaft anerkennen, so¬ 
lange der Stalinismus mit allen seinen Prädikaten nicht 
radikal in der sowjetischen politischen Praxis verschwunden 
ist. Das Umbetten Stalins, das Abreißen seiner Denkmäler ist > 

für uns kein Indiz einer durchgeführten Entstalinisierungü ■ 

Wir lassen uns hierbei leiten vom dringenden Appell des > 

ehrlichen Marxisten Georg Lukäcs: ». . . kritische Bestands¬ 
aufnahme der Gegenwart. . . Dabei ist als Voraussetzung die 
Abrechnung mit dem Stalinschen Erbe für die sozialistische 
Weltanschauung evident. ..« (Forum, April 1964, S. 183). 

Ein Chruschtschow bleibt hinter dieser Forderung weit 
zurück, wenn er sagt: »W.I. Lenin hat Stalin für einen 
Marxisten, für einen hervorragenden Funktionär unserer 
Partei, der derRevolution ergeben ist, gehalten . .. Die Partei 
hat die groben Verletzungen von Lenins Normen des Partei- , 

lebens, die Stalin zugelassen hat, die Willkür und seinen 
Mißbrauch der Macht verurteilt und verurteilt sie jetzt. Bei , 

all dem würdigt die Partei in angemessener Weise die 
Verdienste Stalins vor der Partei und der sozialistischen 
Bewegung. Wir sind auch jetzt der Meinung, daß Stalin dem 
Kommunismus ergeben war; daß er ein Marxist gewesen ist. 

Das kann man und darf man nicht leugnen . . . Als man Stalin 
beisetzte, hatten viele, darunter auch ich, Tränen in den 


Augen. Das waren aufrichtige Tränen.« (Pravda, 10.3.1963). 
Lenin kannte Stalin als den revolutionären Kämpfer, der in 
Petrograd, Moskau, Baku und Astrachan als Organisator der 
bolschewistischen Partei tätig war, der den Sieg über Kol- 
tschak bei Zarizyn im Bürgerkrieg erkämpfte. (Wir wollen 
hier von den sehr kritischen Äußerungen Lenins über Stalin 
in seinem »Testament-Brief« absehen.) Wir kennen und 
schätzen diesen Stalin, wir wissen aber auch von einem Stalin, 
der mit den brutalsten Mitteln die Landwirtschaft kollekti¬ 
vierte, dabei Millionen von sowjetischen Bürgern sinnlos 
ermordete, von einem Stalin, der in riesigen Schauprozessen 
die »Garde der Revolution« zum Tode verurteilte, der die 
Sowjetunion zu einem Hort der Angst werden ließ, 

Wie kann der Vorsitzende einer marxistischen Partei über 
den Zerstörer des Ansehens des Sozialismus in der Welt 
solche Worte verlieren? 

Wir wissen nicht, ob in der Sowjetunion während der 
nächsten Jahre der Stalinismus überwunden wird, der sozia¬ 
listische Humanismus durchbrechen wird. Wir wissen aller¬ 
dings aus der Analyse der vergangenen und gegenwärtigen 
sowjetischen Gesellschaft, daß seit ca. 1925 keine echte 
marxistische Analyse dort betrieben wurde. Marxistische 
Dialektik, d. h. revolutionäre Aufdeckung und Beseitigung 
der in der Gesellschaft bestehenden Widersprüche, wurde im 
Interesse der Machterhaltung der Bürokraten und Techno¬ 
kraten ausgeschaltet. Die Revision des Marxismus findet 
ihren Ausdruck in einem an die Sozialdemokratie erinnern¬ 
den Reformismus: »An die Stelle der Theorie ist die Büro¬ 
kratie, an jene der Aufklärung und humanistischen Erzie¬ 
hung die Sorge um das funktionieren« des Bestehenden 
getreten.« (L. Kofler, Der proletarische Bürger, 1964, S. 7). 
Das Bestehende ist zwar ein antikapitalistischer, aber, wie wir 
zeigten, noch durchaus kein sozialistischer Staat. Das Volk 
von Radistschew, Pestei, Puschkin, Lermontov, Herzen, 
Belinskij, A. Uljanov, Trotzki, Gorki und Lenin hat so viel 
Großes in seiner Vergangenheit, hat so große Pespektiven für 
seine Zukunft, daß es keinen Grund hat, vor einer scho¬ 
nungslosen Abrechnung mit einer gefährlichen Vergangen¬ 
heit und ihrem schädlichen, gefahrdrohenden Erbe zurück¬ 
zuschrecken! 


18 


19 


Eine revolutionsreife Wirklichkeit fällt nicht vom 
Himmel 

(Uber das Verhältnis von Theorie und Praxis) 


»Der wichtigste Faktor des Zerfalls des kapitalistischen 
Systems«, schrieb der russische Revolutionär Bucharin in 
seinem Buch »Die Ökonomik der Tränsformationsperiode« 
(1921), »ist die Auflösung der Verbindung zwischen den 
imperialistischen Staaten und ihren zahlreichen Kolonien«. 
War diese Feststellung zu seiner Zeit schon in Ansätzen 
sichtbar, so ist sie für uns heute offenbar. Nationalaufstände, 
Kolonialaufstände, kurz, nationale Befreiungskriege zwan¬ 
gen in den meisten Fällen die ehemaligen Kolonialherren zur 
Aufgabe ihrer sichtbaren Herrschaft; in diesen Ländern 
geblieben ist noch die versteckte ökonomische Machtstel¬ 
lung, die die neuen Staaten weiterhin in Abhängigkeit hält. 
Diesem weltpolitisch so entscheidenden Prozeß des Zerfalls 
des ehemaligen Kolonialreiches läuft parallel ein Prozeß einer 
gewissen Auflösung des ehemals durch Gewalt monolithisch 
gehaltenen Ostblocks. Wir können sogar von einer Verschie¬ 
bung der Achse der Weltwirtschaft sprechen, denn die sich 
von der Unterdrückung und Bevormundung fremder Mächte 
befreienden Nationen entfalten sich immer mehr zu eigen¬ 
ständigen Faktoren der Weltwirtschaft, die sich mit den 
»Resten« des »Profitkuchens« nicht mehr zufrieden geben, 
was wiederum zu gewaltigen »volkswirtschaftlichen« 
Schwierigkeiten, nämlich Profitschwierigkeiten innerhalb 
der ehemaligen Kolonialländer führt, die allerdings in gewis¬ 
ser Weise durch Kapitalexport und »Entwicklungshilfe« 
kompensiert werden können. Kapitalexport und »Entwick¬ 
lungshilfe« führen über kurz oder lang - starke Ansätze sind 
schon in Lateinamerika und Afrika, natürlich auch schon in 
Asien (Indien, Indonesien) sichtbar - zur Herausbildung 
eines riesigen Proletarierheeres, das bei entsprechender »Be¬ 
arbeitung« durch revolutionäre Eliteparteien (Avantgarde), 
ich denke z. Z. besonders an Lateinamerika, wo die revolu¬ 


tionäre Stoßkraft des entstehenden Industrieproletariats 
nicht durch den Taumel über die nationale »Unabhängigkeit« 
(wie in Afrika) verdrängt werden kann, die »Schlüsselkraft« 
der Revolutionierung eines Kontinents sein wird - damit 
Ausgangspunkt einer gewissen Strukturveränderung der 
Welt. Denn es ist einsichtig, daß ein sozialistischer Kontinent 
Lateinamerika auch die scheinbar starren Gesellschaften der 
hochentwickelten kapitalistischen Staaten nicht unberührt 
lassen wird.* 

In diesem Augenblick wird vielleicht nicht mehr der 
revolutionäre Gedanke des europäischen Revolutionärs al¬ 
lein zur Wirklichkeit drängen, sondern die europäische 
Wirklichkeit wird zum revolutionären Gedanken drängen. 
Bei Marx heißt es in der Einleitung zur Kritik der Hegelschen 
Rechtsphilosophie: »Die Revolutionen bedürfen nämlich 
eines passiven Elementes, einer materiellen Grundlage. Die 
Theorie wird in einem Volke immer nur so weit verwirklicht, 
als sie die Verwirklichung seiner Bedürfnisse ist. Wird nun 
dem ungeheuren Zwiespalt zwischen den Forderungen des 
deutschen Gedankens und den Antworten der deutschen 
Wirklichkeit derselbe Zwiespalt der bürgerlichen Gesell¬ 
schaft mit dem Staate und mit sich selbst entsprechen? 
Werden die revolutionären Bedürfnisse unmittelbar prakti¬ 
sche Bedürfnisse sein? Es genügt nicht, daß der Gedanke zur 
Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muß sich selbst zum 
Gedanken drängen.« 

Müssen wir für uns heute den Zwiespaltgedanken von 
Staat und Gesellschaft ablehnen - Staat und Gesellschaft 
bilden in der Gegenwart eine Identität so gelten die anderen 
Sätze unumschränkt. Unsere Gedanken, die zur Wirklichkeit 
drängen, auf Verwirklichung des Gedankens aus sind, müs¬ 
sen auf eine Wirklichkeit treffen, die schon so in Bewegung 
geraten, so schwanger von Enthüllungswillen ist, daß der 
revolutionäre Gedanke, die revolutionäre Theorie, »nur« 

* Wie wenig von Sozialismus in Osteuropa und der Sowjetunion, von der 
Volksrepublik China ganz zu schweigen, die Rede sein kann, ersehen wir 
unter anderem an der neuen Schulgesetzgebung in Polen und der DDR, die 
in kürzester Frist die Schüler und Studenten in den Produktionsprozeß 
integriert und jede Selbständigkeit des Denkens über Gesellschaft, kritisches 
Denken überhaupt, beim »zukünftigen Menschen« ausschließt. 


20 


21 


noch der Ausdruck der Bewußtwerdung und Bewußtma- 
chung der gesellschaftlichen Wirklichkeit ist, unmittelbar, 
von den Massen ergriffen, zur »materiellen Gewalt« wird. 
Solch eine revolutionsreife Wirklichkeit fällt natürlich nicht 
vom Himmel, sondern ist der Ausdruck der objektiven und 
subjektiven Dialektik des geschichtlichen Prozesses, soll 
heißen, Ausdruck der Entfaltung der Produktionskräfte in 
der Welt und Ausdruck der revolutionären Aufklärungstä¬ 
tigkeit der Avantgarde der Menschheit, der Avantgarde des 
potentiellen und teilweise aktuellen Proletariats. Die Basis¬ 
kraft der zukünftigen Gesellschaft, die von der Avantgarde 
»bearbeitet« wird, kann nur die Klasse von Menschen sein, 
die sich als identisches Subjekt-Objekt der kapitalistischen 
Gesellschaft begreift und erfährt. Marx fand in der frühka¬ 
pitalistischen Gesellschaft im Industrieproletariat dieses 
identische Subjekt-Objekt, damit zwar nicht den Träger der 
bisherigen Weltgeschichte, aber den Träger und Gestalter der 
kapitalistischen Gesellschaft. Heute ist es in den hochent¬ 
wickelten Industriestaaten Mitteleuropas unüblich gewor¬ 
den, vom Proletariat zu sprechen, obwohl wir per definitio- 
nem, nämlich das Nichthaben von Produktionsinstrumenten 
als charakteristisches Merkmal, durchaus den Begriff Prole¬ 
tariat sinnvoll benutzen können und müssen. Das potentielle 
Proletariat ist vorhanden, es fehlt die Bewußtmachung der in 
dieser mitteleuropäischen Gesellschaft steckenden Möglich¬ 
keiten den potentiellen Proletariern gegenüber. Hier muß die 
permanente Aufklärungs- und Enthüllungsanalyse der ak¬ 
tuell und bewußt-revolutionären Kräfte einsetzen. In »Ge¬ 
schichte und Klassenbewußtsein« (1923) von G. Lukäcs heißt 
es noch: »Die Theorie dient dazu, das Proletariat zum 
Bewußtsein seiner Lage zu bringen, d. h. es zu befähigen, sich 
selbst zu erkennen.« Diese Bewußtwerdung soll dann die 
treibende Kraft der gesellschaftlichen Entwicklung sein. 

In den hochentwickelten Industriegesellschaften des We¬ 
stens erfährt sich das potentielle Proletariat kaum noch als 
Objekt im alten Sinne, d.h. als denkendes Tier, das vom 
animalischen Hungertod täglich bedroht ist. Die sozialstaat¬ 
liche Befriedigung der Bedürfnisse garantiert in »wohlstands¬ 
gemäßer« Weise die Bedingungen der Reproduktion des 
Lebens (von zukünftig durchaus möglichen Krisen und 
22 


Inflationen in der EWG u.a.m. möchte ich absehen, weil die 
Betonung der Möglichkeit von Krisen sehr oft die Hoffnung 
auf die Krise, damit Warten auf die Krise impliziert). Der 
I Objektcharakter des potentiellen Proletariats wird heute in 

[ der Bundesrepublik z. B. in der »wahlperiodischen Neuin- 

! szenierung einer politischen Öffentlichkeit« (Habermas), in 

j der es als Basiskraft benutzt wird, um Einzelpersonen zur 

Macht zu verhelfen. Allgemein gesprochen: der Objektcha¬ 
rakter des potentiellen Proletariats wird in den heutigen 
kapitalistischen Industriegesellschaften des Westens in allen 
Bereichen des gesellschaftlichen Lebens sichtbar, nur wird er 
nicht im unmittelbaren animalischen Hunger erfahren. Eine 
dialektische Analyse der gegenwärtigen mitteleuropäischen 
»Wohlstandsgesellschaft« kann allerdings nicht umhin fest¬ 
zustellen, daß die sozialstaatliche Bedürfnisbefriedigung ein 
Korrelat zu der frühkapitalistischen Ausbeutung der Arbei¬ 
ter und Bauern in Lateinamerika, Afrika und Asien ist. Heute 
haben wir tatsächlich eine Zweiteilung der Welt erreicht (ich 
denke hier nicht an die Verbalwahrheiten von der Trennung 
, der Welt in kapitalistische und sozialistische Länder), näm- 

1 lieh die Trennung der Welt in reiche und arme Länder. War 

| in der frühkapitalistischen Phase des heutigen Imperialismus 

| die Trennung zwischen arm und reich innerhalb eines Landes 

offensichtlich, man sprach nicht umsonst von den zwei 
1 Nationen eines Landes — so hat sich dieser Widerspruch des 

i Kapitalismus auf der erweiterten Basis der Welt reproduziert. 

(Der auf der vor kurzem beendeten Welthandelskonferenz 
ausgehandelte Kompromiß konnte den heutigen Grundwi- 
j derspruch zwischen den Industriestaaten und den »Entwick- 

k lungsländern« nicht überbrücken). Überspitzt gesagt, das 

hochindustrielle Mitteleuropa (West) konsumiert, produ- 
i ziert natürlich auch, weil die nichtentwickelten Länder 

bisher, teilweise weiterhin, billige Rohstofflieferanten und 
Abnehmer von teuren Fertigwaren sind. Für die Revolutio- 
1 näre in Mitteleuropa haben diese Tatbestände natürlich große 

1 Folgen. Die Hauptfolge ist, daß jede Analyse bundesrepubli¬ 

kanischer Gesellschaft z. B. völlig daneben gehen muß, 
i geradezu reaktionär wird, wenn sie von der internationalen 

’ Vermitteltheit der scheinselbständigen Momente der Natio¬ 

nalstaaten absieht. 


23 



Ja, Hegel konnte noch zwischen 1810 und 1830 schreiben 
»Die Weltgeschichte geht von Osten nach Westen, denn 
Europa ist schlechthin das Ende der Weltgeschichte.. 
Europa bildet das Bewußtsein, den vernünftigen Teil der 
Erde, das Gleichgewicht von Strömen, Tälern und Gebirgen 
— dessen Mitte Deutschland ist.« Weder Deutschland noch 
Europa sind in der Gegenwart die Träger der Weltgeschichte. 
War Europa in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhun¬ 
derts schon unendlich vermittelt und verflochten mit der 
Weltwirtschaft, so sind heute die letzten Anzeichen einer 
Scheinselbständigkeit der mitteleuropäischen Länder ver¬ 
schwunden. Der beste Bolschewik nach Lenin, Trotzki, sagte 
1929, d. h. nach seiner Ausschaltung in der Sowjetunion, in 
seinem Buch »Die internationale Revolution und die Kom¬ 
munistische Internationale«: »In unserem Zeitalter, welches 
ein Zeitalter des Imperialismus, d. h. der Weltwirtschaft und 
der Weltpolitik ist, welche durch das Finanzkapital be¬ 
herrscht werden, vermag keine einzige nationale Sektion ihr 
Programm lediglich oder auch nur vorwiegend aus den 
Bedingungen und Tendenzen der nationalen Entwicklung 
heraus aufzubauen« (1929, S. 13). Wir gehen mit Friedrich 
Tomberg konform, wenn er im »Argument« Nr. 26 (S. 47) 
sagt: »Es steht aber nirgendwo geschrieben, die Geschichte 
habe erst die Bewilligung der Europäer einzuholen, ehe sie 
sich anschicke fortzuschreiten.« Wie sehr Europas Gewicht 
innerhalb der Weltgesellschaft gefallen ist, wird u. a. daraus 
ersichtlich, daß der Anteil Westeuropas (England, West- und 
Mitteleuropa) an der industriellen Weltproduktion in der 
Zeit von 1860 bis 1960 von ca. 80% auf rund 25% in der 
Gegenwart zurückgegangen ist. 

Jeder kritische Denker mitteleuropäischer bzw. bundesre¬ 
publikanischer Gesellschaft, der die vermittelten Kategorien 
Europa bzw. Bundesrepublik unvermittelt und isoliert zu 
Subjekten ohne weltgesellschaftliche Prädikate macht, fällt in 
den »Verblendungszusammenhang« zurück, den er ent¬ 
schleiern möchte, nimmt er doch nicht die Gewalt einer 
dialektischen Analyse der in dieser Epoche welthistorisch 
relevanten Kräfte auf sich, um daraus praktische Folgerungen 
zu ziehen. »Wir stehen mitten im Werden, im Sich-Heraus- 
bilden der Weltgeschichte, eben nicht darum, weil alle 
24 


Staaten und Nationen umeinander wissen, sondern darum, 
weil sie einander beeinflussen, in Zukunft mehr und mehr 
beeinflussen« (F. Stemberg, Wer beherrscht die zweite 
Hälfte des 20. Jahrhunderts?, 1961, S. 339). 

Für den kritischen Denker, der die Faktizitäten des jeweils 
eigenen Staates durch das Totum (Welt - als vermittelter 
Einzelinhalt) konkret vermittelt weiß, für den das objektive 
Moment der Entfaltung der Produktivkräfte in der Welt 
nicht zu trennen ist von der subjektiven Tätigkeit der 
aufklärerisch-revolutionären organisierten Avantgarde, ist 
ein »Stillstand der Geschichte« als Resultat einer dialekti¬ 
schen Analyse unmöglich. Ich muß jedem, der von einem 
»Stillstand der Geschichte«, von »Aufdeckung von Repres¬ 
sion festigt Repression« usw. spricht, vorwerfen , daß er 1) 
partikulare, d. h. falsche Analyse von nationalstaatlichen 
Gesellschaften als »letzte Weisheiten« einem »unbearbeite¬ 
ten« Publikum darbietet, daß er 2) die organisierte Kraft von 
Menschen als bestimmendem Faktor der geschichtlichen 
Entwicklung »vergißt«. 

Eine »konkrete« Analyse der Bundesrepublik, die zu dem 
Ergebnis kommt, daß »die gesellschaftlichen Mechanismen 
j so reibungslos ineinandergreifen, daß sie zulassen können, 

‘ daß die Wahrheit über sie ausgesprochen wird. Bewußtsein 

■ greift nicht mehr ein«, ist falsch und gefährlich, mißachtet sie 

j doch die tiefen Erfahrungen der bisherigen Weltgeschichte, 

in der gesellschaftliche Wahrheiten in Form einer Theorie nur 
dann unmittelbar gesellschaftliche Wirklichkeit veränderten, 

* wenn sie von organisierten Massen konkret getragen wurden. 
Die herrschenden Kreise der Bundesrepublik billigen dem 
kritischen Bewußtsein von Privatleuten, die keinerlei poli¬ 
tisch-gesellschaftlich relevante Kraft darstellen, jedes nur 

, gewünschte Reservat zu. ». . . professionelle Dialoge vom 

Katheder, Podiumsdiskussionen, round table, show - das 
Räsonnement der Privatleute wird zur Programmnummer 
der Stars in Funk und Fernsehen, wird kassenreif zur 
Ausgabe von Eintrittskarten, gewinnt Warenform auch noch 
da, wo auf Tagungen sich jedermann >beteiligen< kann. Die 
Diskussion, ins >Geschäft< einbezogen, formalisiert sich; 
1 Position und Gegenposition sind im vorhinein auf gewissen 

Spielregeln der Darbietung verpflichtet; Konsensus in der 

* 25 



f 


Sache erübrigt sich weitgehend durch den des Umgangs ... j 

Das derart arrangierte Räsonnement erfüllt gewiß wichtige 
sozialpsychologische Funktionen, vorab die eines quietiven J 

Handlungsersatzes« (J. Habermas, Strukturwandel der Öf¬ 
fentlichkeit, 1962, S. 182). Weiterhin ist es notwendig, daß 1 

besonders für die deutsche Analyse die 30jährige Verhül¬ 
lungstätigkeit der bedeutendsten deutschen Arbeiterparteien j 

(SPD, KPD, NSDAP) als bedingendes Moment gegenwärti¬ 
ger »Immunität« der Massen gegenüber gesellschaftlichen t 

Wahrheiten herangezogen wird. Das in den meisten Klassen ^ 

der 80er und 90er Jahre im 19. Jahrhundert bis in die 30er 
Jahre des 20. Jahrhunderts vorhandene tiefe Wissen um die ' 

Herr-Knecht-Problematik, das Wissen um die Widersprüche 
in Mitteleuropa, ist in den letzten dreißig Jahren einer 1 

ungeheuren Entmündigung der arbeitenden Schichten des 
Volkes gewichen. , 

Es gibt in der Bundesrepublik auch heute ausgezeichnete 
Analysen, die in der Hauptsache von der »institutionalisier¬ 
ten Kulturkritik« (Adorno, Horkheimer) und der »linken 
Professorenschaft« (H. Bahrdt, v. Friedeburg, Lieber, Ha¬ 
bermas, Bloch u.a.m.) geleistet werden. 1 

Wir fragen uns allerdings, wie es möglich ist, daß bei diesen 
hervorragenden Denkern die in der gegenwärtigen bundes- j 

republikanischen Wirklichkeit völlig unverständliche Tren¬ 
nung von Denken und Sein, von Theorie und Praxis, j 

weiterhin durchgehalten werden kann?! 


Dieser Text ist ein Beitrag zu den Differenzen, die 1964 in der } 

>,Subversiven Aktion< bzw. der>ANSCHLAG-Gruppe< (ihrer i 

Berliner >Sektion<), deren Mitglied Rudi Dutschke war, [ 

auftraten. Rudi Dutschke wendet sich hier zum ersten Mal 
polemisch gegen eine Strömung, die die traditionellen klassen- J 

analytischen Bestimmungen für unzureichend erklärte und 
die These entwickelte, der sog. Überbau - der in der i 

klassischen marxistischen Lehre eine untergeordnete Rolle 
spielt - habe heute selber materielle Bedeutung gewonnen 
(z. B. in der Kulturindustrie): den Alltagserfahrungen komme 
eine neue revolutionäre Bedeutung zu. 

26 I 

1 

1 


Genehmigte Demonstrationen müssen in die Ille¬ 
galität überführt werden 

(Brief zum Münchner Konzil der »Subversiven Aktion«, April 
1965) 


Die bisher nicht erfolgte Fertigstellung von Anschlag 3 ist 
ein Indiz für meine Vermutung, daß wir in einer theoreti¬ 
schen Krise stecken, die nur durch konsequente und syste¬ 
matische theoretische Anstrengung überwunden werden 
kann. Die theoretische Krise bezieht sich »nur« auf die 
Revolutionstheorie, stelle ich doch damit nicht die indivi¬ 
duell-fruchtbaren Arbeiten über verschiedene Themata in 
Frage. Verstehen wir uns weiterhin als revolutionäre Gruppe, 
so hat sich dies in erster Linie (unter unseren spezifischen 
Bedingungen, wovon noch später die Rede sein wird) 
theoretisch auszuweisen im richtigen Bewußtsein einer Pra¬ 
xis, die die Veränderung der Welt zum Ziele hat, »Die 
konkreten Bedingungen für die Verwirklichung der Wahr¬ 
heit mögen variieren, aber die Wahrheit bleibt dieselbe 
(Aufhebung der Arbeit, die Verwendung der vergesellschaf¬ 
teten Produktionsmittel für die freie Entwicklung aller 
Individuen, R. D.), und die Theorie bleibt in letzter Instanz 
ihr Hüter ... die Praxis folgt der Wahrheit, nicht umge¬ 
kehrt.« (H. Marcuse, Vernunft und Revolution, Darmstadt 
1962, S. 282). 

Methodische Vorbemerkung: 

Die Kritik der politischen Ökonomie, die theoretische 
weltrevolutionäre Tätigkeit, »ist methodologisch auf die 
Hegelsche Lehre von der Auflösung der Unmittelbarkeit 
durch die Aufzeigung der historischen Vermittlungskatego¬ 
rien durch die konkrete, historische Genesis begründet.« (G. 
Lukäcs, Moses Hess und die Probleme der idealistischen 
Dialektik, in: Archiv für die Geschichte des Sozialismus, 
1926, S. 149). Sie ist bei Marx durch eine Reihe von 


27 



Kategorien bestimmt, deren Reihenfolge weder logisch noch f 
historisch festgelegt ist, sondern deren Folge sich bestimmt I 
»durch die Beziehung, die sie in der modernen bürgerlichen f 

Gesellschaft aufeinander haben.« (K. Marx, Zur Kritik der ! 
politischen Ökonomie, Ost-Berlin 1958, S. 265). Damit 1 
erhielt die materialistische Dialektik durch Marx das von ' 
Hegel noch unauffindbare Realfundament. »Die Kritik der 
politischen Ökonomie steht nicht mehr als eine Wissenschaft 
neben den anderen, ist nicht bloß als »Grundwissenschaft« 
den anderen übergeordnet, sondern sie umfaßt die gesamte 
Weltgeschichte der »Daseinsformen« (der Kategorien) der 
menschlichen Gesellschaft.« (G. Lukäcs, Moses Hess, a.a.O., 

S. 152). Die materialistische Dialektik der Gegenwart hat als 
Theorie »das Wesen der Wirklichkeit« zu reproduzieren, ihre 
Kategorien müssen wieder »Existenzformen« der Wirklich¬ 
keit selbst sein. Es gilt nun mit der Marxschen Methode zu ! 

überprüfen, ob die Marxschen Kategorien (Kapital, Lohnar- ! 

beit, Grundeigentum). Ihre Beziehung zueinander. Stadt und j 
Land. Die drei großen gesellschaftlichen Klassen. Austausch > 
zwischen denselben. Zirkulation. Kreditwesen (private). Zu- t 
sammenfassung der bürgerlichen Gesellschaft in der Form 
des Staates. In Beziehung zu sich selbst betrachtet. Die 
»unproduktiven« Klassen. Steuern. Staatsschuld, öffentli¬ 
cher Kredit. Die Bevölkerung. Die Kolonien. Auswande- , 

rung. Internationales Verhältnis der Produktion. Internatio¬ 
nale Teilung der Arbeit. Internationaler Austausch. Aus- und j 

Einfuhr. Wechselkurs. Der Weltmarkt und die Krisen. (K. ' 

Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie, a.a.O., S. 266), * 

noch immer die bestimmenden, auch in dieser Reihenfolge t 

bestimmenden Faktoren der Tauschgesellschaft sind. Für 1 
Marx ist, um es expressis verbis klarzustellen, »Das Kapi- I 

tal. . . die alles beherrschende ökonomische Macht der , 

bürgerlichen Gesellschaft. Es muß Ausgangspunkt wie End¬ 
punkt bilden und von dem Grundeigentum entwickelt t 

werden. Nachdem beide besonders betrachtet sind, muß ihre 
Wechselbeziehung betrachtet werden.« (K. Marx, a.a.O., 

S. 265). I 

Kapital, Lohnarbeit und Besitz an Produktionsmitteln 
bzw. Grundeigentum bilden heute wie zu Marxens Zeiten die » 

Grundlage der antagonistischen Gesellschaft - mit einem 

28 


großen Unterschied und dieser Unterschied kann nicht oft 
genug betont werden; früher konstituierten diese Grundka¬ 
tegorien einen sich als Naturgesetz durchsetzenden ökono¬ 
mischen Zwangszusammenhang, der sich in Verelendung, 
Entmenschlichung und regelmäßigen Krisen mit potentieller 
Revolution auswies. Davon kann spätestens seit dem 2. 
Weltkrieg für die Industrienationen keine Rede mehr sein, 
auch der Hinweis, daß die gegenwärtige Stabilität der west¬ 
lichen Wirtschaft nur durch die latente und offene Kriegs¬ 
wirtschaft bedingt sei (Mandel, Horkheimer), kann die 
Stellenwertveränderung der Marxschen Kategorien nicht 
verdecken. Im Gegenteil. Gerade dieser Hinweis weist in eine 
Richtung, die die Bedeutung der Kategorien Lohnarbeit, 
Kapital, Grundeigentum zwar nicht aufgehoben hat, sie aber 
neutralisiert und unterlaufen hat, in die Richtung des unsere 
Gegenwart entscheidend mitbestimmenden Ost-West- 
Konflikts. Dieser und der Konflikt Industrieländer/Ent¬ 
wicklungsländer beherrschen das Gesicht unserer einen Welt 
in unserer Zeit, gerade weil wir erstmalig Weltgesellschaft in 
einem Realsinn wie nie zuvor geworden sind, müssen wir 
schnellstens eine der Gegenwart angemessene Reihenfolge 
der unsere Welt beherrschenden Kategorien (Daseinsformen, 
Existenzformen) analytisch erarbeiten. 

Natürlich können wir den noch verbliebenen »irdischen 
Kern« der europäischen Arbeiterbewegung durch Analyse 
herausdestillieren, können sogar in unserer aktuellen Gegen¬ 
wart noch die Reste und ihre Ausläufer durch härteste 
Anstrengungen aktivieren (anläßlich Notstandsgesetzge¬ 
bung, Metallarbeiterstreiks usw.) - über die Gegenwart in 
einem wirklichen, d.h. wirkenden Sinne weist diese Praxis 
weder aktuell noch potentiell voll hinaus. Ich stelle die 
Notwendigkeit und Wichtigkeit der Aktivierung bzw. Be- 
wußtmachung von Arbeitern im Betrieb nicht in Frage, ich 
stelle auch nicht die Möglichkeit dieser Praxis in Frage. Ich 
möchte jetzt die Marxsche Methode anwenden, d. h. die 
heutigen materiellen Verhältnisse der Produktion und Re¬ 
produktion des Lebens in ihren Auswirkungen auf das 
gesellschaftliche Bewußtsein kurz untersuchen. 

Die aus dem totalen Prozeß der Technologisierung der 
Produktion notwendigerweise (jedenfalls unter den herr- 


29 



sehenden Produktionsverhältnissen) sich entwickelnde tech¬ 
nologische Rationalität soll nun historisch-genetisch skiz¬ 
ziert werden. Dieser Wechsel (von kritischer in technologi¬ 
sche Rationalität) ist nicht der einfache Reflex der technolo¬ 
gischen Maschinerie auf seine Benutzer oder der Massenpro¬ 
duktion auf ihre Konsumenten. »Er (der Wechsel, R. D.) ist 
selbst ein determinierender Faktor in der Entwicklung der 
Maschinerie und Massenproduktion.« (H. Marcuse, Some 
Social Implications of Technology, in: Zeitschrift für Sozial¬ 
forschung, 1941, S. 415). Die »wirklichen Lebensverhält¬ 
nisse« als Subjekt-Objekt-Beziehung des »aktiven Verhal¬ 
tens des Menschen zur Natur« sind so die Einheit von sowohl 
Produktionsweise, Gesamtheit der Produktionsinstrumente, 
die unsere Gegenwart und die Vergangenheit hervorgebracht 
haben und hervorbringen, als auch die sozialen Institutionen, 
Beziehungen und Verhaltensmuster - diese Subjekt-Objekt- 
Einheit ist das herrschende Falsche, das, was uns alle 
beherrscht und unterdrückt. Das Prinzip des Individualis¬ 
mus ist das Prinzip der Autonomie des Denkens und die 
»Freiheit der autonomen Marktsubjekte« (s. o.). Das »freie 
Spiel« der ökonomischen Subjekte, der freie Wettbewerb des 
Marktes erforderten individuelle und autonome Rationalität, 
auch in der Verhüllung noch die kritische Rationalität nicht 
voll verlierend. »Die moderne Industrie betrachtet und 
behandelt die vorhandene Form eines Produktionsprozesses 
nie als definitiv. Ihre technische Basis ist daher revolutionär, 
während die aller früheren Produktionsweisen weseritlich 
konservativer war. Durch Maschinerie, chemische Prozesse 
und andere Methoden wälzt sie beständig mit der technischen 
Grundlage der Produktion die Funktionen der Arbeiter und 
die gesellschaftlichen Kombinationen des Arbeitsprozesses 
um. Sie revolutioniert damit ebenso beständig die Teilung der 
Arbeit im Innern der Gesellschaft und schleudert unaufhalt¬ 
sam Kapitalmassen und Arbeitermassen aus einem Produk¬ 
tionszweig in den anderen.« (K. Marx, Kapital I, S. 512). Die 
Folge dieses Prozesses (Mechanisierung und Rationalisie¬ 
rung) war das Verschwinden der »kleinen Fische« im »Ra¬ 
chen« der großen Konzerne. Das »freie ökonomische Sub¬ 
jekt« war liquidiert; die Grundlagen der bisherigen indivi¬ 
duell-autonomen Rationalität beseitigt bzw. zutiefst gefähr- 
30 


l det. Nur eine radikale Koordination der Großunternehmen, 

geplante Interventionen (zur Rationalisierung des Prozesses 
i gehört nicht nur eine Rahmenplanung), nur volle Auskalku- 

| lierung ermöglicht heute einen Platz innerhalb des Welt- 

I marktes. Die so aus Mechanisierung und Rationalisierung 

notwendigerweise entstehende technologische Rationalität 
i bringt eine Meinungsstandardisierung und eine Verinnerli¬ 

chung der Normen des Apparats mit sich. (»Apparat verstan¬ 
den als Institutionen, Verhaltensweisen und Organisationen 
* der Industrie in ihrer vorherrschenden gesellschaftlichen 

Form.« (H. Marcuse, Some Social Implications . . ., a.a.O., 

, S.417). Lewis Mumford spricht von einer »objektiven Perso¬ 

nalität«, besser vielleicht als Objekt-Personalität zu bezeich¬ 
nen, die durch permanente Beherrschung und Versagung alle 
individuelle Spontaneität der Maschine, der sie sich unter¬ 
werfen muß, überträgt. Standardisierte Effektivität und Pro¬ 
duktivität wird vom noch notwendig falschen Bewußtsein als 
Individualität und freie Entscheidung mißverstanden. In der 
Produktion des Industriebetriebes wird der Objekt-Charak¬ 
ter des Menschen besonders darin sichtbar, daß er nur mehr 
Zubehör der Maschine ist, nur seine Totalunterwerfung und 
sein Gehorsam gewährleisten die Effektivität und Produkti¬ 
vität des Ganzen. Die sozio-ökonomische Herrschaftsstruk¬ 
tur »erhält ihre Macht nicht durch Gewalt. Sie erreicht es, 
indem sie sich selbst identifiziert mit dem Glauben und der 
Loyalität der Menschen.« (Th. Veblen, The Instinct of 
Workmanship, New York 1922, S. 315). Diese wiederum 
sind bestens präformiert . . . Doppelunterdrückung schließt 
den für die Revolutionierung des Ganzen erforderlichen 
Ausbruch, einen Ausbruch der mit Spontaneität und freier 
Entscheidung (bewußter) gekoppelt sein muß, aus. Die 
transzendierendes Denken ausschließende technologische 
Rationalität - ist doch ein solches für die herrschende 
Rationalität irrational, »politisches Verbrechen« und »tech¬ 
nische Dummheit« - beherrscht die heutigen Industriegesell¬ 
schaften. Sie untergräbt immer mehr ein Denken über 
' unerfüllte Potentialitäten der Gesamtgesellschaft. »Die Me¬ 

chanismen der Konformität« gehen von der technologischen 
zur sozialen Ordnung über; sie beherrschen die Leitung nicht 
nur in den Fabriken und Läden, sondern auch in den Büros, 


31 



Schulen und schließlich im Bereich der Erholung und der 
Unterhaltung.« (H. Marcuse, Some Social Implications . . 
a.a.O., S. 421). Läßt sich denn überhaupt aus der obigen 
Darstellung noch revolutionäre Praxis theoretisch auswei- 
sen? Schien diese Darstellung nicht auf »alle Mauselöcher 
sind verstopft« hinauszulaufen? Nein, es war nur der Ver¬ 
such, sich der Empirie zu bemächtigen (s. o.). 

In den folgenden Passagen geht es nun endlich um die für 
uns mögliche und sinnvolle Praxis, um Formulierung einer 
Praxis, die die der Theorie niederlegt »zu einer Stellung¬ 
nahme, in der die Dualität von Theorie und Praxis aufgeho¬ 
ben wird, indem die Gegenwart einerseits als konkrete und 
unmittelbare erfaßt, aber als Resultat des Geschichtsp rozes- 
ses, also genetisch . . . begriffen wird, andererseits aber . . . 
die Gegenwart als bloßes Moment des über sie hinausgehen¬ 
den Prozesses aufzeigt. Denn gerade diese kritische Stellung¬ 
nahme zur Unmittelbarkeit der Gegenwart bringt sie in 
Beziehung zur menschlichen Aktivität: in den über sich 
selbst hinaustreibenden Momenten der Gegenwart sind die 
Richtlinien und der reale Spielraum der praktisch-kritischen 
Tätigkeit, der umwälzenden Praxis gegeben.« (G. Lukäcs, 
Moses Hess, a.a.O., S. 145). Die schon auf verschiedenen 
Seiten angedeuteten ȟber sich selbst hinausweisenden Mo 
mente der Gegenwart« fassen wir hier kurz zusammen: 

Die »globale Konkurrenz zwischen Kapitalismus und 
Kommunismus, die die höchstmögliche Steigerung der Pro¬ 
duktivität und die höchstmögliche Rationalisierung der Ar¬ 
beit in beiden Systemen zur Existenzfrage macht« (H. 
Marcuse, Freiheit: von oder zu, Westdeutscher Rundfunk, 
Dez. 1964, S. 6), überspielt die der völligen Automation 
entgegenstehenden Tendenzen (Gewerkschaften, die für eine 
systematisch-dosierte Steigerung der Automation sind! 
Furcht vor eventuellen Arbeitslosenheeren. Finanzierungs¬ 
frage der Automation.). Die tendenziell völlige Arbeitslosig¬ 
keit muß für uns, für unsere Praxis der entscheidende 
Fixpunkt sein. Von diesem für uns ökonomischen Endziel 
des technologischen Prozesses her muß sich unsere Strategie 
konstituieren, müssen sich die einzelnen Schritte theoretisch 
ausweisen lassen. Potentiell steht an dem anvisierten Punkt 
der Zusammenbruch der repressiven Arbeitsmoral, damit der 
32 


’ darauf beruhenden sozialen Institutionen in ihrer ganzen 

Vielschichtigkeit; könnten auch »diese Herrschaftsfor- 
i men . .. nicht mehr als technologische Notwendigkeit, als 

Garanten der gesellschaftlichen Produktivität erscheinen.« 

, (H. Marcuse, a.a.O., S. 4), ihre Irrationalität würde offenbar. 

Aktuell und sogar noch über die unmittelbare Gegenwart 
\ hinausweisend sind sehr starke und noch im Steigen begrif¬ 

fene Gegenkräfte wirksam, die die angedeuteten Potentiali- 
täten »in weite Ferne« zu rücken scheinen, ist doch auch das 
ökonomische Endziel »erst« (kaum vor) in ca. 10-20 Jahren 
als installiert zu erwarten. Was zum Teufel bleibt uns nun 
endlich noch zu tun? Etwas Geduld ist noch nötig, der Boden 
ist noch nicht völlig sondiert, die Real-Konkretwerdung darf 
, nicht vorschnell geschehen. »Außerhalb oder innerhalb die¬ 

ses Pluralismus und dieser Demokratie (der sich bildenden 
»eindimensionalen« Gesellschaft, R. D.) leben ganze Schich¬ 
ten, die nicht eingeordnet sind und vielleicht auch nicht 
eingeordnet werden können, nämlich rassische und nationale 
Minderheiten, dauernd Arbeitslose und Arme. Sie stellen die 
lebendige Negation des Systems dar, aber sie bilden eine 
Minderheit, die das Funktionieren des Ganzen bis jetzt nicht 
ernsthaft in Frage stellt ... Es gibt zentrifugale Kräfte . . . Sie 
erscheinen in der Aktivierung bisher ungeschichtlicher und 
unpolitischer Minoritäten innerhalb und Majoritäten außer¬ 
halb der Gesellschaft im Überfluß. Sie erscheinen in der 
Verbreitung der Erkenntnis dessen, was geschieht und was 
Menschen angetan wird. Gewiß, es gibt nichts, das die 
Massen ergreift, es gibt keine Bewegung, es gibt keine Partei, 
die diese Tendenzen aktiviert. Aber es ist etwas da, und es 
bedarf der Hilfe, und die Erkenntnis ist ein Element der 
Hilfe.* (H. Marcuse, a.a.O., S. 21/22). Hier wird esnun ernst 
für die Revolutionäre, die sich innerhalb unserer winzigen, 
gesellschaftlich noch für eine ziemliche Zeit völlig irrelevan¬ 
ten, weil weitgehendst außerhalb der Gesellschaft stehenden, 
mit Recht außerhalb stehend (was wir hoffentlich in den 
nächsten zwei bis fünf Jahren durchhalten werden), Minori¬ 
tät als solche verstehen und sich als solche somit auszuweisen 
haben. Die totale Mobilisierung der »Gesellschaft im Uber- 
' fluß« gegen die immer möglicher werdende totale Befreiung 

des Individuums von Ökonomie, von Politik, von öffent- 

33 



lichkeit usw., kann von uns nur durch vollen Einsatz der 
Persönlichkeit für die Emanzipation (Mündigmachung) der 
Menschheit beantwortet werden. Ick will nun nicht länger • 
große Worte gebrauchen, will vielmehr meine direkten 
Vorschläge über die nächsten Schritte, d. h. meine Vorstei- l 
lungen über die Praxis unserer Gruppe für unsere aktuelle 
und wirkende Gegenwart darlegen, denn nur die »Feigen 1 
reden sich aus allem heraus, die Lügner bleiben allgemein. 

Dabei sind sie wortreich, verstecken sich in weiten oder 
spinösen Gewändern und suchen immer woanders zu sein als 
dort, wo man sie ertappt. Aber das Wahre kann nicht 
bestimmt genug werden, auch dann und gerade dann, wenn 
die Sache vor dem Blick noch dämmert.« (E. Bloch, Keim 
und Grundlinien zu den Feuerbachthesen, in: Deutsche 
Zeitschrift für Philosophie, 1953, S. 238). 

Ich beginne mit der negativen Bestimmung, einer Zusam¬ 
menfassung in Thesenform: 

1) Die Konstituierung der lohn abhängigen Arbeiterschaft 
aus der »Klasse an sich« in die »Klasse für sich« ist 
unmöglich. 

2) Auch der Versuch, einzelne Fabrikarbeiter zu agitieren 
(die ja in der Fabrik und besonders dann, wenn sie sich etwas 
von der herrschenden Ideologie gelöst haben, bleiben, also 
nicht von der repressiven Arbeit »losgeeist« werden sollen), 
ist für uns bei unseren sehr geringen Kräften in der Gegen¬ 
wart nicht zu »verkraften«, nicht zu verantworten. 

3) Die Gewerkschaftsarbeit darf nicht zu ernst genommen 
werden, darf unsere Zeit nicht stark beanspruchen, kann 
allerdings Quelle unseres Lebensunterhalts, wenn nötig, sein. 

4) Wir haben uns keinerlei Illusionen über den Charakter 
des SDS hinzugeben; er ist ein Gelegenheitsprodukt der 
revolutionären Ebbe der Nachkriegszeit. 

Bis vor wenigen Tagen dachte ich noch über den SDS wie 
K. Liebknecht über die USPD dachte: »Wir haben der USP 
angehört, um sie voranzutreiben, um sie in der Reichweite 
unserer Peitsche zu haben, um die besten Elemente aus ihr 
herauszuholen«; diese Meinung halte ich aufrecht, füge aber 
die wichtige Ergänzung hinzu: durch den SDS für uns, wobei 
wir für die revolutionäre Bewegung stehen, die Möglichkeit 
der Anknüpfung internationaler Beziehungen zu erhalten. 

34 


5) Die enge praktische Zusammenarbeit mit den vielen 
»linken«, aber nicht revolutionären (sie müßten sonst eine 
eigene in die Zukunft weisende Theorie bzw. ein kritisches 
Bewußtsein von der Notwendigkeit einer solchen Theorie 
haben) deutschen Gruppen in den bundesrepublikanischen 
Städten, in denen wir Mikrozellen haben, ist nicht völlig 
einzustellen, aber wesentlich zu reduzieren. 

6) Die Möglichkeit, die sich durch größere Demonstratio¬ 
nen ergibt, ist unter allen Umständen auszunützen. Geneh¬ 
migte Demonstrationen müssen in die Illegalität überführt 
werden. Die Konfrontation mit der Staatsgewalt ist zu 
suchen und unbedingt erforderlich. Die Bedingungen dafür 
müssen günstig sein (verhaßtes Staatsoberhaupt usw.). 
Künstliche Radikalisierung, d. h, aus nichtigen Anlässen (in 
Berlin die letzte SDS-Südafrika-Demonstration) unbedingt 
etwas machen zu wollen, ist unter allen Umständen abzuleh¬ 
nen. Die Radikalisierung bei größeren Demonstrationen, die 
günstige Vorbedingungen liefern, sind kurzfristig, aber in¬ 
tensiv durch (bewußtseinsmäßig gestaffelte) verschiedene 
Flugblätter vorzubereiten, soll doch einigen an der Demon¬ 
stration teilnehmenden potentiellen Mitarbeitern der 
»Sprung« zu uns möglich gemacht werden. Marx sagt dazu: 
»Weit davon entfernt, den sogenannten Exzessen, den Exem¬ 
plaren der Volksrechte an verhaßten Individuen oder öffent¬ 
lichen Gebäuden, an die sich nur gehässige Erinnerungen 
knüpfen, entgegenzutreten, muß man diese Exempel nicht 
nur dulden, sondern ihre Leitung selbst in die Hand neh¬ 
men.« (K. Marx, Enthüllungen über den Kommunistenpro¬ 
zeß, Mehring-Ausgabe, 4. A. 1914, S. 52/53). 

Nach dieser nicht umfassenden, aber doch wesentliche 
Punkte herausgreifenden negativen Bestimmung muß ich 
nun das von mir als richtig Erkannte weiter skizzieren. Als 
Schüler von Karl Marx in der Anwendung der materialisti¬ 
schen Dialektik muß ich nun »positiv« werden, was nichts 
mit Positivismus zu tun hat. Im Kapital I spricht Marx davon, 
daß eine Lösung auf gedeckter Realwidersprüche nicht durch 
abstrakt-logische Formen, sondern nur darin, daß die Bahn 
(Form) geschaffen wird, »worin sie sich bewegen können, 

. . ., worin sich dieser Widerspruch ebenso verwirklicht als 
löst.« (K. Marx, Kapital I, S. 109). Welche Formen haben wir 

35 


heute und besonders »morgen« zu schaffen, um die sich I 
entfaltenden Widersprüche im Laufe der sich durchsetzen¬ 
den Vollautomation in die richtigen Bahnen, in die Bahnen 
der Befreiung zu lenken. »Wir stützen uns bloß auf die einmal 
erkannte Richtung der Entwicklung, treiben aber dann im 
politischen Kampfe ihre Konsequenzen auf die Spitze, worin 
das Wesen der revolutionären Taktik überhaupt besteht.« (R. 
Luxemburg, Gesammelte Werke, Bd. III, S. 64). 

Die Grundlage für meinen Vorschlag ist die in diesem 
Diskussionsbeitrag vorgenommene Analyse der Entwick¬ 
lungstendenzen der hochindustrialisierten Gesellschaft. Ist 
diese »Basis« richtig, so haben wir nun vom ökonomischen ) 
Endziel her (Vollautomatisierung) unsere Strategie konkret 
zu entwickeln. Die schon heute konstituierte Weltgesell- | 
Schaft weist nach vom, die Internationalisierung der Strategie I 
der revolutionären Kräfte scheint mir immer dringlicher zu 
werden. Unsere Mikrozellen haben umgehend Kontakt und i 
Zusammenarbeit mit amerikanischen, anderen europäischen, I 
lateinamerikanischen und auch afro-asiatischen Studenten 
und Nichtstudenten (wenn möglich) aufzunehmen. Diese i 
Kontakte sind allen anderen Kontakten mit pseudorevolutio- j 
nären deutschen Gruppen vorzuziehen. Neben einer mögli- I 
chen aktuellen theoretischen Zusammenarbeit muß vor allem 
daran gedacht werden, Adressen der revolutionären Grup¬ 
pen in den Heimatländern zu erhalten. Austausch von 
Publikationen (die Sprachschwierigkeiten lassen sich gerade 
durch die hiesige Zusammenarbeit mit den ausländischen 
Studenten vor allem schnell beseitigen) brächte uns endlich ' 
eine Fülle von bisher nicht oder kaum eruierbaren Informa¬ 
tionen, ließe das konkrete Gebäude einer umfassenden > 
Weltrevolutionstheorie sichtbar werden, eine Theorie, an 
deren Ausarbeitung heute sich keine noch so geniale Person 
allein heranmachen kann . . . 

Wir wissen aus der Geschichte der vergangenen Revolutio¬ 
nen, daß in objektiv reifen Situationen der Verelendung und 
der sozialen Not des Proletariats die subjektive Tätigkeit 
einer selbständigen Avantgarde allergrößte Bedeutung erhält. 1 

(Lenin, Che Guevara, Alvarez usw.); sollten wir im Laufe der 
nächsten zehn bis fünfzehn Jahre fähig sein, durch theoreti- > 
sehe Weltanalyse und praktische Koordination der revolutio- 

36 > 


nären Gruppen vorzeitige »Revolutionsmacherei« zu verhin¬ 
dern (sehr »unrealistisch«, dennoch die Forderung), so wird 
uns der Entscheidungskampf in guten Ausgangspositionen 
finden. 

Wir müssen parallel zu dem sich in seiner Eigengesetzlich¬ 
keit (von uns fast völlig unabhängig und unbeeinflußbar) 
durchsetzenden historischen Prozeß, der, wenn keine Kata¬ 
strophe eintritt, unaufhaltsam auf Vollautomatisierung hin¬ 
treibt, unsere revolutionäre Kraft qualitativ und quantitativ 
steigern. 

Jeder einzelne Schritt muß durch die Strategie bestimmt 
werden. Die »Durchbrechung des verwalteten Bewußt¬ 
seins«, diese »Vorbedingung der Befreiung« (H. Marcuse, 
Kultur und Gesellschaft, Frankfurt/Main 1964, S. 15/16), 
muß von uns auf lange Sicht geplant und nicht überstürzt zu 
einem falschen Zeitpunkt versucht werden. Habermas’ 
Frage: »Sollte nicht eine Dialektik des falschen Überflusses 
eher zur Reflexion irrationaler Herrschaft führen als eine 
Dialektik der richtigen Armut?« (J. Habermas, Theorie und 
Praxis, a.a.O., S. 333/4) weist b die offene Zukunft. Die 
Hoffnung auf gewaltige ökonomische Krisen mit Elend, 
Krieg usw. ist analytisch falsch und kann Ausdruck eines 
falschen Menschenbildes sein. Die konkrete Reflexion über 
die Möglichkeit der Durchbrechung des falschen Bewußt¬ 
seins im Laufe der nächsten zwanzig Jahre muß die Tagung 
leisten. Hierfür wäre die Zusammenarbeit mit den revolutio¬ 
nären amerikanischen Gruppen von entscheidender Bedeu¬ 
tung, sehen diese doch am ehesten die neuen Tendenzen 
innerhalb der »Gesellschaft im Überfluß«, der aktuellen 
Weltgesellschaft. Phänomenologisch gesprochen, haben wir 
zu versuchen, die Prozesse in den Entwicklungsländern so zu 
leiten, (wenn ich von »wir« spreche, so sind nicht wir 
persönlich gemeint, sondern die sich konstituierende und 
koordinierende »größte Produktivkraft« der Weltgesell¬ 
schaft, die »revolutionäre Klasse« (Marx) im Weltmaßstab in 
Form von »Mboritäten innerhalb und Majoritäten außerhalb 
der Gesellschaft im Überfluß«), daß der endgültige Revolu- 
tionierungsprozeß in Latebamerika (in Afrika und Asien 
werden wirkliche Revolutionen sowieso erst durch die 
Entstehung des Proletariats bfolge von Industrialisierung in 

37 



zehn bis fünfzehn Jahren möglich), zeitlich und organisato- 1 
risch »zusammenfällt« mit der Vollautomation in den kapi- j 
talistischen Industriegesellschaften. j 

Die möglichen Folgen dieser Vollautomatisierung für die 
Sowjetunion (und damit wohl für ganz Osteuropa) hat das | 

wirklich »epochemachende« Buch von Marcuse über die 
»Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus« glänzend | 

aufgezeigt. Der »Druck von innen « in den Industriegesell¬ 
schaften durch die Befreiung des Menschen von der repres¬ 
siven Arbeit innerhalb des Apparates muß durch den » Druck ^ 

von außen* (Entwicklungsländer) begleitet werden, auf daß 1 

eine Umkehr nicht mehr möglich ist. In diesem Augenblick ) 

wird sich die »Schuld der Vergangenheit« noch einmal zu 
einem »letzten Gefecht« von ungeheurer Dimension kristal¬ 
lisieren. Vortechnologische Rationalität in den Entwick- j 

lungsländern und sich von technologischer wieder in kriti- j 

sehe Rationalität umwandelnde Denkform in den Industrie- \ 

ländern werden sich vereinigen in einer die Welt umfassenden 
Lust-Rationalität, Stillegung der Geschichte, Experimentie- i 

ren und Spielen mit dem Apparat, die Ungleichzeitigkeit der 
historischen Dialektik schließt sich in diesem Augenblick; I 

eine »Welt ohne Krieg und Hunger« übersteigt gegenwärtig 
noch unsere Phantasie . . . 



Rudi Dutschke schrieb diesen Brief - von uns um größere 
Teile gekürzt, die sich mit einem in diesem Buch veröffent¬ 
lichten >Anschlag 1<-Text überschneiden - anläßlich des 
>Münchner Konzils» der >Subversiven Aktion< (April 1965). Er 
konnte wegen einer Reise in die Sowjetunion (vgl. den 
folgenden Text) nicht teilnehmen und begriff den Brief als 
konzeptionellen Diskussionsbeitrag zu einer gemeinsamen 
Neubestimmung revolutionärer Theorie und Praxis für sub¬ 
versive Gruppen und » Mikrozellen « in der Bundesrepublik. 

Der Text demonstriert die zunehmenden Spannungen und 
Widersprüche insbesondere zwischen der Berliner und der 
Münchner >Sektion<. Der »ANSCHLAG« erschien nur noch 
einmal (Nr. III) - vor allem mit Antworten auf Rudi 
Dutschkes Thesen zum Konzil. Danach zerbrach die Subver¬ 
sive Aktion<. 


Traurige und schöne Augenblicke 

(Tagebuch einer Reise mit einer SDS-Delegation in die 

Sowjetunion, 21. April bis 5. Mai 1965; Auszüge) 


Ist schon verrückt. Ich komme aus Ost-Deutschland, aus 
der DDR, mußte abhauen. Jetzt fahre ich hindurch, darf 
nirgendwo aussteigen. Die Genossin und die Genossen, die 
mit mir fahren, können dieses komische Gefühl wahrschein¬ 
lich nicht ganz nachvollziehen. Viel gemeinsamer wird unser 
Gefühl bei der Durchfahrt durch Polen gewesen sein. Zu 
viele Erinnerungen an die Beteiligung der Väter bei der 
Eroberung Polens, das gleiche galt bei der Fahrt nach 
Moskau. Allerdings konnte ich eine andere Erfahrung nicht 
vergessen: die - jugendliche - Wahrnehmung des 17. Juni 
1953, mein Beten für die ungarischen Aufständischen von 
1956. Zweifellos wird mich auch in diesen Wochen meine 
frühe Sympathie für die russischen Oppositionellen nicht 
verlassen. 

Nun sind wir schon durch Warschau hindurch, hatten nur 
einen ganz kurzen Zwischenaufenthalt, Zeit um mal kurz aus 
dem Bahnhof hinausriechen zu können. Dachte an Kola- 
kowsky, Kuron-Modzelewski usw. Wer weiß, wer wieder 
das Land verlassen mußte; (. . .) 

Im Bahnhof in Moskau wurden wir von Mitgliedern der 
Komsomol-Organisation freundlich empfangen, mit einem 
Auto in das Hotel für internationale Gäste gefahren. Einen 
intensiven Blick auf den Bahnhof zu werfen, war unter 
solchen Umständen nicht möglich; auf uns wartete das Essen 
und die organisatorische Vorbereitung der Kontakte und 
Besuche in den nächsten Tagen. Zu in-offiziellen Treffen 
wird es mit Sicherheit nicht kommen. Mit wem auch? (. . .) 

Mensch, was kam mir beim Anblick des Winterpalais, der 
Peter-Pauls-Festung und der alten »Aurora« nicht alles hoch. 
Es hat offensichtlich auch Nachteile viele Bücher zu lesen . . . 


38 


39 



Am Nachmittag suchten wir noch das »Museum . .« auf. Es 
fällt mir einfach oft schwer, entspannt zuzuhören, wenn da 
problemlos, voller Pseudo-Optimismus und Schwachsinn 
über die »Geschichte des Aufbaus des Sozialismus« Erklä¬ 
rungen abgegeben werden. 

Sobald man allerdings von dem deutschen Wahnsinn der 
faschistischen Angreifer zu hören, durch Bilder und Doku¬ 
mente von den Ermordungen zu sehen bekommt, verschwin¬ 
den für Augenblicke die Ansprüche, die man an das Land der 
Oktoberrevolution stellen muß. Wir jungen deutschen Mit¬ 
glieder des SDS tragen nicht die Schuld an dem 2. Weltkrieg, 
tragen allerdings Verantwortung für unsere Zeit. Ob wir da 
versagen, wie viele Generationen vor uns : das wird sich erst 
noch zeigen. (. . .) 

Die Gespräche mit einem Redakteur von »Cmena«, 1919 
gegründet, waren stinklangweilig, aber auch etwas er¬ 
schreckend: der Chruschtschow-Sturz »war für die Bevöl¬ 
kerung kein Problem, alles wurde klar und gut erklärt von der 
Partei und unseren Zeitungen«. 

Viel interessanter war schon das Gespräch mit Herrn 
Sachs, dem verantwortlichen Sekretär der literarischen Zeit¬ 
schrift »Nowy Mir«. Er stellte sich ziemlich offen der 
Diskussion. Es gebe durchaus in dieser Zeitschrift einige 
»verschiedene Schraffierungen«, jedoch »keine Fraktionie¬ 
rungen oder festgelegten Gruppierungen«. 

Zweifellos habe, seiner Meinung nach, Solscbenizyn viele 
wertvolle Auseinandersetzungen hervorgerufen. Dieser 
Schriftsteller wäre noch lange nicht überholt, sehr viele 
Leserbriefe bestätigten dies immer wieder. Sachs gibt uns eine 
kleine Einführung in die sowjetische Gegenwartsliteratur. 
Wosnessenskij wäre ein formaler Dichter der Versmalerei, 
Jewtuscbenkow dagegen sehr viel inhaltsreicher. In »Nowy 
Mir«, so meint jedenfalls unser Gastgeber, sind Streitgesprä¬ 
che an der Tagesordnung. 

Solschenizyn sei für diese Zeitschrift ein »großer Künst¬ 
ler«, werde mit Sicherheit noch große Werke von sich geben, 
seine Schaffenskraft sei noch lange nicht erschöpft. Schlie߬ 
lich sei »Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch« 
Ausdruck großer künstlerischer Qualität der Darstellung. 


Grenzprobleme menschlichen Daseins: da habe Solscheni¬ 
zyn Großes geleistet; bei ihm sei wirklich nichts fest gewor¬ 
den, sein Mut und seine Gestaltungskraft gäben Anlaß zu 
großer Hoffnung für die sowjetische Literatur. Eine gewisse 
Begeisterung ist zu hören. Muß zu meiner Schande gestehen, 
die ganze neue sowjetische Literatur nicht zu kennen. (. ..) 

Trauriger und schöner Augenblick. 

Nachdem wir die vielen Institute hinter uns hatten, 
suchten wir an der Außenseite von Leningrad noch den 
großen Leningrader Sportplatz auf. Nun war ich zwar mal 
wahnsinnig verrückter Leistungssportler in der DDR, aber 
eine andere »provokative« Frage drängte sich mir bald auf: 
wo liegt eigentlich von hier aus gesehen Kronstadt, und was 
ist da inzwischen los? 

Die Komsomol-Mitglieder stellten sich echt dumm und 
wußten von nichts, auch nichts von den realen Kämpfen im 
März 1921. Mein Wissen stammte nicht mehr nur aus Lenin- 
und Trotzki-Analysen und Einschätzungen, ich hatte näm¬ 
lich vor wenigen Wochen die Autobiographie von V. Serge 
gelesen. War für mich erschreckend, die Matroseneinheiten, 
die den Oktober der Bolschewiki mit ermöglichten und zum 
Sieg führten, sind in Kronstadt niedergeschossen worden. 
Wieso war da eine »proletarische Notwendigkeit«, die Kron- 
städter Matrosen, die für die Sowjets nun wieder eintraten 
und gegen die Bolschewiki sich äußerten, politisch-militä¬ 
risch zu liquidieren? Wer bestimmte denn diese »historische 
Notwendigkeit«? Lukäcs nahm in seinem »Kommunis- 
mus«-Blatt da 1921 völlig die offizielle Haltung der KPdSU 
und der KI-Exekutive ein, die »Konterrevolution« mußte 
niedergeschlagen werden. Unsere Gastgeber kannten all 
diese Publikationen nicht, wer weiß, wann die jemals all die 
uns zugänglichen Bücher in die Hand bekommen. Ein 
Gespräch über all diese Aspekte war einfach mit unseren 
Gastgebern nicht möglich. Die Wendungen durch den XX. 
Parteitag können einfach nicht grundlegend gewesen sein! 

Viel einfacher und angenehmer war die plötzliche Kon¬ 
taktaufnahme mit sowjetischen Kindern im Alter zwischen 
9 und 13 Jahren. Die trieben sich wie wir am oberen Teil des 
Stadions herum, auf der Zuschauerebene. Die spielten mit 


41 



einem kleinen Ball halt Fußball, da sich einzumischen war 
nicht schwer und wurde freundlich begrüßt. War prima, 
Renate übersetzte hin und wieder, Bilder sind auch aufge¬ 
nommen worden. Ob es was geworden ist, werden wir sehen. 
Die Kinder waren, wie zumeist, nicht im geringsten ver¬ 
krampft, hatten von Uwe Seeler und Herberger natürlich 
schon gehört. 

Abfahrt 

Unser Komsomol-Ubersetzer, der offizielle, machte zum 
Schluß die Bemerkung: »Ich werde mir manche Marx-Texte 
noch mal neu anschauen«. 

Wie der 1. Mai in Moskau oder Leningrad war? 

So wie ich ihn von Luckenwalde her kannte. In Rußland 
erinnerte ich mich oft des Alexander-Block-Satzes von 1920: 
»Diejenigen, die in einer unerfüllten Zeit geboren sind, 
erinnern sich nicht ihrer Vergangenheit. Wir, Kinder Ru߬ 
lands in gefahrenvollen Zeiten, vergessen nichts«. Wie sich 
eine Lage und ihre Interpretation ändern können! 


1967/1968 



42 


Besuch bei Georg Lukacs 

(Aus den Tagebuch, Mai 1966) 


Alle waren wir aufgeregt, den alten Genossen zu treffen. 
Ich hatte ihm kurz vorher einen Brief geschrieben, um unsere 
Ideen und Fragen etwas vorzustellen. Zuerst fuhren wir zu 
Franz Janossy, dem Sohn von Lukacs. Vom Sohn desselben 
erfuhren wir die Adresse des Arbeitsplatzes von seinem Vater 
und der Mutter. Dort stellten wir uns kurz vor und warteten 
die Beendigung der Arbeit ab. 

Sehr freundlich wurden wir zu Hause empfangen. Von 
Maria Janossy erfuhren wir am meisten über den Aufstand 
und Widerstand des Volkes von 1956. Von der »Konterrevo¬ 
lution« zu schwätzen sei erst einmal reiner Unsinn und 
Betrug der Stalinisten. Man könne nicht den Widerstand für 
Sauereien verantwortlich machen, die auf der gesellschaftli¬ 
chen Grundlage des Stalinismus gewachsen sind. Franz 
Janossy hielt sich hierbei sehr zurück, berichtete uns aber 
ausführlich über seine politisch-ökonomische Studie zum 
Thema des »Wirtschaftswunders« (auf deutsch: Verlag Neue 
Kritik, Frankfurt/Main). Sein Buch heißt »Am Ende der 
Wirtschaftswunder. Erscheinung und Wesen der wirtschaft¬ 
lichen Entwicklung«. Unmittelbar war uns in der BRD und 
West-Berlin kein Ende des Wirtschaftswunders vor Augen 
gekommen, ganz im Gegenteil. Die ungebrochene Festigkeit 
des Kapitalismus nach dem 2. Weltkrieg erschreckt und 
verwirrt uns noch immer. Unser Blick hat sich schon längst 
auf die revolutionären Kämpfe der unterentwickelt gehalte¬ 
nen Länder gerichtet. Allerdings wissen wir: ohne Verände¬ 
rungstendenzen in den Metropolen werden die Kampfe in 
der 3. Welt steckenbleiben. Am 1. Mai schenkte uns Janossy 
noch das Manuskript. »An die jüngste Buddenbrook-Gener¬ 
ation« schrieb er drauf. (. . .) 

Die Gespräche mit F. und M. waren jedenfalls sehr 
spannend - nicht zu vergleichen mit der stinklangweiligen 
und betrügerischen Veranstaltung der offiziellen Partei und 
Regierung zum 1. Mai. 


43 



Am nächsten Vormittag besuchten wir nun Georg Lukäcs, 
unsere Gastgeber waren mit dabei. Wir waren zwar vielleicht 
schon etwas »ruhiger«, aber keiner von uns war wirklich 
entspannt, wir waren irgendwie kindlich aufgeregt. Der 
Mann, der auf unser Klingeln öffnete, war klein, hatte ein 
freundliches Gesicht, eine Zigarette in der Hand, weiße 
Haare, große Ohren, ein Hemd mit Schlips, keine Jacke. Zu 
einem Gespräch kam es nicht gleich, wir waren zurückhal¬ 
tend und er wollte erst mal Kaffee trinken. Als Lothar und 
Inge die Roth-Händle rausholten und ihm gaben, freute er 
sich, lachte - und wir konnten uns ein wenig entkrampfen. 
Nun holte ich den Korsch raus und fragte, ob er diesen Text, 
den er damals vielleicht nicht zu sehen bekommen habe! 
gebrauchen könne. Er schaute drauf, lächelte, bedankte sich, 
ging aber nicht weiter auf das Buch oder diese Zeit ein! 
Bedankte sich desgleichen für meinen Brief. 

Ich hatte mir viele Fragen niedergeschrieben. 

Als ich ihn über die KPU-Fraktionen der 20er Jahre 
befragte, war er erstaunt, einen jungen West-Berliner Sozia¬ 
listen zu treffen, der verrückt detailliert viele Einzelheiten der 
Parteigeschichte kannte. Doch so ganz zufrieden war er nicht 
damit, ging immer wieder von den 20er Jahren weg, um mit" 
uns Über aktuellere Probleme zu sprechen. Von unserer 
Solidarität mit den revolutionären Kämpfen in der 3. Welt 
wußte er und lenkte das Gespräch mehr darauf. Riet uns, 
wenn wir schon Dokumente der Vergangenheit heranziehen 
wollten, das KI-Dokument von 1935 heranzuziehen. Anson¬ 
sten meinte er, daß die beste Hilfe von unserer Seite eine 
vertiefte Analyse der Produktionsverhältnisse in diesen Län¬ 
dern wäre. 

Wir verließen den »Alten« nach vielen Stunden. Plötzlich 
sagte die Inge: »In den kann man sich ja wirklich verlieben.« 
Lothar und ich schauten uns perplex an. 


44 


Ausgewählte und kommentierte Bibliographie des 
revolutionären Sozialismus von Karl Marx bis in 
die Gegenwart 


Zurück zu Marx hieß das 1926 in Leipzig erschienene Buch 
von /. Kuczynski, das der professoralen und sozialdemokra¬ 
tischen Interpretationsweise durch einen Rückgriff auf die 
Quellen Einhalt gebieten wollte. 

Vierzig Jahre später ist dieser Ruf gebrochener, aber bei 
weitem materialreicher motiviert. Es stehen die für die 
Marxsche Theorie sehr wichtigen Texte, die erst ab 1932 
editiert wurden, heute zur Verfügung - so die Deutsche 
Ideologie (1932), die ökonomisch-philsophischen Manu- 
skripte (1932) und die Grundrisse (1953). 

Die Herausgabe der Gesamtwerke von Marx und Engels 
scheint heute von der Quellenlage her leicht möglich zu sein. 
Zwar liegt noch immer keine vollständige deutsche Gesamt¬ 
ausgabe vor, dennoch sind die vorliegenden Ausgaben durch¬ 
aus für eine kritische Rezeption dieser ersten Form der 
revolutionären Theorie geeignet. 

Die auf 36 Bände berechnete DDR-Ausgabe, die die 
bedeutendsten Frühwerke nur unvollständig aufgenommen 
hat, soll ergänzt werden. Die Marxschen Frühschriften liegen 
in DDR-Einzelausgaben, in der sehr sorgfältigen Marx- 
Studienausgabe von Lieber und Kautsky (Cotta-Verlag Stutt¬ 
gart 1960 ff.) und in der von G. Hillmann herausgegebenen 
Rowoklt-Taschenbuch-Ausgabe (1966) vor. 

Scheint es uns nun richtig zu sein, die Engelschen Mißdeu¬ 
tungen des Historischen Materialismus (s. A. Schmidt, Der 
Begriff der Natur in der Lehre von Marx , Frankfurt am Main 
1962, bes. S. 41 ff.) sehr genau vom originär Marxschen 
Materialismus zu unterscheiden, so erscheint uns der Ver¬ 
such der »Wiederherstellung« des Marxismus durch einen 
unmittelbaren und direkten Rückgriff auf den »reinen« Marx 
das Wesen und die Methode von Marx zu verfehlen. Wir 
sollten uns die Antwort auf die Kapital-Rezension von 
Michailowski ins Gedächtnis rufen: »Er (Michailowski R. 

45 



D.) muß durchaus meine historische Skizze von der Entste¬ 
hung des Kapitalismus in Westeuropa in eine geschichtsphi¬ 
losophische Theorie des allgemeinen Entwicklungsganges 
verwandeln, der allen Völkern vorgeschrieben ist.. . Aber 
ich bitte um Verzeihung. (Das heißt, mir zugleich zu viel 
Ehre und zu viel Schimpf antun.)« Er wendet sich mit allem 
Nachdruck gegen den scheinbaren »Universalschlüssel einer 
geschichtsphilosophischen Theorie, deren größter Vorzug 
dann besteht, übergeschichtlich zu sein.« (Marx-Engels 
Werke, Bd 19, S. 111/112, Berlin 1962). So sind dann auch 
die materialen Analysen im Mantschen Werk sehr oft rele¬ 
vanter als die »berühmten« Vorworte oder Einleitungen. 
Ansätze geschichtsphilosophischer Konstruktion werden in 
der historisch-materialistischen Analyse flüssig gemacht, 
wovon Marx im Rohentwurf (Grundrisse) zum Kapital nur 
zu sehr Zeugnis ablegt. Ein geradezu klassisches Beispiel 
dieser konkreten materialistischen Dialektik ist die dortige 
Untersuchung der vorkapitalistischen Produktionsformen 
(b. 375-413). Dialektik erscheint hier in der einzig möglichen 
norm: als\konkrete Geschichtsschreibung. 

Da für Marx die Gesamtgeschichte nicht beherrscht wird 
durch eine der Geschichte immanente und unverlierbare 
binmdee, so versteht es sich für ihn von selbst, die verschie¬ 
denen Perioden der Geschichte als verbundene Einzelpro- 
zesse zu begreifen und jeweils konkret zu analysieren. Die 
Machbarkeit der Geschichte durch Menschen wird zwar im 
Laufe der Entfaltung der Produktivkräfte objektiv potentiell 
großer, dieselbe schlägt aber immer wieder um in Beherr- 
schung der Menschen durch die von ihnen geschaffenen 
Verhältnisse der Produktion und Reproduktion des Lebens 
wird solange Umschlägen, bis die »neuen Menschen« (für 
Marx die Arbeiter) durch die revolutionäre Aktion dieser 
Reproduktion »der Herrschaft der totgeschlagenen Materie 
über den Menschen« ein Ende bereiten. Hier ist nichts 
verbürgt, nichts in der Materie angelegt, alles ist bedroht 
durch die Möglichkeit des Untergangs der »kämpfenden 
Klassen« Jede Klasse kann ihre historische Mission ge¬ 
schichtlich »verpassen«, kann scheitern - andere »Klassen« 
müssen dann unter neuen historischen Bedingungen »alte 
Kampfe« austragen. Geschichtsbewußtheit und verantwor¬ 


46 


tungsbewußte praktisch-umwälzende Tätigkeit allein ver¬ 
mögen dies zu leisten. Die kritische Aneignung der Mani¬ 
schen Theorie, die zu beiden Faktoren Entscheidendes 
beitragen kann, ist nun nur möglich durch eine Aufhebung 
der politischen Geschichte des Marxismus, »durch die Ge¬ 
schichte des Marxismus hindurch, die in hohem Maße eine 
Geschichte von Fehlinterpretationen und Entstellungen ist, 
die dem ursprünglichen Impuls nicht nur äußerlich sind« 
(A. Schmidt, Nachwort in: H. Lefebvre, Probleme des 
Marxismus, heute, ed. Suhrkamp, Nr. 99, 1965). 

Diese ausgewählte Bibliographie will nichts als die wesent¬ 
lichen Prozeßpunkte der Entstehung, der Entfaltung, der 
Rezeption und Weiterentwicklung der marxistischen Theo¬ 
rie literaturgeschichtlich kennzeichnen. 

Mag auch P. Kropotkins Hinweis darauf, daß »England in 
den 40iger Jahren an der Spitze der sozialistischen Bewegung 
Europas stand . . . große Bewegung, welche die arbeitenden 
Klassen so tief erregte, und in deren Verlauf bereits alles, das 
sich jetzt als wissenschaftlicher oder anarchistischer Sozialis¬ 
mus darbietet, ausgesprochen worden ist« (P. Kropotkin, 
Memoiren eines Revolutionärs, Bd. 2, S. 294, Stuttgart, o. J.) 
übertrieben erscheinen, so ist es dennoch für die Entste¬ 
hungsgeschichte des Marxschen Denkens unerläßlich, diesen 
»vormarxistischen« Sozialismus wieder in Erinnerung Zu¬ 
rufen. 

Der Beitrag Londoner kommunistische Diskussionen, 1845 
Nach dem Protokollbuch des C.A.B. V. von M. Nettlau im 
Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiter¬ 
bewegung (Vol. 10, 1922, S. 362-391) vermittelt einen 
hervorragenden Eindruck von den der Ausarbeitung des 
»Kommunistischen Manifestes« von Marx vorausgehenden 
Diskussionen des Kommunistischen Arbeiterbildungsver¬ 
eins über das Wesen und die praktische Verwirklichung des 
Kommu nismus. 

W. Weitling, der sich für eine unmittelbare Verwirkli¬ 
chung des Kommunismus aussprach, wurde von K. Schap- 
per, der seine Arbeit als theoretisch-propagandistische Vor¬ 
arbeit für kommende Geschlechter verstanden wissen wollte, 
angegriffen. »Schapper: Der Kommunismus konnte bisher 
nicht verwirklicht werden, weil der Verstand nicht gehörig 

47 


ausgebildet war. . . Unsere Tätigkeit ist für kommende 
Geschlechter, diese mögen praktisch durchführen, was wir 
auf dem Wege der aufklärenden Propaganda bloß theoretisch 
verbreiten können. 

Weitling:... Das heißt ein ewiges Verschieben von heute 
auf morgen, von morgen auf übermorgen ... So drehen wir 
uns denn immer in der alten Leier und kommen zu nichts 
Die Menschheit ist notwendig immer reif oder wird es nie' 

.ätr::r s r»d 

Begehung a„ß er d nrc h R “ L"" "™*“ '» politischer 
Revolution wirkteX A^ng ffT iS"“* d " 
friedlich™ Wege ist eine Iiiusionl(273). “ ^ “" n8 “ f 

ManXwWerk" d " Re T 1 ' 1 ' 1 “" vo ” 1848 «eilte für das 

Ntederlage de, Revolution auch theortS, bemeXblLt 
f• der DeuUehen Ideologie - taSSchV 7 P ~ 

“it p d M rf md ^ Sri: 

fest zu findende Revolutionstheorie zeichnet sich gerade 

Trennun g von 

geselischaftiiche 
tierung dieser grundlegenden 

i£H=5pS5£ 

durch Ff J ' Erstmter P r etation dieser Schrift 

• arcuse, in: Die Gesellschaft, 1932, Nr. 8, S. 136 - 

4ß 


174, scheint uns noch immer am besten die Marxsche 
Revolutionstheorie zu erklären. 

Diese Theorie wird in der Feuerbach-Passage der Deut¬ 
schen Ideologie (MEW, Bd. 3, S. 17-77, Berlin 1962) weiter¬ 
entwickelt. Hier dürfte das, was später der Historische 
Materialismus genannt wurde, erstmalig in vollständiger 
Form vorliegen. Die Explikation der historisch verschiede¬ 
nen Entwicklungsstufen der gesellschaftlichen Arbeitstei¬ 
lung und den damit parallel laufenden verschiedenen Formen 
des Eigentums führt Marx zu der Herausarbeitung des 
fundamentalen Gegensatzes der »modernen« bürgerlich¬ 
kapitalistischen Gesellschaft: 

»Die Produktivkräfte erscheinen als ganz unabhängig und 
losgerissen von den Individuen, als eine eigene Welt neben 
den Individuen . . ., eine Totalität der Produktivkräfte, die 
gleichsam eine sachliche Gestalt angenommen haben und für 
die Individuen selbst nicht mehr die Kräfte der Individuen, 
sondern des Privateigentums, und daher der Indidviduen nur 
insofern sie Privateigentümer sind.« Diesen verselbständig¬ 
ten Produktivkräften steht auf der anderen Seite »die Majo¬ 
rität der Individuen gegenüber, von denen diese Kräfte 
losgerissen sind und die daher allen wirklichen Lebensinhalts 
beraubt, abstrakte Individuen geworden sind, die aber da¬ 
durch erst in den Stand gesetzt werden, als Individuen 
miteinander in Verbindung zu treten. « (a.a.O., S. 67). 

Um die gefährdete materielle Existenz zu retten, um die 
jenseits der Existenzsicherung Liegende Selbstbetätigung der 
schöpferischen Fähigkeiten des Menschen zu erreichen, 
müssen sich die durch die gemeinsame Bedrohung vereinig¬ 
ten Individuen diese fremdgewordenen Produktivkräfte uni¬ 
versell aneignen. 

Die weltgeschichtliche Entfaltung der Produktivkräfte 
durch den Weltmarkt entwickelt »die von aller Selbstbetäti¬ 
gung vollständig ausgeschlossenen Proletarier der Gegen¬ 
wart« zu »universellen«, zu »weltgeschichtlichen Indivi¬ 
duen« mit »universellen Bedürfnissen«. Die kommunistische 
Revolution ist »nur als die Tat der herrschenden Völker auf 
»einmal« oder gleichzeitig möglich, was die universelle Entfal¬ 
tung der Produktivkraft und den mit ihm zusammenhängen¬ 
den Weltverkehr voraussetzt« (a.a.O., S. 35). 


49 


Dm Elend der Philosophie (1846) expliziert in der Ausein- 
S 33 S$g*Sei 5 aang mit Proudhons Philosophie des Elends die 
.^MMMttialEitiscb gewendete Dialektik im Gegensatz zur idea- 
Kategoriendialektik Proudhons. Die literaturge- 
1 gehichtliche Darstellung der Probleme der Nationalökono- 
. mie von ihrer »klassischen« Begründung an, zeigt sich als 
Problemgeschichte der antagonistischen Gesellschaft 
Ohne der ketzerischen These von Korsch aus dem Jahre 
1950, daß Marx »heute nur einer unter vielen Vorläufern 
Begründern und Weiterentwicklern der sozialistischen Be¬ 
wegung der Arbeiterklasse ist«, vollständig zuzustimmen 
schäm Korsch d„i„ recht „ S haben , d ,t2 
historischen Alternativen und »Weiterentwicklungen« der 
Mantschen Formung des Sozialismus, also die Beiträge der 
utopischen Sozialisten, die von Proudhon, Bianqui, Bakunin, 

undd deUtSChen u ReV ^ 1 f niSten ’ französisc hen Syndikalisten 
und den russischen Bolschewisten (inzwischen dürften neue 

Namen hinzugekommen sein) bei der Neubegründung einer 
revolutionären Theorie und Praxis für die hochkapitalisti- 
schen Lander aufgearbeitet werden müssen und zwar nicht 
a^s Vorläufer von Marx und nicht als Abweichler und 
Verräter der »reinen Lehre«, sondern als ambivalente Am- 
Worten auf die jeweiligen Veränderungen der geschichtlichen 
Wirklichkeit: besonders gilt das für die nachmarxsche Zeit 
Die ungeheure Größe des Mantschen Werkes verunmöglicht 

noch tmm^r Pm/a rx i . ® 


noch immer eine schöpferische Betrachtung und Aneignung 
dieser »nichtmarxistischen« Beiträge. An der die I. Interna 

und p 6 , Sp *! en ^ en ^ en Auseinandersetzung zwischen Mant 
und Bakunin werden wir das später verdeutlichen. 


, as Kornmumsns,che Manifest (1848) nun ist Abschluß 
und Höhepunkt der 1. Periode in der Entwicklung des 
wissenschaftlichen ßoz^hsmus. Für die schon angeschnit¬ 
tene Problematik des mantschen Klassenbegriffs ist der im 
Manifest auftauchende Begriff des »Lagers« von hohem 
Interesse: »Unsere Epoche, die Epoche der Bourgeoisie 
zeichnet sich jedoch dadurch aus, daß sie die Klassengegen¬ 
sätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet sich 
mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große 
einander direkt gegenuberstehende Klassen: Bourgeoisie und 
oletanat« (K. Marx, F. 'Engels: Ausgewählte Schriften, Bd. 


50 


I, S. 24, Berlin 1960). Die in Kapital!!! besonders aufgezeigte 
Beseitigung der fungierenden und produktiven Kapitalisten¬ 
klasse durch die Entwicklung der kapitalistischen Produk¬ 
tionsweise geht so über diesen spezifischen Klassengegensatz 
von Bourgeoisie und Proletariat hinaus, die »Epoche der 
Bourgeoisie« hat ihr Ende gefunden. Die unkritische Benut¬ 
zung dieses bei Marx auf die Aktualität der Revolution 
bezogenen Begriffs des Lagers durch die herrschende Ideo¬ 
logie des »sozialistischen Lagers« kaschiert diesen Tatbe¬ 
stand nicht wenig. Der kritische Begriff des Lagers scheint 
uns mit Mauke jenen gesellschaftlichen Zustand anzudeuten, 
in dem die ganze Gesellschaft zu einem einzigen »Lohnarbei¬ 
ter* geworden ist, eine unbeherrschte und verselbständigte 
Produktionsmaschinerie im totalen Gegensatz zur lebendigen 
Arbeit sich etabliert hat. Die Entwicklung der Produktiv¬ 
kräfte, die dialektische Identität des ökonomischen und 
politischen Prozesses in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts 
bildeten die Grundlage für diese historisch spezifischen, aber 
nicht in der Zeitbedingtheit aufgehenden Aussagen des 
Kommunistischen Manifestes. Die nach der Niederlage der 
Revolution von 1848 einsetzende Restaurierung des gesell¬ 
schaftlichen Lebens führte zu einem Verfall der Organisatio¬ 
nen und der Kampfkraft der Arbeiterbewegung. 

Die direkte Fortsetzung der Rothsteinschen Arbeit (Aus 
der Vorgeschichte der Internationale, 1. Ergänzungsheft der 
»Neuen Zeit«, Stuttgart 1913), die 1850 ihre Darstellung 
beendet, ist die bis heute unerreichte Arbeit von D. B. 
Rjazanov »Zur Geschichte der ersten Internationale «, in 
deutscher Sprache zugänglich im Bd. I des von Rjazanov 
herausgegebenen Marx-Engels-Archivs, Frankfurt am Main 
1925, S. 119 - 202. Der vom Stalinismus liquidierte erste und 
bedeutendste Marxforscher zeigt in einer konkret-materiali¬ 
stischen Analyse die ökonomischen Bewegungsformen des 
Kampfes der englischen Arbeiterklasse und die davon getra¬ 
genen und wesentlich bestimmten Versuche der politischen 
Organisierung des ökonomischen Kampfes. 

Die nächste Phase in der Entwicklung der internationalen 
Arbeiterbewegung ist die der Tätigkeit der I. Internationale 
von 1854 - 1872, die Zeit der Auseinandersetzung zwischen 
Marxismus und Anarchismus, zwischen Marx und Bakunin. 

51 


Aus der sehr zahlreichen Literatur Über diese Zeit ragt neben 
der schon erwähnten Arbeit von J. Braunthal der 2. Band der 
von G. D.H. Cole verfaßten Geschichte des sozialistischen 
Denkens, A History of Socialist Thought-Marxism and 
Anarchism 1850 - 1890, London 1961 heraus. 

Kann der Anarchismus nun eigentlich für uns noch etwas 
bedeuten, ist er nicht durch Marx für alle Zeiten widerlegt 
worden? W. Hofmann schreibt in seiner jedem Genossen als 
Pfhchtlektüre zu empfehlenden Buch Ideehgeschichte der 
sozialen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts, Samm¬ 
lung Göschen Bd. 1205/1205 a, Berlin 1962: »Bestimmte 
Durchgangsstufen des Denkens scheint die Ideengeschichte 
der europäischen Sozialbewegung, gewissermaßen stellver¬ 
tretend für die Späterkommenden, hinter sich gebracht zu 
haben: Utopischer Kommunismus, religiöser Sozialismus, 
Syndikalismus, Anarchismus werden wohl kaum noch ein¬ 
mal große geistesgeschichtliche Bedeutung haben - so sehr 
der letztere die Praxis einer anhebenden Sozialbewegung, 
etwa in Südamerika, für eine Weile noch beeinflussen mag« 
(S. 226/227). Ist damit nicht alles gesagt? Wir glauben das 
nicht, denn in einer Zeit der sich verstärkenden und 
sich verselbständigenden zentralisierten Staatsbürokratien 
scheint uns die bei Bakunin im Mittelpunkt der Theorie und 
Praxis stehende Frage der Abschaffung des Staates, der 
unmittelbaren Beseitigung derselben, der erneuten Aufarbei¬ 
tung durchaus wert. 

Ist das »Absterben« des Staates zentraler Gegenstand der 
»Zieldiskussion« bei Marx und im Marxismus, so folgte doch 
bei Marx der ersten Fassung der Revolutionstheorie, die von 
der Identität der Entwicklung der kapitalistischen Ökonomie 
und der sozialen Revolution ausging, die für uns sehr 
fragwürdige Konzeption einer »Zwei-Phasen-Theorie der 
kommunistischen Revolution«, die die wirkliche Emanzipa- 
ton der Arbeiterklasse in die Zukunft verlegte, die Eroberung 
des bürgerlichen Staates durch das Proletariat als primär für 
die soziale Revolution ansah (s. K. Korsch, 10 Thesen über 
Marxismus heute, in: Alternative, April 1965, S. 89/90). 
Diese Etappentheorie, die in der Phase der für die Beseitigung 
des Mangels und der Notdurft notwendigen Entfaltung der 
Produktivkräfte durch die bürgerliche Gesellschaft alles für 


sich hatte, den »Sieg« von Marx über Bakunin historisch 
rechtfertigte, kann für unsere Zeit, in der bei uns in den 
Metropolen der Kapitalismus auch nicht mehr einen einzigen 
Funken temporärer Notwendigkeit in sich hat, kaum noch 
Bedeutung haben. 

Die Bedeutung des Marxschen Kommunemodells für die 
sozialistische Theorie, für die Entwicklung des Bolschewis¬ 
mus und Sowjetmarxismus, ist in der Dissertation des 
Genossen K. Meschkat, »die Pariser Kommune im Spiegel der 
sowjetischen Geschichtsschreibung*, Berlin 1964 systema¬ 
tisch heraus gearbeitet worden. Ein spezielles Kapitel über 
Bakunin und die Pariser Kommune trägt zur Klärung des 
Verhältnisses von Marxismus und Anarchismus bei. 

Der im wesentlichen durch den Fraktionskampf zwischen 
»Bakunisten« und »Marxisten« entstandene Spaltungsprozeß 
der I. Internationale bedeutete für Marx persönlich nicht die 
Beendigung des theoretischen Streites. 1926 wurden von 
Rjazanov in der russischen Zeitschrift Letopisi Marksisma 
(Annalen des Marxismus) die Randbemerkungen Marxens zu 
der nach dem Bruch erschienenen und wohl bedeutendsten 
Bakunin-Schnh, Gosudarstvennosti i Anarkhiia (Staatlich¬ 
keit und Anarchie) erstmalig veröffentlicht, die recht deutlich 
den tiefen und dauernden Einfluß Bakunins auf Marx zeigten 
(s. MEW, Bd. 18, S. 599 - 642). 

Die Spaltung der I. Internationale im Jahre 1872 bildete 
einen erneuten Rückschlag für die Emanzipationsbestrebun¬ 
gen der unterdrückten Klassen, stellte den Beginn des durch 
Krankheit beschleunigten Rückzugs Marxens von der poli¬ 
tisch-organisatorischen Arbeit dar, kennzeichnete den Be¬ 
ginn einer sich jenseits von Marx und Engels »ansiedelnden« 
Interpretation des Marxismus durch die »Marxisten«. 

Die erste russische Revolution von 1905 und die damit 
verbundene Massenstreikdebatte in Deutschland und in 
Rußland (1906/1911) stellten den nächsten Prozeßpunkt des 
politischen Marxismus dar. Neben den bereits genannten 
Biographien über Parvus und Luxemburg sind für die 
Geschichte und theoretische Analyse der russischen Revolu¬ 
tion von 1905 die Bände 8 und 9 der Lenin-Werke, Berlin 
1960, das Trotzki-Kuch Die Russische Revolution 1905, 
Berlin 1923 und die für die Dialektik von Reform und 

53 


Revolution so wichtige Broschüre von R. Luxemburg, 
Massenstreik, Partei und Gewerkschaften (1906) (in: R. L.j 
Ausgewählte Reden und Schriften, Bd. I, S. 157 - 257, Berlin 
1955) zu nennen, wobei besonders der Luxemburg-Beitrag, J 
der gleichermaßen ein Beitrag zur deutschen Generalstreiks¬ 
debatte war, die nach den russischen Ereignissen sehr radi- 1 
kaüsiert begann. Unter den Beiträgen sind die Bücher von H. 1 
R. Holst, Generalstreik und Sozialdemokratie, Dresden 1 
1906, von Parvus, Der Klassenkampf des Proletariats, Berlin 
1911 und die die Gesamtdiskussion zusammenfassende Dar¬ 
stellung von K. Kautsky, Der politische Massenstreik, Berlin 
1914 hervorzuheben. Über den Einfluß der russischen 
Kampfe von 1905 auf die deutsche Sozialdemokratie gibt die 
größere Studie von C. E. Schorske, German Social Demo- 
cracy 1905 - 1917, in: Harvard Historical Studies, Vol, LXV f 
(1955) ausgezeichneten Aufschluß. In diese Zeit fielen die für 
die Revolutionstheorie und praktische Politik des Marxismus I 
folgenreichen Publikationen über die »Theorie der perma- ' 
nenten Revolution« von Parvus und Trotzki. Der Terminus 
fand sich an verschiedenen Stellen des Marxschen Werkes 
gewann aber für Parvus und Trotzki durch die von ihnen 
durchgefuhrte Analyse des den Nationalstaat beseitigenden ! 
Weltmarktes, unter den spezifischen Bedingungen Rußlands i 
einen völlig neuen Stellenwert. Darüber findet sich manches 
in der Biographie über Parvus (s. o.), findet sich recht viel 
über die gemeinsame Ausarbeitung der Theorie durch ' 
Trotzki und Parvus in der hervorragenden Trotzki-Biogra- 
phie von I. Deutscher, Der bewaffnete Prophet - 1879-1921 > 

Stuttgart 1962, S. 103 ff.) 

Den größten Einschnitt in die sozialistische Bewegung 
stellte der Zusammenbruch des proletarischen Internationa¬ 
lismus zu Beginn des 1. Weltkrieges dar. Der von der 
internationalen Linken (von Lenin bis Luxemburg) als 
»Verrat der Führer« bezeichnete Sachverhalt des nationalen 
Chauvinismus in großen Teilen des europäischen Proleta- ' 
nats, durfte zwar kaum den Mittelpunkt dieser Erscheinung 
treffen, darf auf der anderen Seite aber auch nicht unter- » 

schätzt werden. Uber diese Zeit legen die Kampfaufsätze von 
Lenm-Smowjew, Gegen den Strom! Aufsätze aus den fahren t 

1914 - 1916, Hamburg 1921 leidenschaftlich Zeugnis ab. In 1 

54 


diesem Sammelband finden sich schon die relevantesten 
polit-ökonomischen Untersuchungen über den Zusammen¬ 
hang von Reformismus und Imperialismus, über Krieg und 
Revolution. Das in »Sklavensprache« (Lenin) wegen der 
notwendigen Zensurrücksichten im Frühjahr 1916 in Zürich 
geschriebene und als Imperialismustheorie epochemachende 
Werk, Der Imperialismus als jüngste Etappe des Kapitalismus 
(1917) will Lenin in den Zusammenhang dieser anderen 
Arbeiten gestellt wissen, was er im Vorwort zur russischen 
Ausgabe von 1917 ausdrücklich betont. 

Die Leninsche Losung von der Umwandlung des imperia¬ 
listischen Krieges in den Bürgerkrieg setzte sich zuerst in 
Rußland mit der Februarrevolution 1917 durch und erreichte 
ihren Höhepunkt in der Verwirklichung der bolschewisti¬ 
schen Diktatur der Avantgarde im Oktober 1917. Zwischen 
Februar und Oktober haben sich aber in Rußland für die 
Weiterentwicklung der sozialistischen Theorie ganz außer¬ 
ordentliche Dinge abgespielt, die durch das stalinistische Bild 
der »eisernen Partei« und ihrer Beherrschung durch den 
»großen Lenin« bis heute nicht so recht sichtbar wurden, 
wovon aber Lenins Staat und Revolution (1917) nicht zu 
trennen ist. Was wir meinen, ist der durch die Arbeit von R. 
Lorenz, Anfänge der bolschewistischen Industriepolitik, Köln 
1965 sichtbar gewordene Weg der proletarischen Fabrikko¬ 
mitees in den städtischen Großbetrieben, die nach dem 
Februar eine spontane und von der provisorischen Regierung 
nicht gebilligte Nationalisierung durchführten, die nicht von 
den Bolschewiki bestimmt wurden, sondern denen sich die 
Bolschewiki im Laufe des Sommers 1917 anpaßten. Die 
Anpassung an diese bestimmenden Kräfte der Revolution 
ging zuerst von Lenin aus, der diese nicht erwartete Sponta¬ 
neität der proletarischen Fabrikkomitees in der ersten Zeit 
begeistert unterstützte, geradezu die später innerhalb der 
Komintern so verdammte Luxemburgische Spontaneitäts¬ 
theorie praktizierte, wovon im Bd. 26 der Gesammelten 
Werke, Berlin 1961 viele Beispiele zu finden sind, wovon 
Staat und Revolution gekennzeichnet ist. Die von den 
»linken Kommunisten« (Ossinski, Bucharin) als Konzeption 
angebotene Errichtung eines ökonomischen Rätesystems 
parallel dem politischen, das die Verbindung von proletari- 

55 


scher Initiative und zentral ökonomischer Autorität ermög¬ 
lichen sollte, wurde von Lenin als unrealistisch abgelehnt. Er 
konnte sich erst nach langem Kampf - die Partei der 
Bolschewiki war in dieser Zeit alles andere als geschlossen 
und monolithisch - schließlich durchsetzen und ab März 
1918 (Brest-Litowsk-Vertrag mit den deutschen Invasoren) 
orientierten sich die Bolschewiki unkritisch am Bild der 
wahrend des Krieges in Deutschland praktizierten Form der 
staatskapitalistischen Zentralwirtschaft. 

Für die sozialistische Theorie gibt es bei der Frage des 
Scheiterns der Fabrikkomitees folgendes zu bedenken: das 
spontane, revolutionär-syndikalistische Bewußtsein erwies 
sich als unfähig, von sich aus das betriebliche in ein gesamt¬ 
gesellschaftliches Bewußtsein zu transzendieren, war auch 
nicht in der Lage, die darniederliegende Produktion wieder¬ 
auf zurichten: Die Wichtigkeit dieses Problems klingt auch in 
er Frage von B. Brecht an K. Korsch an: »Ich würde mir viel 
von einer historischen Untersuchung des Verhältnisses der 
Rate zu den Parteien, dieses ganzen komplizierten Prozesses 
versprechen, die spezifischen Gründe des Unterliegens der 
Räte, die historischen Gründe, würden mich ungeheuer 
interessieren. Das ist ungeheuer wichtig für uns, denken Sie 
nicht?« (in: Alternative, a.a.O., S. 99). Ob sich der »neuen 
Arbeiterklasse« der Gegenwart dieses Problem nicht mehr 
oder anders stellt, sei dahingestellt. Empirisches Material 
über die Rätebewegung in Rußland findet sich in der 
Geschichte der russischen Revolution von L. Trotzki, Berlin 
1960, in der großen Studie von O. Anweiler, Die Räte in 
Rußland. 1905 - 1921, Leiden 1958, für das Problem der 
deutschen Räte in der »mißglückten« Revolution von 1918 
liegt die Schrift von W. Tormin, Zwischen Rätediktatur und 
sozialer Demokratie, Düsseldorf 1954 und die sehr umfang¬ 
reiche Studie von P. v. Oertzen, Betriebsräte in der Novem¬ 
berrevolution 1918 vor. Die Rätefrage »überhaupt«behandelt 
L. Tschudi in seiner Dissertation Kritische Grundlegung der 
Idee der direkten Rätedemokratie im Marxismus, Basel 1952. 
Die Voraussetzungen, den Ablauf und die Resultate des 
Prozesses der »Revolution« in Deutschland werden in A. 
Rosenbergs, Entstehung und Geschichte der Weimarer Repu¬ 
blik, Frankfurt a. Main 1955 eindringlich dargestellt. Den 
56 


Versuch einer begrifflichen Grundlegung des Sozialisie¬ 
rungsgedankens, um der für den Aufbau des Sozialismus 
nichtssagenden Formel der »Vergesellschaftung der Produk¬ 
tionsmittel« zu entgehen, unternimmt F. Weil in seiner auf 
Korsch basierenden Schrift, Sozialisierung, Berlin 1921. 

Die Schriften von K. Korsch, Marxismus und Philisophie, 
Leipzig 1923 (2. Auflage 1930 mit neuer Standortbestim¬ 
mung des von der KPD ausgeschlossenen K.) und von G. 
Lukäcs, Geschichte und Klassenbewußtsein, Berlin 1923, sind 
die einzigen niveauvollen Versuche marxistischer Philoso¬ 
phen innerhalb der KP gewesen, in der Form »theoretischer 
Aktionen«, die in der Organisation der Komintern und im 
Proletariat sichtbar werdenden Prozesse der Verdinglichung 
und Pragmatisierung der Marxschen Theorie entgegenzutre- 
ten. 

Von den Faschismusarbeiten in der Emigration ist beson¬ 
ders die von P. Sering (d. i. R. Loewenthal) in der Zeitschrift 
fürSozialismusNr. 24/25; 26/27, Graphia, Karlsbad aus dem 
Jahre 1935 zu nennen. In diesem Aufsatz wird auf die 
wachsenden Kosten für den Verteilungs- und Verwaltungs¬ 
apparat, auf die den Subventionsstaat immer stärker belasten¬ 
den faux frais (toten Kosten) hingewiesen. Durch die vom 
Staat ausgehaltenen unproduktiven Schichten treten neue 
Tendenzen in der Klassendynamik auf, die das traditionelle 
Schema von Lohnarbeit und Kapital nicht mehr erfassen 
kann. Die Unentbehrlichkeit der Produktionsintelligenz für 
die Reproduktion des Systems wird immer größer, die 
Entbehrlichkeit der herrschenden Klasse wird auch immer 
vollständiger. Da die sozialistische Arbeiterbewegung unfä¬ 
hig war, die Wirtschaftskrise sozialistisch zu gestalten, wurde 
sie zum Objekt der Krise, wurde die »Volksgemeinschaft des 
Bankrotts«, die in allen Schichten und Klassen zu finden war, 
immer mehr die bestimmende Kraft der Gesellschaft: 

Die typischen ^Resultate des Faschismus waren: 

»1. eine neue höhere Form der staatlichen Organisation. 

2. eine neue reaktionäre Form gesellschaftlicher Organisa¬ 
tion. 

3. eine wachsende Hemmung der ökonomischen Entwick¬ 
lung durch reaktionäre Kräfte, die sich der Staatsmacht 

■ bemächtigt haben.« (S. 787). 


57 





Trotzkis, Verratene Revolution (1937), Zürich 1957, mit 
der These von der gemeinsamen Ursache für die historisch- ! 
inhaltlich verschiedenen Phänomene Stalinismus und Fa- 1 
schismus, nämlich die Ursache der Niederlage der mitteleu- 1 
ropäischen Arbeiterbewegung in den 20er Jahren, zog primär 1 

Bilanz des 1. sowjetischen Fünfjahrplans und der Prozeß- \ 
welle gegen die »trotzkistische« Opposition. 

Eine philosophisch glänzende und historisch-soziologisch [ 
unvollständige Beschreibung der Entwicklung des Marxis¬ 
mus innerhalb der Dynamik des Prozesses der sowjetischen 
Gesellschaft von der Phase der ursprünglichen Akkumula- 
tion bis zur gegenwärtigen entfalteten »Industriegesell¬ 
schaft«, ist im Buche von H. Marcuse, Sowjetmarxismus, ' 
Berlin-Neuwied 1964 zu finden. 

In der Zeit des Sieges von Stalinismus und Faschismus ’ 
»verlagerte« sich das revolutionäre Zentrum immer mehr in 
die durch Kolonialherrschaft ökonomisch zurückgehaltenen < 
Länder, begann der Prozeß des revolutionären Volkskrieges t 
in China, wovon die inzwischen berühmt gewordenen 
Bücher von E. Snow, Red Star over China, New York 1937 1 

und A. Smedley, Red China Marches, New York 1934 erste i 

Kenntnis dieser Geschehnisse in den »ungläubigen« und f 
Überraschten Westen brachten. 

Die bedeutendsten Theoretiker der kolonialen Revolution, 

Che Guevara, Der Partisanenkrieg, Berlin 1962; Frantz 
Fanon, Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt am Main 1 
1966 und Mao Tse-tung, Theorie des Guerillakrieges, mit 
einem einleitenden Essay von S. Haffner, Hamburg 1966 1 

liegen nun endlich in billigen Ausgaben in deutscher Sprache 
vor. Mit der kritischen Analyse des westeuropäischen »Spät- 1 
kapitalismus« sieht es sehr viel schlechter aus. Das gilt auch 
für die theoretischen Ansätze, die in der von M. Horkheimer , 
herausgegebenen » Zeitschrift für Sozialforschung« (1932 - ' 

1938) sowohl durch K. Mandelbaum, Baumann, F. Weil 
H. Grossmann, F. Pollock u.a. für die polit-ökonomische 
Analyse der Transformation der kapitalistischen Gesellschaft 
in den Sozialismus erarbeitet wurden, als auch für die zwar , 
mit den ökonomischen Arbeiten kaum vermittelten, dennoch 
für eine Neubegründung einer revolutionären Theorie und > 

Praxis unserer Zeit unerläßlichen damaligen Arbeiten von 
58 


M. Horkheimer und H. Marcuse; die nach dem 2. Weltkrieg 
von Adorno und Horkheimer als den Hauptvertretern der 
»Frankfurter Schule« des Instituts für Sozialforschung ver¬ 
öffentlichten ideologiekritischen Arbeiten sind so sehr be¬ 
kannt, daß sich eine bibliographische Aufzählung und Kom¬ 
mentierung erübrigt. Die Zerstörung der organisierten Ar¬ 
beiterbewegung durch den Faschismus und die Korrumpie- 
rung des deutschen und internationalen Kommunismus 
durch den Stalinismus, die Reorganisation und Rekonstruk¬ 
tion des Kapitalismus durch zunehmende staatsinterventio¬ 
nistische Regulierung der ehemals naturwüchsigen und anar¬ 
chischen Produktion u.a.m. begründeten die qualitativ neue 
Form der kapitalistischen Gesellschaft, die mit der revolutio¬ 
när-antagonistischen Klassengesellschaft nicht gleichgesetzt 
werden darf. 

Ist die These des Genossen Mandel, daß der westeuropäi¬ 
sche Neokapitalismus sich tendenziel dem amerikanischen 
annähert, richtig, so wird die Rezeption des unserer Ansicht 
bedeutendsten theoretischen polit-ökonomischen Beitrags 
seit dem Ende des 2. Weltkriegs, dem Buch Monopoly 
Capitalism (for Che Guevara), New York 1966 von P. Baran 
und P. Sweezy, für die Diskussion über die sozio-ökonomi- 
sche Grundlage unserer praktisch-politischen Perspektive von 
Wichtigkeit. Baran und Sweezy scheuen sich in ihrem Buch 
nicht, für die politische Strategie des revolutionären Kampfes 
in Amerika radikal materialistisch begründete Folgerungen 
aus der durch die Entfaltung der Produktivkräfte und der 
gesellschaftlichen Arbeitsteilung total veränderten Stellung 
der produktiven industriellen Arbeiterschaft innerhalb des 
kapitalistischen Gesamtsystems zu ziehen: Die Industriear¬ 
beiterklasse ist in hohe Maße systemintegriert, ganz zu 
schweigen von ihren Gewerkschaften. Nur die sehr hetero¬ 
genen Gruppen der »Outcasts«, ob nun Farmarbeiter oder 
Ghettobewohner und die farbigen nationalen Minderheiten 
stellen die radikale Negation des Systems dar. 

Wir können die Bibliographie des politischen Marxismus 
nicht abschließen, ohne den für die revolutionäre Gesamtbe¬ 
wegung unserer Zeit so gravierenden Gegensatz der Konzep¬ 
tionen der chinesischen und sowjetischen Genossen zu 
nennen. Eine tiefgreifende Analyse, die die materiellen 

59 




Grundlagen der verschiedenen Theorien des revolutionäreil 
Kampfes ausweist, die die problematische Entwicklung der 
Sowjetunion und Osteuropas in Richtung sozialistische 
Leistungsgesellschaft analysiert, die die philosophischen und 
soziologischen Grundlagen der Theorie der permanenten 
Revolution von Mao Tse-tung reflektiert, fehlt uns leider 
noch. 

Einige Bemerkungen darüber finden sich in der kleinen 
Broschüre von P. Sweezy, The Split in the Capitalist and 
Socialist World, New York 1962; W. Hoffmanns, Die Arbei¬ 
terverfassung der Sowjetunion, Berlin 1956, die zusammen 
mit dem Sowjetmarxismus von H. Marcuse zu lesen ist, 
können für die weiter oben gestellte Problematik der Sowjet¬ 
union die Grundlage abgeben. 

Dieser Text erschien im Oktober 1966 als Sondernummer der 
(verbandsinternen) SDS-Korrespondenz, die vom Bundes¬ 
vorstand in Frankfurt/Main herausgegeben wurde. Die Bi¬ 
bliographie gibt einen guten Eindruck davon, wie bedeu¬ 
tungsvoll und schwierig die theoretische Wiederaneignung 
der revolutionären Tradition damals war. Sie wurde von 
Rudi Dutschke und den anderen Antiautoritären im SDS als 
Basis für ein alternatives Schulungsprogramm verstanden. 
Die Bibliographie stand in geplant-provokativer Konkurrenz 
zum Entwurf der Marburger SDSler Frank Deppe und Kurt 
Steinhaus, die, am traditionellen Marxismus orientiert, die 
Geschichte von Klassenkämpfen wesentlich aus der Entwick¬ 
lung der Produktivkräfte ableit(et)en. - Um den Dokument- 
Charakter des Textes nicht zu beeinträchtigen wurde darauf 
verzichtet, die inzwischen erschienenen deutschen Ausgaben 
bzw. Neuauflagen der zitierten Bücher zu nennen (gekürzte 
Fassung). 


60 


Demokratie, Universität und Gesellschaft 

(Wir sind dabei, die akademische Würde zu verlieren - und 

das ist gut so) 


I. 

Wir haben in unserer Geschichte die »Restaurationen der 
modernen Völker geteilt, ohne ihre Revolutionen zu teilen. 
Wir wurden restauriert, erstens, weil andere Völker eine 
Revolution wagten, und zweitens, weil andere Völker eine 
Konterrevolution litten, das eine Mal, weil unsere Herren 
Furcht hatten, und das andere Mal, weil unsere Herren keine 
Furcht hatten. Wir, unsere Hirten an der Spitze, befanden 
uns immer nur einmal in der Gesellschaft der Freiheit, am Tag 
ihrer Beerdigung.« (Marx, Einleitung zur Kritik der Hegel- 
schen Rechtsphilosophie, MEW 1, S. 379/380). Marx schrieb 
diese Sätze 1844, leider hat sich bis heute die untertänig- 
reaktionäre Kontinuität in der deutschen Geschichte durch¬ 
gehalten. 

Wir müssen uns der bedeutendsten Prozeßpunkte dieses 
Geschehens erinnern, um die Besonderheit der deutschen 
Entwicklung, die wie ein Alp noch auf unserer Gegenwart 
lastet, voll zu begreifen. 

Der Ruf cler studentischen Opposition nach Demokrati¬ 
sierung der Hochschulen ist von dem geschichtlichen Prozeß 
der Entdemokratisierung der Gesellschaft nicht zu trennen. 

Der historische Exkurs hat die Funktion, die gegenwärtig 
sehr schwierige, wenn auch nicht hoffnungslose Lage der 
antiautoritären Kräfte ^n der Universität verständlicher zu 
machen, ihre Auseinandersetzung als Fortsetzung des bald 
hundertjährigen Kampfes um gerechtere Formen menschli¬ 
chen Zusammenlebens in Deutschland aufzuzeigen. 

IL 

Die Gründung des Deutschen Reiches 1871 war nicht das 
Resultat einer bürgerlich-nationalen Revolution; keine breite 
Volksbewegung, sondern der militärische Erfolg des preußi- 

61 


sehen Staates begründete die deutsche Nation. Damit war die I 

Herausbildung eines einheitlichen bürgerlichen Nationalbe¬ 
wußtseins, in England und Frankreich Ergebnis spontaner j 
Massentätigkeit, verhindert. Der militärisch-bürokratische 
Gewaltapparat, als übergreifende Einheit des Bündnisses von 
Junkern, Teilen der Bourgeoisie (Schwerindustrie) und des ; 
von der Existenz des Staatsapparates materiell abhängigen . 
städtischen Kleinbürgertums, hatte die Aufgabe, die Unter- * 
drückung der oppositionell-demokratischen Kräfte im In- 1 
nern und die militärisch-ökonomische Expansion nach außen * 
zu gewährleisten. 

In Wechselwirkung zu diesem Apparat war eine sich durch ! 
hohe Konzentration und Zentralisation des Kapitals aus¬ 
zeichnende Wirtschaftsmaschinerie entstanden. Dennoch j 

war das Bürgertum nur durch seine stärkste Fraktion i 

(Schwerindustrie) im Staatsapparat vertreten. 

Der konstituierende Widerspruch in der deutschen Ent- ! 

Wicklung bis 1918 war die sehr große Spannung zwischen den 
hohen und modernen Formen der industriellen Entwicklung i 

auf der einen Seite und der konservativ-halbabsolutistischen 
politischen Herrschaftsform auf der anderen Seite, der Riß im 
Volke zwischen der pivilegierten Minderheit und der be¬ 
herrschten Mehrheit (Arbeiterklasse, Bauernschaft, katholi- , 

scher Volksteil). 

Die durch den Ausgang des 1. Weltkrieges gegebene 
Möglichkeit, die demokratische Revolution, vielleicht sogar 
unter sozialistischen Vorzeichen, nachzuholen, schlug fehl. 

Die ohne gemeinsamen Oberbefehl und ohne koordinierte 1 

Führung entstandenen Arbeiter- und Soldatenräte, die revo¬ 
lutionären Selbstverwaltungsorgane des politisierten Volkes, 
konzentrierten sich primär auf die Demobilisierung des 
kaiserlichen Heeres, auf die Sicherung der Ernährung der 
Bevölkerung, schließlich auf die Vorbereitung der Wahl für 
die Nationalversammlung, der sie auch ihre Macht überga¬ 
ben. 

Sie enteigneten nicht die geflohenen Herrschaftshäuser, 
beseitigten nicht die nach ihrem Abgang absurd gewordene 
Kleinstaaterei, ließen die Grundbesitzer und die diskriminie¬ 
renden lokalen Privilegien der Junker unberührt, zerschlu¬ 
gen nicht die »Kontinuität der militärischen Führung«, haben 
62 


weder die für den Krieg wesenhaft mitverantwortliche 
Schwerindustrie sozialisiert, noch eine Armee des Volkes zur 
Sicherung und Fonführung der Revolution geschaffen. 

Von bestimmender Bedeutung für dieses historische Ver¬ 
sagen war die Tatsache, daß die deutsche Arbeiterbewegung 
als tragender Repräsentant der demokratischen Revolution 
nicht begriffen hatte, daß unter den Voraussetzungen eines 
komplizierten Industrie-, Administrations-, Justiz- und Mi¬ 
litärapparats die Macht der Reaktion nur durch schnelle und 
vollständige Übernahme und Demokratisierung dieser Ap¬ 
parate gebrochen werden konnte. So fehlte die politisch¬ 
organisatorische Kraft, die die bewußte Kontrolle über Staat 
und Wirtschaft hätte übernehmen können, kam es nicht zur 
Entfaltung der Selbsttätigkeit der Massen gegen die sich 
temporär zurückziehenden Kräfte des Kapitals und Gro߬ 
grundbesitzes, konnte die überfällige Umwälzung der gesell¬ 
schaftlichen Grundlagen nicht in Angriff genommen werden. 

Haben wir es nicht geschafft, die demokratischen Mo¬ 
mente der bürgerlichen Gesellschaft im Laufe unserer Ge¬ 
schichte materiell und ideell zu verankern, ihre partielle 
Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse zu genießen, so 
ist es uns nicht erspart geblieben, ihre negative Spitze, den 
Faschismus, konkret zu erleiden. Die damit verbundene 
ungeheure Entmündigung und Erniedrigung der Menschen, 
die fast vollständige Entpolitisierung der Massen, die Ver¬ 
nichtung der intellektuellen, politischen, menschlichen und 
wirtschaftlichen Reichtümer bildeten für den erneuten An¬ 
lauf einer demokratischen Umwälzung die denkbar schlech¬ 
testen Voraussetzungen. 

Der Tag der Befreiung sah in den Westzonen die Mitver¬ 
antwortlichen des Krieges, die Vertreter des Militärs, der 
Bürokratie, der liberalen Bourgeoisie, die Repräsentanten der 
inneren Emigration< gegen Hitler, kurz, all die Gruppen, die 
den Faschismus halben Herzens ablehnten und den Kapita¬ 
lismus mit ganzer Seele liebten, friedlich vereint: sie waren 
gekommen, um die wieder einmal mögliche und noch 
notwendigere völlige Verschiebung der Macht- und Eigen¬ 
tumsverhältnisse mit der geschickten Formel von der »Wie¬ 
derherstellung der Freiheit und des Rechtsstaats« erneut zu 
verhindern. Die durch Krieg und Verfolgung geschwächte 

63 


Sozialdemokratie und die von der Sowjetunion völlig abhän¬ 
gige KPD waren weder willens noch fähig, den Kräften der 
Restauration ein radikaldemokratisches Programm, die end¬ 
liche Einlösung der Forderungen von 1918, entgegenzuhal¬ 
ten. 

In der Ostzone gab es zwar bald die so unerläßliche 
objektive Voraussetzung der Demokratisierung, die Ver¬ 
staatlichung der Schwerindustrie, die Aufteilung des Gro߬ 
grundbesitzes, aber es kam zu keinem die Initiative und den 
Demokratisierungsprozeß der Bevölkerung und des öffent¬ 
lichen Lebens vorantreibenden kritischen Dialog zwischen 
stalinistisch-bürokratischer Führung und durchaus antikapi¬ 
talistischen Massen. Die konservativen Kräfte in der Bundes¬ 
republik erhielten die zusätzliche Chance, durch Beschwö¬ 
rung der kommunistischen Gefahr, "durch ideologische 
Schaffung eines Feindkomplexes, die Mehrheit des Volkes 
von der Erkenntnis der notwendigen Beseitigung der Wur¬ 
zeln des Faschismus, der kapitalistischen Produktionsweise, 
abzulenken. 

Der Scheinkonflikt mit Realitätsgehalt, der »kalte Krieg<, 
diente in der Ost-West-Auseinandersetzung als ideologische 
und materielle Produktivkraft zur besseren Anpassung und 
Exploitierung der Lohnabhängigen auf beiden Seiten. 


III. 

Die Gründung und der »Geist der FU« sind von diesem 
politischen Zusammenhang nicht zu trennen. 

Die richtige Ablehnung des Stalinismus, die CIA-Gelder, 
die unklaren Vorstellungen der Studenten und Professoren 
über eine »freiheitlich-demokratische Grundordnung«, die 
objektive Funktion West-Berlins als »Schaufenster des We¬ 
stens« etc. führten zu einer unwirklichen Abstraktion; dem 
»Berliner Modell«, der »Gemeinschaft der Lehrenden und 
Lernenden«, worüber noch zu reden sein wird. Vorher 
müssen wir noch das konkret Allgemeine, die sozio-ökono- 
mische Entwicklung der BRD skizzieren, um von dieser 
Grundlage aus das konkret Besondere, die Universität, und 
schließlich das Einzelne, die FU-Berlin wirklich zu begrei¬ 
fen. 

64 


Die sozio-ökonomische Entwicklung der heutigen BRD 
begann unter günstigen Bedingungen: 

a) nur 8% der Industrieanlagen in der BRD waren 
demontiert; 

b) eine >großzügige< Kapitalunterstützung durch die USA 
setzte ein; 

c) die für die Höhe der Wachstumsraten entscheidende 
Arbeitskräftestruktur war quantitativ und qualitativ gege¬ 
ben; die Kriegsverluste wurden durch Facharbeiter aus den 
ehemaligen deutschen Ostgebieten und bis zum 13. August 
1961 durch DDR-Abwanderer ausgeglichen. 

Schon 1950 wurde der Vorkriegsstand der Produktion für 
den BRD-Wirtschaftsraum überschritten. Die ökonomische 
Rekonstruktionsperiode ist aber erst beendet, wird sie nicht 
durch politische und ökonomische Krisen vorzeitig abgebro¬ 
chen, wenn das empirische Produktionsniveau den Stand 
erreicht hat, der erreicht worden wäre, wenn der Krieg nicht 
stattgefunden hätte, d. h. erst bei voller Ausnutzung der 
vorhandenen quantitativen und qualitativen Arbeitskräfte¬ 
struktur, des vollen Einsatzes aller Produktivkräfte. Die von 
Krieg und anderen Krisen ungestörte wirtschaftliche Ent¬ 
wicklung zeigt in ihren wichtigsten Kennziffern, wie Natio¬ 
naleinkommen und Produktionsvolumen, eine geometrische 
I Progression, d. h. vermehrt sich pro Zeiteinheit um einen 

konstanten Faktor, z. B. von Jahr zu Jahr um 7%, was einer 
i Verdoppelungsdauer des Produktionsniveaus von ca. 10 

Jahren entspricht. (Vgl. Franz Jänossy, Das Ende der Wirt- 
I schaftswunder, Frankfurt/Main o. J.). Diese »Trendlinie« 

des »normalen Wachstums«, die nur begrenzt ist durch die 
1 auf der Grundlage spezifischer Produktionsverhältnisse sich 

herstellende Arbeitskräftestruktur, wird am Ende der Re¬ 
konstruktionsperiode, d. h. nach dem Aufholen der durch 
| Krisen und Krieg hervorgerufenen Wachstumsrückstände, 

i erreicht. 

f Davon kann in der BRD seit ca. 1963/64 gesprochen 

werden, zeigte sich doch in den letzten Jahren ein deutliches 
( Fallen der Wachstumsraten, brachten auch hohe Investitio¬ 

nen nicht mehr die erwartete Steigerung der Arbeitsproduk- 
i tivität mit sich. Die Basis der sozio-ökonomischen Entwick- 

• hing, die Beschaffenheit der Qualifikation der Arbeitskraft, 



scheint ausgeschöpft zu sein. Doch noch bedeutender ist die 
Tatsache, daß in der Zeit des sogenannten Wirtschaftswun¬ 
ders keine Anstrengungen für ein »Anderswerden« der 
Berufsstruktur der Facharbeiter unternommen wurden, daß 
der Aufbau und Ausbau der Universitäten und Hochschulen 
im wesentlichen stagnierte. Nun, am Ende der riesigen 
Aufschwungsperiode, müssen, um eine politische und öko¬ 
nomische Krise zu verhindern, unter erschwerten Bedingun¬ 
gen überhastete Notmaßnahmen ergriffen werden: 

- Im Laufe der prosperierenden Rekonstruktionsperiode 
mit ihren hohen Wachstumsraten wurden dem finanziell 
starken, aber politisch schwachen Staat durch Druck politi¬ 
scher oder sonstiger Interessenverbände hohe Subventionen 
abgerungen. Die Verteilung des Sozialprodukts nach politi¬ 
schen Gesichtspunkten ist Kennzeichen der entwickelten 
Interessentendemokratie. 

- Am Ende des Wirtschaftswunders erscheinen die Sub¬ 
ventionen für die stützungsbedürftigen Produktionszweige 
wie Bergbau und Landwirtschaft als für die Stabilisierung der 
öffentlichen Finanzen gefährliche »Totgewichte« der Wirt¬ 
schaft. 

- Das Eigengewicht der Interessenverbände und ihre 
Forderungen können in der noch pluralistischen Gesell¬ 
schaftsform nicht ohne weiteres abgebaut werden, der poli¬ 
tische und soziale Sprengstoff wäre bei einer liberalistischen 
>Lösung< des Problems zu groß. Die Idee einer vorläufigen 
>subventionistischen Krisenverschleppung« scheint sich/auch 
in der »Großen Koalition« durchzusetzen. 

- Die langfristig-strategische Planung der Überwindung 
der Strukturkrise wird durch Stabilisierungsgesetze, Finanz¬ 
reform, Parlamentsreform, Notsundsgesetze etc. angegan¬ 
gen. Ziel ist die staatliche .Regulierung und Führung der 
Wirtschaft im Interesse der Beibehaltung der bestehenden 
Eigentums- und Gesellschaftsverhältnisse. 

- Als günstigster Ort für eine kurzfristige »out-put-Steige- 
rung< gut ausgebildeter Kräfte der technischen, ökonomi¬ 
schen und pädagogischen Intelligenz, die am Ende der 
Rekonstruktionsperiode besonders wichtig ist, bietet sich die 
Universität an. Die Verwissenschaftlichung des Produk¬ 
tionsprozesses bringt notwendigerweise eine enge Beziehung 
66 


zwischen den herrschenden Interessen der Gesellschaft und 
dem Ausbildungsgang an der Universität zustande. 

Das in den letzten Jahren sprunghaft gestiegene Interesse 
der Vertreter der herrschenden Un-Ordnung an der Reform 
der Universität gewinnt seinen materialistischen Begrün¬ 
dungszusammenhang in der oben skizzierten ökonomischen 
Entwicklung. Die Krise in den öffentlichen Finanzen, die 
eine notwendige Widerspiegelung der ökonomischen Struk¬ 
turschwierigkeiten im Subventionsstaat darstellt, und für 
Hunderttausende eine wirkliche Senkung des Lebensstan¬ 
dards mit sich brachte, verbietet einen umfassenden und 
langfristigen Aufbau neuer Universitäten, den Ausbau der 
vorhandenen. Man will sich vorläufig begnügen mit der 
Ausschöpfung der »unausgenutzten Kapazitäten« in der Uni¬ 
versität. Eine höhere >out-put-Rate< ist aber gegenwärtig nur 
noch durch administrative Maßnahmen zu erreichen. Das 
»Gespräch« über »Reform« schlägt in bürokratischen Zwang 
um. Zwangsexmatrikulation, Studienzeitverkürzung und 
Studiengelderhöhung kennzeichnen die wirklichen Reform¬ 
vorstellungen der Interessenvertreter des Staates. Die auf der 
letzten Tagung des Wissenschaftsrats in Berlin (20. - 22. 5. 
1967) verabschiedete Empfehlung über die Studienbeschrän¬ 
kung in den Naturwissenschaften, Wirtschaftswissenschaf¬ 
ten und bezeichnenderweise auch den stark belegten Fächern 
der Philosophischen Fakultät, aus denen zumeist die kri¬ 
tisch-oppositionellen Studenten kommen, bestätigen die 
Grundtendenz. 

Die bisher infolge starken Widerstands der Studenten¬ 
schaft noch aufgeschobene Studienzeitverkürzung auf 
durchschnittlich 8 Semester bedroht ca. 50% der Studenten¬ 
schaft. Zur Zeit beenden 40 - 50 % ihr Studium nach dem 10. 
oder 11. Semester nicht, was zumeist auf finanzielle und 
psychologische Belastungen zurückzuführen ist. Eine Stu¬ 
dienzeitverkürzung mit erhöhter Ausstoßquote und einer 
darauf wartenden Armee von Reserve-Studenten wäre in der 
Tat im Sinne der Effektivitätssceigerung ein »Fortschritt«, 
ähnlich wie von vielen die Beseitigung der Autonomie der 
Universität als Fortschritt im Sinne rationalerer Bewältigung 
gesamtgesellschaftlicher Aufgaben betrachtet wird. In beiden 
Fällen liegt ein profitorientierter Fortschrittsbegriff vor, der 

67 



nicht begreifen will, daß diese Maßnahmen nur auf die 
reibungslosere Aufrechterhaltung der bürgerlichen Gesell¬ 
schaft hinzielen, der nicht mehr nach den irrationalen 
Voraussetzungen dieses Staates fragt (wie Spaltung der 
Gesellschaft in Lohnarbeit und verselbständigtem Kapitalin¬ 
teresse, woraus Rüstung, Arbeitslosigkeit, die Menschen 
beherrschende Kulturindustrie u. a. m. resultieren). 

Die objektiven Anforderungen der Gesellschaft an die 
Universität, die aus dem Wachstum und Wandel der ökono¬ 
mischen Situation der BRD hervorgehen, bedürfen nun zum 
vollen Verständnis auch der Reflexion über die Entwicklung 
der studentischen Organisationen und der universitären 
Hierarchie, durch deren Dynamik die ökonomischen Not¬ 
wendigkeiten sich durchsetzen sollen. 

Wir nehmen dafür die Freie Universität, ihr »Berliner 
Modells den erreichten Stand der Politisierung der Studen¬ 
tenschaft, den Stand der Auseinandersetzung mit der Univer¬ 
sitätsbürokratie und mit der »Öffentlichkeit« als Ausgangs¬ 
punkt der Analyse. Die kürzliche Urabstimmung als bisher 
letzter Höhepunkt der Auseinandersetzungen, dem be¬ 
stimmt neue auf erweiterter Stufe folgen werden, brachte 
einen zahlenmäßig knappen Erfolg der AStA. Die wahre 
inhaltliche Bedeutung des Ergebnisses erschließt sich erst 
dem, der weiß und begreift, daß es bei der Wahl um den 
Erfolg der antiautoritären Tendenz gegen die autoritäre des 
Rektorats, nicht um Bestätigung oder Abwahl der Studenten¬ 
vertretung ging. So wurde nämlich in letzter Konsequenz die 
gesellschaftliche Grundfrage unter »hochschulpolitischen« 
Vorzeichen ausgetragen. Das Ergebnis war paradox: die 
gesamtgesellschaftliche Bewußtlosigkeit der systematisch 
entmündigten Massen, die periodisch einen Beweis ihrer 
geistigen Reduziertheit antreten dürfen, reproduzierte sich 
nicht. Fast 50% der Wähler stimmten für das antiautoritäre 
Lager. 

Wie kam es zu diesem überraschenden Ergebnis, was 
bedeutet es und welche Schlußfolgerungen sind daraus zu 
ziehen? Sind die >FU-Zustände< ein nur lokal zu verstehender 
Anachronismus oder stellen sie die Zukunft der deutschen 
Universitäten überhaupt dar? Schon in den 50er Jahren bildet 
sich an der Philosophischen Fakultät, von kritischen Profes- 

68 


soren angeregt, eine linke Subkultur heraus, sorgte für eine 
, Kontinuität kritischen Bewußtseins an der Universität und in 

J den sich konstituierenden politischen Studentenverbänden. 

In dieser Fakultät war es bisher noch am ehesten möglich, 

1 sich zu der eigenen wissenschaftlichen Arbeit menschlich zu 

i verhalten, das heißt ihr Verhältnis zur Bewußtwerdung und 

Humanisierung von Gesellschaft und Natur kritisch zu 
1 prüfen, Soziologie z. B. als den zur »Wissenschaft geworde- 

j nen Widerspruch der bürgerlichen Gesellschaft« (S. Lands- 

[ hut, Kritik der Soziologie, Leipzig 1929, S. 63) zu begreifen. 

Für diese Gruppierung war die Trennung von Hochschulpo¬ 
litik und allgemeiner Politik, die Trennung von Universität 
und Gesellschaft nur Ausdruck der Reproduktion der »Spal¬ 
tung des Menschen« in Privatmann und Staatsbürger. Sie 
ergriff jede Gelegenheit, um durch außen- und innenpoliti¬ 
sche Aufklärungsveranstaltungen und Demonstrationen den 
Zusammenhang von Wissenschaft und Politik herauszuar- 
I beiten. Dennoch war ihre Isoliertheit innerhalb der Studen- 

| tenschaft nicht zu übersehen. Eine wesentliche Verschiebung 

1 erfolgte erst zwischen 1963/66, viele Faktoren kamen zusam¬ 

men: 

die gegen Tschombe, Verwoerd und das Südvietnamesi¬ 
sche Regime durchgeführten Demonstrationen und Aktio¬ 
nen hatten »Konflikte« mit der Polizei herbei geführt; 

I die Westberliner Presse begann sich auf die »Radaubrüder, 

I die sich Studenten nennen«, »einzuschießen«; 

die Anzahl der Informations- und Aufklarungsveranstal- 
tungen der linken politischen Studentenverbände war stark 
angestiegen; 

der »herrschende Antikommunismus« wurde durchbro¬ 
chen; niemand liebte Ulbricht und seine Bürokratie, aberden 
meisten wurde er bedeutungslos und langweilig; es wurde 
; erkannt, daß dieser »faule Fleck« des Sozialismus von unseren 

- Herrschenden nur als Rechtfertigung und Kaschierung ihrer 

eigenen Schwächen benutzt wurde; 

die Existenz und Virulenz der nationalen Befreiungsbewe- 
) gungen, besonders die der FNL Südvietnams, faszinierte 

große Teile der Studentenschaft, wie die sich immer deutli- 
. eher abzeichnende und zunehmende Aggression der USA in 

Vietnam die anderen Teile verwirrte und beunruhigte; der 



»Fall Krippendorf« und die »Affäre Kuby< verletzten das 
demokratische Empfinden vieler Studenten; 

die Universitätsverwaltung begann ihre restriktionsfreu¬ 
dige Poltik; 

die Arbeitssituation an der Freien Universität wurde 
tendenziell schlechter, die Zahl der Studenten größer; die 
Qualität der Vorlesungen und Seminare sank infolge büro¬ 
kratischer Verpflichtungen der Professoren ab; 

das latente und ganz abstrakte Unbehagen über die beste¬ 
hende Ordnung, die Erfahrung mit der Polizei auf der Straße, 
die Aufklärung in und durch die Veranstaltungen, der Druck 
von außen und die bewußte oder unbewußte Überzeugung, 
daß die Gesellschaft an den persönlichen seelischen und 
körperlichen Verkrüppelungen hohe Schuld trägt, schufen 
eine psychische Disposition, die starke antiautoritäre Ten¬ 
denzen und Elemente in sich trägt; 

der AStA konnte sich der allgemeinen Politisierung nicht 
entziehen, ganz im Gegenteil, wurde bald Motor in der 
weiteren Auseinandersetzung mit der Administration. 

Uber Rolle, Funktion und Möglichkeiten des Allgemeinen 
Studentenausschusses muß einiges hinzugefügt werden: er ist 
der einzige Ort innerhalb der hierarchischen Gliederung der 
Universität, wo sich ein relatives, immer wieder erneut 
herzustellendes Vertrauen zwischen den >Funktionären< und 
der Studentenschaft herstellen kann. Hier ist auch die 
schwächste Stelle der autoritären Universität. 

Die Bürokratisierungstendenz des AStA und die unpoliti¬ 
sche Haltung der Studentenschaft bedingen sich wechselsei¬ 
tig. Die Aufgabe der linken Studentenverbände besteht 
gerade darin, eine der beiden Seiten stärker zu politisieren, 
um die Bewußtseinsschärfung größerer Teile der Studenten¬ 
schaft durch Aktion und Aufklärung zu ermöglichen. Hinzu 
kommt, daß die studentische >Basis< nicht wie bei den 
Parteien des Faschismus, Stahmsmus und autoritären Staats¬ 
kapitalismus (SPD, CDU-CSU) materiell von der etablierten 
»Führung« abhängig ist. Einem kritischen Dialog zwischen 
den mündigen Teilen der Studentenschaft und ihren tempo¬ 
rären Vertretern, die eben keine »Berufspolitiker« sind, steht 
prinzipiell nichts im Wege. Diese in der Gesellschaft schon 
längst abgeschaffte Möglichkeit ist der größte Schutz der 
70 


Studenten gegen die autoritären Anforderungen von Univer¬ 
sitätsbürokratie und Gesamtgesellscbaft. 

Die >Sit-Ins< sind Kampagnen, um die Aktionseinheit des 
antiautoritären Lagers mit seinen zeitweiligen Repräsentan¬ 
ten zu ermöglichen, um »Gesprächen« jenseits der bewußten 
Öffentlichkeit der Universität vorzubeugen. Wir sollten uns 
darüber klar sein, daß der Senat und sein verlängerter Arm, 
die Universitätsbürokratie, weder in der Bevölkerung noch 
im autoritätsfixierten Lager der Universität eine aktive und 
stabile Massenbasis gegen die Opposition haben. Die Mobi¬ 
lisierung der Pseudoöffentlichkeit der Massen-Medien gegen 
uns ist unvermeidbar, aber relativ unwichtig. So bleibt ihnen 
gegen die oppositionellen Studenten nur die polizeiliche und 
bürokratische Gewalt, von der sie auf kurz oder lang wieder 
Gebrauch machen werden. 

Die bewußteste und aktivste Opposition gegen die Entde¬ 
mokratisierung der Gesellschaft geht von den Universitäten 
aus. Die tendenzielle Beseitigung der studentischen Opposi¬ 
tion durch exemplarische Bestrafung und Relegierung der 
»Rädelsführer« muß als Angriff auf die bedeutendsten An¬ 
sätze demokratischen Bewußtseins angesehen und mit adä¬ 
quaten Aktionsformen beantwortet werden. Die Auseinan¬ 
dersetzung in West-Berlin trägt einen doppelt beispielhaften 
Charakter: 

für die westdeutschen Universitäten; 

die FU-Bürokratie will den Disziplinierungswillen der 
Universitätshierarchie demonstrieren. 

Die durch große Teile der Professorenschaft vertretene 
hierarchische Struktur der Universität beabsichtigt, um die 
Eigenständigkeit ihrer Lehre und Forschung zu erhalten, mit 
den profitorientierten Rationalisierungsvorschlägen der Kul¬ 
tusminister einen Kompromiß auf dem Rücken der Studen¬ 
tenschaft einzugehen, sich mit Studienbeschränkungen, Stu¬ 
dienzeitverkürzung usw. einverstanden zu erklären, was 
nichts anderes heißt, als für sich die Wissenschaft behalten zu 
wollen, den Studenten aber eine schnelle Berufsschule in 
Richtung Amt und Ehe anzubieten! 

Die Kultusminister, zwar zufrieden mit der Ausbildung 
von »Spezialisten ohne Herz und Verstand« (M. Weber), 
vulgärer: »Fachidioten« wollen dennoch die Beseitigung 

71 



>alter Zöpfe der Hierarchie« den Studenten als »größere 
Mitbestimmung« verkaufen; die Kette erhält einige Blu¬ 
men. Die Studenten sollen ihre eigene Beerdigung organisie¬ 
ren dürfen. Studienzeitverkürzung, Studienbeschränkung, 1 

Zwangsexmatrikulation und Mitbestimmung schließen sich 
per definitionem aus. 1 

Nur noch wenige Professoren lehren etwas über den 
Zusammenhang wissenschaftlicher Ausbildung und prak- > 

tisch-politischer Tätigkeit im Namen der Vernunft gegen die 
Herrschaft der Unmündigkeit, der »totgeschlagenen Materie« | 

über den lebendigen Menschen. Aus dieser Trennung von 
Wissenschaft und Befreiungsbewegungen resultiert u. a. eine 
der symptomatischsten und erschreckendsten Erscheinun¬ 
gen des gegenwärtigen Studiums: die völlige Beziehungslo- j 
sigkeit zwischen dem Professor und den Studenten. ; 

In Kürze haben die jungen Studenten die Routine und 
Langweiligkeit der »Vorführung« des Materials durchschaut, > 
dann gibt es nur noch eine müde und mechanische Reaktion. 

Der Zusammenhang ist einleuchtend: die Gesellschaft erwar- | 
tet von der Universität mit zynischer Selbstverständlichkeit 
»sozialisierte« und untertänige Staatsdiener (Mono: Berlin 
braucht keine Provos, sondern Studenten für Deutschland. ! 
Ja, für Ihr Deutschland). 

Der ernsthafte Teil der Studentenschaft, das kritisch¬ 
antiautoritäre Lager betrachtet die Studienzeit nicht als 
Rezeption bedeutungslosen Wissens, nicht als Durchgang 
zum sozialen Aufstieg in einer repressiven Gesellschaft, nicht 
als lustigen Zeitvertreib oder pseudo-revolutionäreS Happe¬ 
ning, sondern als die der Mehrheit der Menschen systema- 1 

tisch verweigerte Möglichkeit, sich durch intensive Anstren- 1 

gung von den durch Vergangenheit und Erziehung verinner- ' 

lichten fremden Herrschaftsinteressen zu befreien, die spe¬ 
zifisch menschliche Verstandestätigkeit in sprengende Ver- f 

nunft gegen die bestehende Gesellschaft zu transformieren. J 

Die Niederlage dieser Studenten wäre der Sieg der autori- > 

täten Leistungsuniversität. In ihr geht alle Aktivität und 
Bewegung von oben aus. Ihr Telos ist der geschlossene und < 

formierte Einsatz aller Abteilungen und Ressorts für die Ziele 
der Gesamtpolitik, d. h. für den Status quo des etablierten 
Gleichgewichts der Herrschaft. 1 

I 

72 


IV. 

Die parlamentarische Demokratie sollte und konnte nach 
dem Faschismus nur eine Übergangsperiode für die Rekon¬ 
struktionsperiode sein. Zweiparteiensystem, Notstandsge¬ 
setze, Stabilisierungsgesetze und Leistungsuniversitäten 
markieren den Weg in den autoritären Staatskapitalismus. 

Der parlamentarische Staat als eine große Börse der 
Interessengruppen, die Kompromisse über ihren Anteil am 
Sozialprodukt eingingen, soll ersetzt werden durch die 
Herrschaft der »sachorientierten« Verwaltungsmaschine, der 
staatlichen Exekutive. Das »natürliche Bedürfnis« nach Be¬ 
schränkung aller Interessen und Tätigkeiten auf den Rahmen 
der bürgerlichen Gesellschaft findet in der staatlichen Exeku¬ 
tive seinen vollendetsten Ausdruck. Die Ablehnung und 
Durchbrechung dieser »Ordnung« durch die Studenten ist die 
conditio sine qua non unserer antiautoritären Praxis. Diese 
»neue Form« der staatlichen Organisation beseitigt die bishe¬ 
rige Eigengesetzlichkeit der politischen Mechanik der Inter¬ 
essendemokratie, der Kompromiß- und Resultantencharak¬ 
ter der Politik verschwindet. 

Die einheitliche und zentrale Leitung der Gesellschaft, 
erzwungen durch die Funktionsnotwendigkeiten des Sub¬ 
ventionsstaates, die Anwendung der modernen Planwirt¬ 
schaft und der organisierten Arbeitslosigkeit lassen unsere 
Gesellschaft als eine »Parodie auf die klassenlose Gesellschaft« 
erscheinen. Noch werden die Menschen durch ein System 
von Konzessionen bei der Stange gehalten. 

Die materiellen Bedingungen für die Aufkündigung des 
»Bündnisses« zwischen Beherrschten und Herrschenden sind 
schon längst reif, alles hängt vom bewußten Willen der 
Menschen ab, die von ihnen schon immer gemachte Ge¬ 
schichte endlich der Kontrolle und den Bedürfnissen des 
Menschen zu unterwerfen. 

In der jetzigen Phase des Übergangs zu einer neuen Form 
der »regulierten Beherrschung« der Menschen ist die Heraus¬ 
bildung eines antiautoritären Lagers an der Universität von 
wesentlicher Bedeutung für die gesamtgesellschaftliche Ent¬ 
wicklung. 

Wir befinden uns in der Auseinandersetzung an der Freien 
Universität an einem Prozeßpunkt, wo für die nächste Zeit 

73 



eine plötzlich zugespitzte Situation zu erwarten ist, eine 
Situation, in der sich die allgemeine Tendenz der profitorien¬ 
tierten Leistungsuniversität gegen die antiautoritären Kräfte 
durchzusetzen versuchen wird. Das neue Universitätsgesetz 



der Wand, ohne illusionäre Hoffnungen, aber wir führen sie j 
permanent und haben die Überzeugung, durch die ununter- ) 

brochene Vermittlung von Aktionen und Aufklärungskam- j 
pagnen unser »Lager« der Anti-Autoritären vergrößern zu l 
können. Wofür? Für die Aufrechterhaltung des Beispielcha- ] 
rakters der an der FU geführten Auseinandersetzungen für I 
die anderen westdeutschen Universitäten, für die Erweite¬ 
rung des Bündnisses mit den wenigen antiautoritären Grup¬ 
pen in der Gesellschaft, last not least in eigener Sache, ist doch j 

die Herausbildung antiautontärer Charakterstrukturen ein 
Wert in sich, ein elementar wichtiger Schritt auf dem Wege | 

zur menschlichen Emanzipation. , 

Wir schwimmen nicht mehr im Schlepptau der öffentli- . 

eben Meinung, sind kein von Parteien und Interessengruppen I 

umschmeicheltes Lieblingskind, »man« lobt uns nicht mehr- 
und das ist gut so. Wir sind dabei, die akademische Würde zu 1 

verlieren und das ist gut so. Wir sind dabei, die akademische 
Würde zu verlieren und das »Niveau der Geschichte« (Marx) ' 

zu gewinnen, das Niveau von Madrid, Barcelona, Berkeley 
und Caracas. | 

»Friede« dem Berliner Modell, Krieg den autoritären Zu¬ 
ständen in und außerhalb der Universität! | 

Dieser Beitrag entstand im Mai 1967, unmittelbar nach 
einer vom AStA der FU durchgeführten Urabstimmung. Der 
Hintergrund: nach einem Sit-In hatte der Rektor der FU, 

Lieber, die Verträge der beiden AStA-Vorsitzenden und des f 

Konventsvorsitzenden, die HiWi-Stellen innehatten, gekün¬ 
digt sowie gegen die Betroffenen und zwei weitere Studenten r 

(unter ihnen Dutscbke) ein Disziplinarverfahren angekün¬ 
digt. Daraufhin beschloß der Konvent eine Urabstimmung: , 

der studentischen Vertretung sollte das Vertrauen ausgespro¬ 
chen werden. Die Abstimmung - ein riskantes Unternehmen 
- ging knapp aus: 46,1 % stimmten für den AStA, 43,4% gegen ' 


ihn. - Der Fall Kuby: mit ihm begann die Serie der offenen 
politischen Auseinandersetzungen an der FU; Erich Kuby 
war vom AStA eingeladen worden, am 7. Mai 1965 an einer 
Podiumsdiskussion aus Anlaß des 20. Jahrestages der Kapitu¬ 
lation des Dritten Reiches teilzunehmen. Kuby war daraufhin 
von Rektor Lüers die Teilnahme verboten worden - Begrün¬ 
dung: Kuby habe sich sieben Jahre vorher in einem Vortrag 
an der FU abschätzig über diese Universität geäußert. Dieses 
Verbot löste den entschiedenen Protest fast aller studentischen 
Organisationen aus. - Der Fall Krippendorf: Ekkehart Krip¬ 
pendorf, Assistent am Otto-Suhr-Institut der FU, hatte 
öffentlich die Entscheidung von Rektor Lüers kritisiert. 
Daraufhin wurde ihm vom Rektor mitgeteilt, sein Vertrag 
werde nicht verlängert werden. Auch in diesem Fall wandten 
sich fast alle studentischen Organisationen gegen die autori¬ 
täre Entscheidung. Der Konflikt endete mit einem Kompro¬ 
miß: der Vertrag wurde zwar nicht verlängert, Krippendorf 
bekam aber ein Habilitationsstipendium. 



75 



Professor Habermas, Ihr begriffsloser Objektivis¬ 
mus erschlägt das zu emanzipierende Subjekt! 
(Redebeitrag auf dem Kongreß in Hannover am 9. Juni 1967) 


Rudi Dutschke: 

Meine Damen und Herren, um ihre Zeit nicht zu sehr in 
Anspruch zu nehmen, habe ich das ausgearbeitete Referat 
wesentlich gekürzt., 

Mit der Verringerung der Möglichkeiten, die Schranken 
der Akkumulation durch Ausdehnung des kapitalistischen 
Feldes zu überwinden - die Welt ist auf geteilt, die Dritte Welt 
hat ihren Kampf begonnen -, mit dem dadurch bedingten 
Ausmaß der Kapitalvernichtung, durch Rüstung, künstliche 
Aufblähung eines gigantischen Bürokraten- und Verwal¬ 
tungsapparates, struktureller Arbeitslosigkeit, unausgenutz- 
ten Kapazitäten, Reklame etc., das heißt also mit dem 
Anwachsen der gesellschaftlichen toten Kosten, mit dem 
wachsenden Zurückbleiben der Produktionssteigerung hin¬ 
ter ihren technischen Möglichkeiten treten neue Tendenzen 
in der Dynamik des Klassenkampfes auf, verändert sich das 
traditionelle Theorie-Praxis-Verhältnis im Marxismus. 

Bei Professor Habermas kann es noch mit Marx so heißen: 
es genügt nicht, daß der Gedanke zur Wirklichkeit drängt, 
die Wirklichkeit muß zum Gedanken drängen. Das war 
richtig für die Zeit der transitorischen Notwendigkeit des 
Kapitalismus. Davon kann schon längst keine Rede mehr 
sein. Die materiellen Voraussetzungen für die Machbarkeit 
unserer Geschichte sind gegeben. Die Entwicklungen der 
Produktivkräfte haben einen Prozeßpunkt erreicht, wo die 
Abschaffung von Hunger, Krieg und Herrschaft materiell 
möglich geworden ist. Alles hängt vom bewußten Willen der 
Menschen ab, ihre schon immer von ihnen gemachte Ge¬ 
schichte endlich bewußt zu machen, sie zu kontrollieren, sie 
sich zu unterwerfen, das heißt, Professor Habermas, Ihr 
begriffsloser Objektivismus erschlägt das zu emanzipierende 
Subjekt. Die Mechanisierung des Arbeitsprozesses mußte 
76 


den Anteil der gelernten Arbeiter an der gesamten industriel¬ 
len Arbeit zwangsläufig verringern. Parallel dazu wächst aber 
die Bedeutung und Unentbehrlichkeit der zahlenmäßig ver¬ 
ringerten, gelernten Schicht, der technischen und ökonomi¬ 
schen Intelligenz für den gesamten gesellschaftlichen Repro¬ 
duktionsprozeß. 

Diese Verwissenschaftlichung des Produktionsprozesses 
ist auch die Grundlage einer neuen Funktionsbestimmung 
der Universität durch den Spätkapitalismus, ist Ausgangs¬ 
punkt einer antiautoritären Politisierungsmöglichkeit der 
Universität durch uns. Das in den letzten Jahren sprunghaft 
gestiegene Interesse der herrschenden Unordnung bezüglich 
der Reform der Universität gewinnt seinen materialistischen 
Begründungszusammenhang in der oben skizzierten ökono¬ 
mischen Entwicklung. Die objektiven Anforderungen der 
Gesellschaft an die Universität, die aus dem Wachstum und 
Wandel der ökonomischen Situation der BRD hervorgehen, 
bedürfen zum vollen Verständnis auch der Reflexion über die 
Entwicklung der studentischen Organisationen und der 
universitären Hierarchie, durch deren Dynamik die ökono¬ 
mischen Notwendigkeiten sich durchsetzen sollen. Wir 
nehmen dafür die FU, ihr Berliner Modell, den erreichten 
Stand der Politisierung der Studentenschaft, den Stand der 
Auseinandersetzung mit der Universitätsbürokratie, mit der 
»Öffentlichkeit«, als Ausgangspunkt der Analyse. 

Die kürzliche Urabstimmung, als vorletzter Höhepunkt 
der Auseinandersetzungen in Westberlin, dem bestimmt 
neue auf erweiterter Stufenleiter folgen werden, brachte 
einen zahlenmäßig knappen Erfolg des AStA, der aber erst 
dem wirklich klar wird, der begreift, daß es bei der Wahl 
nicht um Abwahl oder Anerkennung des AStA ging, sondern 
daß es darum ging, sich zu bekennen zur äntiautoritären 
Tendenz oder zur autoritären Tendenz des Rektorats, damit 
waren nämlich in letzter Konsequenz die einscheidenden 
gesellschaftlichen Grundfragen unter hochschul-politischen 
Vorzeichen an der Tagesordnung, d. h. wir haben die 
entscheidende Frage gestellt nach Mündigkeit oder Unmün¬ 
digkeit des Studenten in unserer Universität. Das Ergebnis 
war paradox. Die gesamtgesellschaftliche Bewußtlosigkeit 
der systematisch entmündigten Massen, die periodisch in den 

77 



Wahlen den Beweis ihrer geistigen Reduziertheit antreten 
dürfen, reproduzierte sich nicht. Fast fünfzig Prozent der 
Studenten stimmten für das antiautoritäre Lager. Wie kam es 
zu diesem überraschenden Ergebnis, was bedeutet es für die 
Bundesrepublik, welche Schlußfolgerungen sind daraus zu 
ziehen? Sind die FU-Zustände Anachronismus, oder stellen 
sie vielleicht die Zukunft der deutschen Universität dar? Die 
entscheidende politische Verschiebung im Politisierungspro¬ 
zeß an der Freien Universität erfolgte in den Jahren 1963/66. 
Viele Faktoren wurden schon genannt, einige meiner Mei¬ 
nung nach entscheidende wurden ausgelassen. So, u. a., daß 
der Ausgangspunkt der Politisierung eines Teils der Westber¬ 
liner Studentenschaft Aktionen auf der Straße gegen 
Tschombe, Verwoerd u. a. Regime der dritten Welt waren. 
Und das ist von entscheidender Bedeutung darum, meine 
Damen und Herren, weil diese Aktionen, die wir durchführ¬ 
ten, Aktionen waren, die Resultat einer rationalen Bewälti¬ 
gung des zur damaligen Zeit diskutierten Protestproblems 
darstellten. 

Wir hatten in monatelanger Diskussion theoretisch her¬ 
ausgearbeitet, daß die bürgerliche Demokratie, in der wir 
leben, sich gerade dadurch auszeichnet, daß sie es dem Lord 
gestattet, mit seinem Hund spazierenzugehen und so auch 
den Vietnam-Protesten den Weg zur Verfügung stellte und 
die Kanalisierung des Protestes durchführt. Aus dieser 
theoretischen Einschätzung der Integrationsmechanismen 
der bestehenden Gesellschaft ist es für uns klargeworden, daß 
die etablierten Spielregeln dieser unvernünftigen Demokratie 
nicht unsere Spielregeln sind, daß Ausgangspunkt der Poli¬ 
tisierung der Studentenschaft die bewußte Durchbrechung 
dieser etablierten Spielregeln durch uns sein mußte. Diese 
theoretische Diskussion über die Möglichkeiten, den Protest 
zu integrieren und die direkte und richtige, weil historisch 
mögliche Solidarisierung mit den kämpfenden Völkern zu 
verhindern, war Ausgangspunkt von praktischen Aktionen 
auf der Straße, die allerdings noch andere Faktoren mitbe- 
dmgten, daß wir es zu einer Politisierung an der FU brachten. 
So zum Beispiel, um das nur der Vollständigkeit halber 
hinzuzufügen, daß die Zahl der Studenten immer größer 
wurde, die Qualität der Vorlesungen und Seminare in Folge 
78 


bürokratischer Verpflichtungen der Professoren immer 
schlechter wurden. 

Ein anderes wichtiges Moment der Politisierung war, daß 
das latente und ganz abstrakte Unbehagen über die beste¬ 
hende Ordnung, die Erfahrungen auf der Straße, die Aufklä¬ 
rung in den Veranstaltungen, der Druck von außen und die 
bewußte oder unbewußte Überzeugung, daß die bestehende 
Gesellschaft an den persönlichen, seelischen und körperli¬ 
chen Verkrüpplungen Schuld trägt, eine psychische Dispo¬ 
sition schufen, die starke antiautoritäre Elemente und Ten¬ 
denzen in sich trug, in sich trägt. Hinzu kam als letzter und 
sehr wesentlicher Punkt, daß der AStA der FU sich der 
allgemeinen Politisierungstendenz nicht entziehen konnte, er 
wurde immer mehr mitgestaltender Motor in der weiteren 
Auseinandersetzung mit der Administration. 

Die tendenzielle Beseitigung der studentischen Opposi¬ 
tion durch exemplarischen Polizeiterror, durch Bestrafung 
und Relegierung sogenannter Rädelsführer muß von uns als 
Angriff auf die bedeutendsten Ansätze demokratischen Be¬ 
wußtseins nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland 
angesehen werden und mit adäquaten Aktionsformen beant¬ 
wortet werden. Die staatliche Gewaltmaschine, die Bürokra¬ 
tie und die Exekutive, sind die selbstverständlichen Hüter der 
Ordnung, Ruhe und Sicherheit der bestehenden Herrschaft. 
Jede Bewegung politischer Gruppen, die die Notstandspiel¬ 
regeln der unvernünftigen Ordnung nicht mehr akzeptieren, 
wird von ihr als direkter Angriff auf die bestehende Ordnung 
angesehen - und das ist richtig. Wir sehen das täglich jetzt in 
Westberlin und dennoch sind wir illusionslos genug einzu¬ 
sehen, daß wir nichts anderes in der nächsten Periode als eine 
Vergrößerung des antiautoritär-realdemokratischen Lagers 
in- und außerhalb der Universität erreichen können, und das 
wäre schon sehr viel. Sie sehen, wie sehr die Herrschenden 
um ihre Sicherheit zu fürchten beginnen. 

Das kann man in Berlin geradezu exemplarisch in diesen 
Tagen erfahren. Wer gestern die Parlamentsdebatte gehört 
hat, dürfte damit übereinstimmen. Sie beginnen sich dann zu 
fürchten, sobald eine radikaldemokratische Opposition, ver¬ 
mittelt durch rationelle Bwältigung der Problematik, politi¬ 
sche Praxis gegen undemokratische Herrschaftsfunktionen 

79 



beginnt und dazu gehören praktische Proteste gegen die der 
Integration und Anpassung der Bevölkerung dienenden 
Staatsbesuche. Und es zeigte sich bei uns in Westberlin, daß 
die Phase der direkten Auseinandersetzung mit der etablier¬ 
ten Ordnung auch die festen Organisationen der Studenten¬ 
schaft,wie AStA, SDS, SHB, LSD u. a. unterläuft. Daß allein 
die praktische, kritische Entfaltung der bewußtesten Teile 
der Studentenschaft durch entstehende Aktionszentren eine 
politische Kontinuität der Auseinandersetzung unter größter 
Beteiligung der Studentenschaft ermöglicht, was unter 
SDS-Flagge, AStA-Flagge, LSD-Flagge, oder was auch im¬ 
mer unmöglich ist, darum Aktionszentren zur Kontinuität 
der politischen Arbeit an der Universität, wir sind mit 
unseren Aktionszentren in Westberlin jetzt schon über eine 
Woche tätig, das ist der längste Zeitraum wirklich massen¬ 
hafter, politischer Kontinuität, die wir je in Westberlin 
gehabt haben, wir haben die Hoffnung, daß diese räteartigen 
Gebilde an allen westdeutschen Universitäten in den näch¬ 
sten Tagen gegründet werden, denn die rationale Bewälti¬ 
gung der Konfliktsituation in der Gesellschaft impliziert 
konstitutiv die Aktion, wird doch Aufklärung ohne Aktion 
nur zu schnell zum Konsum, wie Aktion ohne rationale 
Bewältigung der Problematik in Irrationalität umschlägt. Ich 
fordere alle westdeutschen Studenten auf, umgehend Ak¬ 
tionszentren in den Universitäten der BRD aufzubauen: für 
die Expandierung der Politisierung in Universität und Stadt 
durch Aufklärung und direkte Aktion; sei es gegen Notstand, 
NPD, Vietnam oder hoffentlich bald auch Lateinamerika. 
Ich fordere die Aktionszentren auf, daß sie koordinierte 
politische Aktionen in der ganzen Bundesrepublik und 
Westberlin in den nächsten Tagen und Wochen mobilisieren, 
denn es geht darum, daß wir für Dienstag in Westberlin eine 
Demonstration beantragt haben zur Aufhebung des Demon¬ 
strationsverbotes. Sollte diese einberufene Demonstration 
nicht gestattet werden, so haben wir bei uns beschlossen, daß 
unmittelbar nach Verbot der Demonstration über Kampfak¬ 
tionen gegen dieses Demontrationsverbot beraten wird und 
darüber entschieden wird, und wir wären sehr froh darüber, 
wenn Dienstag westdeutsche Aktionszentren in Westberlin 
wären, um dort gemeinsame Aktionen zu beschließen. 

80 


| In einer Antwort auf mehrere Diskussionsbeiträge sagte Rudi 
I Dutschke u. a.: 

i Und zu Herrn Kuhn, folgendes: ich denke, daß ich in der 

Theorie-Praxis-Beziehung, die wir auch als historische Be¬ 
ziehung in den verschiedenen sozial-ökonomischen Forma¬ 
tionen zu begreifen haben, in dem Augenblick Wesenhaftes 
verändert, wenn ein Punkt in der historischen Entwicklung 
> erreicht ist, wo die materiellen Voraussetzungen für eine neue 

1 Welt gegeben sind. Marx ging davon aus, daß wir eine 

’ dialektische Identität von Ökonomie und Politik hatten. Die 

Tendenz der Ökonomie sollte in Richtung Krise gehen und 
die Krise politische und menschliche Emanzipation durch 
kämpferische Aktion ermöglichen. Da aber die gegenwärtige, 
sozio-ökonomische Entwicklung diese emanzipierende Ten¬ 
denz nicht mehr in sich trägt, verändert sich vollkommen das 
Gewicht der subjektiven Tätigkeit des einzelnen. Davon bin 
ich ausgegangen, damit ist genannt eine neue Bestimmung des 
Voluntarismus. Wir können nicht mehr einfach sagen, Wille 
ist falsch, denn unter den Bedingungen, wo Tendenzen qua 
Tendenzen nicht mehr emanzipierend, geschichtlich voran¬ 
gehen, wird die praktische Tätigkeit der Menschen in der 
gegenwärtigen Periode von entscheidender Bedeutung für 
unsere Zukunft und darum neue Bestimmung der subjekti¬ 
ven Tätigkeit, darum >sich-wenden< gegen einen Objektivis¬ 
mus, der weiterhin vertraut auf einen emanzipatorischen 
Prozeß, der sich naturwüchsig durchsetzt. Dieses Vertrauen 
habe ich nicht, ich vertraue nur auf die konkreten Tätigkeiten 
von praktischen Menschen und nicht auf einen anonymen 
Prozeß. 


Etwas später - Rudi Dutschke hatte die Versammlung wegen 
der brisanten politischen Situation in Berlin schon verlassen - 
antwortete Jürgen Habermas: 

Jürgen Habermas: 

Meine Damen und Herren, ich hoffe, daß Herr Dutschke 
noch hier ist. 

Zwischenruf: 

Nein! 


81 



I 


Jürgen Habermas: 

Es tut mir leid, ich kann dann in der vorgesehenen Schärfe 
mich nicht mehr äußern, wie ich es eigentlich vorgehabt 
hatte. Denn in Abwesenheit von Herrn Dutschke wäre es 
leicht, hier ein argumentatives Wort zu sprechen, so will ich 
mich also mäßigen und nur einige Fragen stellen. Ich bin 
erstaunt, daß die Linie, die Herr Dutschke hier vertreten hat, 
zwar aus dem Publikum in Frage gestellt worden ist, aber 
vom Tisch der Veranstalter ohne Kommentar hingenommen 
worden ist. Ich möchte, oder ich hätte gerne Herrn Dutschke 
folgendes gefragt. Ich bin aus dem Auto wieder zurückge¬ 
kommen, weil ich es für richtig hielt, doch nicht zu schwei¬ 
gen. Herr Weller hat wiederum von Brutalität und Un¬ 
menschlichkeit gesprochen, und ich meine, daß wir diese 
Vokabeln glaubwürdig nur verwenden und vertreten und 
nicht nur zu manipulativen Zwecken ausstreuen können, 
wenn Herr Dutschke uns eine klare Auskunft auf folgende 
Fragen in einem positiven Sinne gäbe. Herr Dutschke hat als 
konkreten Vorschlag, wie ich zu meinem Erstaunen nachher 
festgestellt habe, nur vorgetragen, daß ein Sitzstreik stattfin¬ 
den soll, das ist eine Demonstration mit gewaltlosen Mitteln. 
Ich frage mich, warum nennt er das nicht so, warum braucht 
er eine dreiviertel Stunde, um eine voluntaristische Ideologie 
hier zu entwickeln. Ich bin der Meinung, er hat eine 
voluntaristische Ideologie hier entwickelt, die man im Jahre 
1848 utopischen Sozialismus genannt hat, und der unter 
heutigen Umständen, jedenfalls ich glaube. Gründe zu 
haben, diese Terminologie vorzuschlagen, linken Faschismus 
nennen muß. Es sei denn, daß Herr Dutschke aus dem, was 
er an Überbau hier entwickelt hat, praktisch keine Konse¬ 
quenzen zu ziehen wünscht. Das hätte ich gerne geklärt. Ich 
hätte gerne geklärt, ob er nun willentlich die manifeste 
Gewalt herausfordert nach dem kalkulierten Mechanismus, 
der in dieser Gewalt eingebaut ist, und zwar so, daß er das 
Risiko von Menschenverletzung, um mich vorsichtig auszu¬ 
drücken, absichtlich einschließt oder nicht. Die offizielle 
Version, gegen die Sie auf eine so überaus überzeugende, auf 
eine überaus erfolgreiche Weise, meine Berliner Kommilito¬ 
nen, in den letzten paar Tagen mit dem festen Recht 
angegangen sind, nämlich, die Version, daß der Tod eines 

82 


Kommilitonen auf das Konto von provokationistischen 
Studentenhorden geht, diese Version, und ich hätte das gerne 
Herrn Dutschke gefragt, würde sie Wahrheit werden kön¬ 
nen, wenn seine Strategie sich durchsetzt? Oder habe ich ihn 
total mißverstanden? 

Zwischenruf: 

Ja, selbstverständlich, Sie haben ihn nicht verstanden. 
Total mißverstanden - total mißverstanden. 

Jürgen Habermas: 

So, so! Bitte, bin ich der einzige, der ihn so mißverstanden 
hat? Meine Damen und Herren, wir können über die 
progressive Rolle von Gewalt diskutieren, und es ist in der 
Theorie, der ich nicht eben fern stehe, sehr ausführlich 
darüber diskutiert worden. Es gibt eine progressive Rolle der 
Gewalt, und die analytische Unterscheidung zwischen pro¬ 
gressiver und reaktionärer Gewalt hat seinen guten Sinn eben 
für die Analyse. Aber ich meine, daß in einer Situation, die 
weder objektiv revolutionär ist, noch in einer Situation, 
nachdem eine Revolution gewonnen ist und nun naturwüch¬ 
sige Gewalt durch politische Planung ersetzt werden muß, 
ich meine, daß in einer Situation, in der weder der eine, noch 
der andere Fall gegeben ist, es nur eine subjektive Anmaßung 
sein kann, nun für die Studenten, die in der Tat nichts anderes 
als Tomaten in den Händen haben können, eine Strategie 
vorzuschlagen, die, wenn ich Sie nicht mißverstanden habe, 
und nichts würde ich mit größerem Vergnügen sehen, als daß 
Sie mir überzeugend klar machen, daß ich Sie mißverstanden 
habe, und das ist nicht zuletzt der Sinn dieser Intervention, 
- es ist notwendig, daß dieses Mißverständnis, wenn es eins 
ist, aus dem Raume geschafft wird, - ich meine, in einer 
solchen Situation ist es eine subjektive Anmaßung, für 
Studenten, die nichts anderes als Tomaten in den Händen 
haben, eine Strategie vorzuschlagen, die, wie ich es heute 
schon zweimal gesagt habe, darauf angelegt ist, eine sublime 
Gewalt, die notwendig in Institutionen impliziert ist, mani¬ 
fest werden zu lassen, gleichviel, ob sie etwa zu vertreten ist 
oder nicht. Ich meine nur eins, daß formale Regelungen, 
gegen die Sie mit so viel Wärme hier zu Felde ziehen, nach 
den Vorstellungen, die wir bisher gemeinsam geteilt haben, 
materiell eingelöst, aber nicht außer Kraft gesetzt werden 

83 



sollten. Ich darf noch einmal sagen, meine Intervention hat 
den Zweck, Sie, die Sie Herrn Dutschke nun vertreten 
müssen, so leid es mir tut, zu bitten, mich wirklich zu 
überzeugen, ob das ein Mißverständnis ist oder ob sehr wohl 
in dieser Strategie das impliziert ist, was ich hier zunächst 
hypothetisch unterstellt habe. 

Benno Ohnesorg, der bei der Anti-Schah-Demonstration 
in West-Berlin am 2. Juni 1967 von dem Polizisten Kurras 
erschossen worden war, wurde am 9. Juni in Hannover 
beerdigt. Unmittelbar danach fand der Kongreß >Bedingun- 
gen und Organisation des Widerstandest statt, der über 7000 
Teilnehmer zählte. Es kam zu einer langen politischen 
Diskussion über die Perspektiven der Bewegung.Hier erhob 
Jürgen Habenlias zum ersten Mal den Vorwurf des > Links¬ 
faschismus« gegenüber der Studentenbewegung (den er später 
revidierte). 


84 


Abbildung gegenüber: 1967 



Keiner Partei dürfen wir vertrauen! 


X 

\ 

Selten ist es so klar gewesen wie jetzt in der Zeit nach der | 

für Benno Ohnesorg tödlich verlaufenen Notstandsübung 
der Polizei, daß die Menschen, die aus tiefster demokrati¬ 
scher Gesinnung den terroristischen Polizeieinsatz gegen 
wehrlose Demonstranten ablehnen, in den etablierten Orga¬ 
nisationen der SPD, CDU, FDP und SED (West-Berlin) 
nicht vertreten sind, von deren bürokratisierten »Berufspo¬ 
litikern« wir keinerlei Unterstützung oder gar Interessenso¬ 
lidarität zu erwarten haben. 

Wer hätte auch gedacht, daß Tag für Tag die Spitzen der 
»tragenden Organisationen« ihren Zungenschlag ändern, 

Schicht um Schicht die verhüllte Wahrheit herausgegraben 
werden muß? 

Wer hätte erwartet, daß im Abgeordnetenhaus sich keine , 

einzige Stimme der Anklage gegen einen kopflosen Senat, 
gegen den Mißbrauch staatlicher Gewaltinstrumente, wie 
Polizei, Bürokratie und Information, erheben würde? 

Wer hätte sich träumen lassen, daß die gutgemeinten 
Versuche großer Teile der Studentenschaft, in der Bevölke¬ 
rung Aufklärung über die gesellschaftliche und politische 
Situation der Stadt zu betreiben, sich über mehr als eine 
Woche hinziehen würden, daß diese Aufklärung nicht so sehr 
die seit Jahrzehnten falsch informierte Bevölkerung überzeu¬ 
gen, sondern den Solidarisierungsprozeß zwischen den Stu¬ 
denten verstärken würde? 

Die spürbare »Veränderung« in den Stellungnahmen der 
bei uns Regierenden beweist, daß wir zu Recht alle »Rat¬ 
schläge«, uns von unseren sogenannten »radikalen Rädels- 
führern« zu distanzieren, abgelehnt haben. Die Distanzie¬ 
rung von unseren aktivsten Vertretern in dieser grundlegen¬ 
den gesellschaftlichen Auseinandersetzung zwischen den 
autoritären Machenschaften des Senats und unseren Forde¬ 
rungen nach radikaler Demokratisierung in allen Bereichen 
des gesellschaftlichen Zusammenlebens wäre der Anfang 
vom Ende unserer Bemühungen. 

86 


Der Dialog zwischen temporärer politischer Führung und 
tätigen Teilen der Studentenschaft ist für uns die einzige 
Chance, die spontane Bewußtheit anläßlich der Ermordung 
unseres Kommilitonen in politisch kontinuierliche Bewußt¬ 
seinswachheit gegen undemokratische Gesellschaftsstruktu¬ 
ren zu verwandeln. 

Bei völliger Ablehnung jeglicher Illusionen über unsere 
Möglichkeiten, die gesellschaftliche Struktur wesenhaft in 
Frage zu stellen, sollten wir uns dennoch darüber klar sein, 
daß Senat und Universitätsbürokratie weder in der Bevölke¬ 
rung noch im autoritätsfixierten Lager der Universität eine 
aktive und tätige Massenbasis gegen uns haben. 

Die systematisch durch Konzessionen in Unmündigkeit 
und Passivität gehaltenen Massen sind als Ganzheit weder 
von den Herrschenden noch von uns zu mobilisieren. Jedoch 
besteht für uns eine gewisse Chance, in den von Aussperrun¬ 
gen und Entlassungen bedrohten Betrieben eine konkrete 
Interessensolidarität zwischen Arbeitern und Studenten her¬ 
zustellen, was ein geradezu entscheidender Schritt nach vorn 
für die Veränderung des labilen Gleichgewichts der politi¬ 
schen Kräfte in dieser Stadt wäre. Die etablierten Parteien 
spielen in dieser Auseinandersetzung eine bedeutungslose 
Rolle, sind sie doch nur ein Anhängsel der Senatsexekutive, 
der Bürokratie und der Polizei, die als die »natürlichen« 
Vertreter von Ordnung, Stabilität und Sicherheit die Inter¬ 
essen der bestehenden Ordnung wahrnehmen. Jede Bewe¬ 
gung von unserer Seite, die praktisch-kritisch die Not¬ 
stands-Spielregeln der Exekutive nicht akzeptiert, erscheint 
derselben als unmittelbare Verletzung der Ordnung und 
Ruhe, als Angriff auf die Grundlagen des »Staates«. 

Da wir zur Zeit noch keine Möglichkeit haben, den 
Politisierungsprozeß auf weite Teile der Bevölkerung auszu¬ 
dehnen, müssen wir versuchen, den erreichbaren »Minder¬ 
heiten« in und außerhalb der Universität durch Aufklärung 
und Aktionen den Weg der Veränderung undemokratischer 
Strukturen konkret aufzuzeigen. 

Die nach der Ermordung von Benno Ohnesorg an der 
Universität gegründeten Aktionskomitees haben sich als 
zeitweilig gut arbeitende Kampforgane politisch bewußter 
Menschen erwiesen. Sie wurden nicht von einer der vielen 


87 



studentischen Gruppierungen, sondern primär durch die 
politische Selbsttätigkeit der aktiven Studenten getragen, j 
wodurch die organisatorische Beschränktheit unterlaufen 
und die Konzentration auf die konkreten anstehenden Aktio- 1 

nen und Aufklärungskampagnen ermöglicht wurde. 

Keine Partei in West-Berlin führt einen konsequenten 
Kampf für die Interessen der von den wirtschaftlichen ^ 

Schwierigkeiten betroffenen Schichten der Bevölkerung, < 

besonders die SED (West-Berlin) nicht, die alles andere 
wünscht, als daß West-Berlin em Bündnis von Arbeitern und , 

Studenten erlebt, eine Demokratisierung des gesamten öf¬ 
fentlichen Lebens, was beispielhafte Bedeutung für die 
Arbeiter und Studenten in der DDR und Ost-Berlin hätte ... ' 

In den nächsten Wochen haben wir zu versuchen, in 1 
systematischer Kleinarbeit einen wenn auch noch so kleinen I 
Teil der Arbeiterschaft davon zu überzeugen, daß sie weder 
von den Parteien noch von dem Sozialfaschisten Sickert eine > 
wirkliche Verbesserung ihrer Situation erwarten können; daß 
wir, der kritische Teil der Studentenschaft, ein ernsthaftes > 
Bündnis für die Schaffung eines West-Berlin, das sich durch 
politische und soziale Demokratie von unten und für unten 
auszeichnet, wahrhaftig wollen; daß der massive Einsatz der 
Polizei gegen uns gleichermaßen die Arbeiter meint, die es 
eventuell wagen sollten, für die Durchsetzung ihrer Interes¬ 
sen in einen »wilden Streik« zu treten. 

Nicht zuletzt müssen wir den Arbeitern eindeutig erklä¬ 
ren, daß unsere bisherigen Aktionen, besonders die Tomaten 
und Rauchbomben, noch nicht begriffen hatten, daß unsere 
Sorgen über den Weg der Gesellschaft, über die Versuche des 
Staates, unsere Unsiversität gleichzuschalten, von kritischen 
Studenten zu säubern, sehr eng und gar nicht trennbar mit der 
Sorge der Arbeiter um ihren Arbeitsplatz, mit dem allgemei¬ 
nen Ende des nun doch nicht ewigen Wirtschaftswunders 
Zusammenhängen. 


Das Sich-Verweigern erfordert 
Guerilla-Mentalität 

(Organisationsreferat auf der 22. Delegiertenkonferenz des 
SDS, September 1967; gemeinsam mit Hans-Jürgen Krahl) 


Die beiden zentralen politischen Ereignisse, an denen sich 
innerhalb des Verbandes seit der letzten Delegiertenkonfe¬ 
renz dessen politische Aktivität dichotomisch polarisierte, 
waren die Bildung der Großen Koalition und der politische 
Mord am 2. Juni in Berlin. Erstmalig seit der Abspaltung von 
der SPD stellte sich die Organisationsfrage als eine aktuell¬ 
politische innerhalb des Verbandes. Je nachdem, welchem 
von diesen Ereignissen die politische Präponderanz zuge¬ 
sprochen wurde, kam es zu tendenziellen Fraktionsbildun¬ 
gen, die sich durch die objektive Intention auszeichneten, die 
theoretischen Meinungen zu praktisch-politischen Rich¬ 
tungskämpfen zu konkretisieren. 

Deren mögliche organisatorische Konsequenz wurde etwa 
vom Bundesvorstand aus der Erfahrung der Protestbewe¬ 
gungen, besonders Jugendlicher, ebenso vage wie inhaltlich 
leer als »formal lockere, inhaltlich einheitliche öffentlich 
arbeitende Organisation« beschrieben und in Berlin unter 
dem Titel der Gegen Universität und Institutsassoziationen 
diskutiert, während anderen Gruppen die Bildung der Gro¬ 
ßen Koalition Anlaß zum wiederholten Versuch einer Samm¬ 
lungsbewegung sozialistischer Gruppen und Grüppchen bot. 
Darüber hinaus wurde die Aktualität der Organisationsfrage 
nach dem 2. Juni für einige SDS-Gruppen umso akuter, als 
sie ihre organisatorische Unzulänglichkeit praktisch erfahren 
mußten. Der noch nie dagewesenen Verbreiterung des anti¬ 
autoritären Protestes nach dem 2. Juni war die überkom¬ 
mene, noch an der SPD orientierte Organisationsstruktur des 
SDS nicht gewachsen. Die Spontaneität der Bewegung droht 
die größten Gruppen organisatorisch zu paralysieren. Ihr 
politisches Verhalten erschien deshalb zum großen Teil 
reaktiv aufgezwungen, und Ansätze für politisch-initiative 
Führung waren weitgehend hilflos. 


88 


89 



Die unmittelbar in der Gegenwart sichtbare Erscheinung 
des'Fallens der Wachstumsraten in den wichtigsten Kennzif¬ 
fern ökonomischen Wachstums erklärt sich nicht oberfläch¬ 
lich aus bloßen Konjunkturschwankungen. Die fundamenta¬ 
len Faktoren wirtschaftlichen Wachstums werden konstitu¬ 
iert durch die quantitative und qualitative Bestimmung der 
Arbeitskräftestruktur und des davon abhängigen Standes in 
der Entwicklung der Produktionsmittel. Das Zusammenwir¬ 
ken dieser beiden Elemente begründet die »objektive Trend¬ 
linie« (Janossy) der wirtschaftlichen Entwicklung. (. . .) 

Auf der Grundlage einer hervorragenden Arbeitskräfte¬ 
struktur in der BRD (Zustrom von Facharbeitern aus ehe¬ 
maligen deutschen Ostgebieten und später aus der DDR bis 
zum 13. August 1961) konnte sich so ein durch amerikani¬ 
sches Kapital vermittelter langer Aufstieg bis zur vollen 
Ausnutzung des vorhandenen Niveaus der Arbeitskräfte¬ 
struktur und der von ihr in Bewegung gesetzten Produk¬ 
tionsmaschinerie durchsetzen. Hinzu kam, daß in der BRD 
der Eindruck eines Wirtschaftswunders nur entstehen 
konnte, »weil nicht nur die Folgen des Krieges überwunden 
wurden, sondern auch der zwischen zwei Weltkriegen ent¬ 
standene Rückstand aufgeholt werden konnte.« 

1. Im Laufe der prosperierenden Rekonstruktionspe¬ 
riode mit ihren hohen Wachstumsraten wurden dem »schwa¬ 
chen Staat« durch den Druck politischer und sonstiger 
Interessenverbände hohe Subventionen abgerungen, die die 
herrschende Oligarchie unter den damaligen Bedingungen 
durchaus verkraften konnte. 

2. Am Ende der Rekonstruktion, das heißt der Periode 
des Einlaufens in die Trendlinie, erscheinen die Subventionen 
als zusätzliche, meist unproduktive Ausgaben, als für die 
Weiterentwicklung der Ökonomie gefährliche Totgewichte, 
als gesellschaftliche faux frais, »tote Kosten« der kapitalisti¬ 
schen Produktion. 

3. Das Eigengewicht der Interessenverbände innerhalb 
des Systems der Interessendemokratie kann in der noch 
pluralistischen Gesellschaft nicht wieder ohne weiteres abge¬ 
baut werden, muß aber am Ende der Rekonstruktion in den 
Griff bekommen werden. So tauchen die Begriffe der Ratio¬ 
nalisierung, der Formierung und letztlich der »Konzertierten 
90 


Aktion« auf. Die verschiedenen »Reformversuche« des Sy¬ 
stems in der jetzigen Periode sind als Versuche des Kapitals 
zu begreifen, sich in die veränderten Bedingungen herr- 
schafts- und profitmäßig anzupassen. 

4. Die auffälligste Erscheinung der gegenwärtigen öko¬ 
nomischen Formationsperiode ist die Zunahme der staatli¬ 
chen Eingriffe in den wirklichen Produktionsprozeß als 
Einheit von Produktion und Zirkulation. Dieser Gesamt¬ 
komplex der staatlich-gesellschaftlichen Wirtschaftsregulie¬ 
rung bildet ein System des Integralen Etatismus, der im 
Unterschied zum Staatskapitalismus auf der Grundlage der 
Beibehaltung der privaten Verfügung über die Produktions¬ 
mittel die Gesetze der kapitalistischen Konkurrenz ausschal¬ 
tet und den ehemals naturwüchsigen Ausgleich der Profitrate 
durch eine staatlich-gesellschaftlich orientierte Verteilung 
der gesamtgesellschaftlichen Mehrwertmasse herstellt. 

In dem Maße, in dem durch eine Symbiose staatlicher und 
industrieller Bürokratien der Staat zum gesellschaftlichen 
Gesamtkapitalisten wird, schließt sich die Gesellschaft zur 
staatlichen Gesamtkaserne zusammen, expandiert die be¬ 
triebliche Arbeitsteilung tendenziell zu einer gesamtgesell¬ 
schaftlichen. Der Integrale Etatismus ist die Vollendung des 
Monopolkapitalismus. 

Außerökonomische Zwangsgewalt gewinnt im Integralen 
Etatismus unmittelbar ökonomische Potenz. Damit spielt sie 
für die gegenwärtige kapitalistische Gesellschaftsformation 
eine Rolle, wie seit den Tagen der ursprünglichen Akkumu¬ 
lation nicht mehr. Bewirkte sie in jener Phase den blutigen 
Expropriationsprozeß der Volksmassen, der überhaupt erst 
die Trennung von Lohnarbeit und Kapital herbeiführte, wird 
sie Marx zufolge im etablierten Konkurrenzkapitalismus 
kaum noch angewandt. Denn die objektive Selbstbewegung 
des Begriffs der Warenform, ihres Wertes, konstituiert sich 
in dem Maße zu den Naturgesetzen der kapitalistischen 
Entwicklung, als die ökonomische Gewalt im Bewußtsein 
der unmittelbaren Produzenten verinnerlicht wird. Die Ver¬ 
innerlichung ökonomischer Gewalt erlaubt eine tendenzielle 
Liberalisierung staatlicher und politischer, moralischer und 
rechtlicher Herrschaft. Der naturwüchsig produzierte Kri¬ 
senzusammenhang der kapitalistischen Entwicklung proble- 


91 



matisiert in der Aktualität der Krise die Verinnerlichung 
ökonomischer Gewalt, die in der Deutung der materialisti¬ 
schen Theorie zwei Lösungen kennt. Die Krise ermöglicht 
einerseits die Möglichkeit zu proletarischem Klassenbewußt¬ 
sein und dessen Organisierung zur materiellen Gegengewalt 
in der autonomen Aktion der sich selbst befreienden Arbei¬ 
terklasse. Andererseits nötigt sie objektiv die Bourgeoisie im 
Interesse von deren ökonomischer Verfügungsgewalt zum 
Rückgriff auf die physisch terroristische Zwangsgewalt des 
Staates. 

Der Ausweg des Kapitalismus aus der Weltwirtschafts¬ 
krise im Jahre 1929 beruhte auf der Fixierung an die 
terroristische Machtstruktur des faschistischen Staates. Nach 
1945 wurde diese außerökonomische Zwangsgewalt keines¬ 
wegs abgebaut, sondern in totalitärem Ausmaß psychisch 
umgesetzt. 

Diese Verinnerlichung beinhaltet den Verzicht auf mani¬ 
feste Unterdrückung nach innen und war konstitutiv für den 
Scheinliberalismus und Scheinparlamentarismus, allerdings 
um den Preis der antikommunistischen Projektion eines 
absoluten Außenfeindes. 

Die aus einer veränderten internationalen Konstellation 
entstandene »Entspannungspolitik« der BRD half mit, be¬ 
sonders am Ende der Rekonstruktionsperiode den Zerset- 
zungsprozeß des militanten Antikommunismus zu forcieren. 
Die manipulativ verinnerlichte außerökonomische Zwangs¬ 
gewalt konstituiert eine neue Qualität von Naturwüchsigkeit 
des kapitalistischen Systems. Allerdings wäre ein Eingriff in 
die Naturgesetze der kapitalistischen Entwicklung nur sinn¬ 
voll denkbar, wenn sie den objektiven Verwertungsprozeß 
des Kapitals strukturell veränderte. Ohne diese Annahme 
würde die Kritik des Systems der Manipulation bloße 
Kulturkritik bleiben und die Emdimensionalisierung aller 
Bereiche der Gesellschaft, nämlich die Einebnung der wis¬ 
senschaftlichen Differenzen von Überbau und Basis, Staat 
und Gesellschaft akzidentell bleiben. Sie erfährt erst ihre 
ökonomiekritische, materialistische Darstellung, wenn das 
Verhältnis von Wert und Tauschwert, Produktions- und 
Zirkulationssphäre selbst in die globale Eindimensionalisie- 
rung der Gesellschaft einbezogen wird. Die Frage war also: 
92 


Wie paßt der Überbau, außerökonomische Gewalt von Staat, 
Recht etc. als ein institutionelles System von Manipulation in 
die Substanz der Warenproduktion, die abstrakte Arbeit 
selbst ein? Abstrakte Arbeit, die Substanz des Wertes, 
bezeichnet das arbeitsteilige Produktionsverhältnis von iso¬ 
liert privat arbeitenden Individuen. Auf Grund deren Isola¬ 
tion in der Produktion sind sie gezwungen, ihre Produkte auf 
dem Markt als Waren zu verkaufen, d. h. der gesellschaftliche 
Verkehr der Produzenten untereinander stellt sich nicht in 
der Produktion selbst her, sondern in der Zirkulationssphäre. 

Mit der Entwicklung zum Monopolkapitalismus zeichnet 
sich die Tendenz einer fortschreitenden Liquidation der 
Zirkulationssphäre ab, wodurch die Möglichkeit einer Auf¬ 
hebung abstrakter Arbeit bezeichnet wird. Dies deutet Marx 
mit der Analyse der Aktiengesellschaft an, wenn er diese als 
Gesellschaftskapital unmittelbar assoziierter Individuen be¬ 
zeichnet. Außerökonomische Zwangsgewalt, Staat und an¬ 
dere Uberbauphänomene greifen derart in die Warenzirku¬ 
lation ein, daß die abstrakte Arbeit durch ein gigantisches 
institutionelles Manipulationssystem artifiziell reproduziert 
wird. 

Ebenso greift sie in die Warenproduktion der Ware 
Arbeitskraft ein. Wenn der technische Fortschritt der Ma¬ 
schine zwar potentiell die Arbeit abschafft, aber faktisch die 
Arbeiter abschafft und eine Situation eintritt, in der die 
Herrschenden die Massen ernähren müssen, wird die Ar¬ 
beitskraft als Ware tendenziell ersetzt. Die Lohnabhängigen 
können sich nicht einmal mehr verdingen, die Arbeitslosen 
verfügen nicht einmal mehr über ihre Arbeitskraft als Ware. 
Daß am Ende der Rekonstruktion die strukturelle Arbeitslo¬ 
sigkeit nicht mehr im Zusammenhang mit der Funktionsbe¬ 
stimmung der Reservearmee analysierbar ist, ist Indiz dafür. 
Diese Tendenz ist begreifbar nur im Rahmen der durch den 
technischen Fortschritt zur Automation bewirkten Konstel¬ 
lationsveränderung im Verhältnis von toter und lebendiger 
Arbeit. Wie Karl Korsch und Herben Marcuse mit Bezug auf 
Marx andeuteten, bewirkt diese Konstellationsveränderung, 
daß nicht mehr das Wertgesetz, die objektiv sich durchset¬ 
zende Arbeitszeit, den Wertmaßstab abgibt, sondern die 
Totalität des Maschinenwesens selber. 


93 



Diese Hypothesen lassen grundsätzliche Folgerungen für , 
die Strategie revolutionärer Aktionen zu. Durch die globale 
Eindimensionalisierung aller ökonomischen und sozialen 
Differenzen ist die damals praktisch berechtigte und marxi- 1 

stisch richtige Anarchismuskritik, die des voluntaristischen 
Subjektivismus, daß Bakunin sich hier auf den revolutionären I 
Willen allein verlasse und die ökonomische Notwendigkeit 
außer acht lasse, heute überholt. I 

Wenn die Struktur des Integralen Etatismus durch alle 
seine institutioneilen Vermittlungen hindurch ein giganti¬ 
sches System von Manipulation darstellt, so stellt dieses eine * 

neue Qualität von Leiden der Massen her, die nicht mehr aus 
sich heraus fähig sind, sich zu empören. Die Selbstorganisa¬ 
tion ihrer Interessen, Bedürfnisse, Wünsche ist damit ge¬ 
schichtlich unmöglich geworden. Sie erfassen die soziale 
Wirklichkeit nur noch durch die von ihnen verinnerlichten 
Schemata des Herrschaftssystems selbst. Die Möglichkeit zu 
qualitativer, politischer Erfahrung ist auf ein Minimum 
reduziert worden. Die revolutionären Bewußtseinsgruppen, 
die auf der Grundlage ihrer spezifischen Stellung im Institu¬ 
tionswesen eine Ebene von aufklärenden Gegensignalen 
durch sinnlich manifeste Aktion produzieren können, benut¬ 
zen eine Methode politischen Kampfes, die sie von den 
traditionellen Formen politischer Auseinandersetzung prin¬ 
zipiell unterscheidet. 

Die Agitation in der Aktion, die sinnliche Erfahrung der 
organisierten Einzelkämpfer in der Auseinandersetzung mit 
der staatlichen Exekutivgewalt bilden die mobilisierenden 
Faktoren in der Verbreiterung der radikalen Opposition und 
ermöglichen tendenziell einen Bewußtseinsprozeß für agie¬ 
rende Minderheiten innerhalb der passiven und leidenden 
Massen, denen durch sichtbar irreguläre Aktionen die ab¬ 
strakte Gewalt des Systems zur sinnlichen Gewißheit werden 
kann. Die »Propaganda der Schüsse« (Che) in der »Dritten 
Welt« muß durch die »Propaganda der Tat« in den Metro¬ 
polen vervollständigt werden, welche eine Urbanisierung 
ruraler Guerilla-Tätigkeit geschichtlich möglich macht. Der 
städtische Guerillero ist der Organisator Schlechthinniger 
Irregularität als Destruktion des Systems der repressiven 
Institutionen. 


Die Universität bildet seine Sicherheitszone, genauer ge¬ 
sagt, seine soziale Basis, in der er und von der er den Kampf 
gegen die Institutionen, den Kampf um den Mensagroschen 
und um die Macht im Staate organisiert. 

Hat das alles etwas mit dem SDS zu tun? Wir wissen sehr 
genau, daß es viele Genossinnen und Genossen im Verband 
gibt, die nicht mehr bereit sind, abstrakten Sozialismus, der 
nichts mit der eigenen Lebenstätigkeit zu tun hat, als 
politische Haltung zu akzeptieren. Die persönlichen Voraus¬ 
setzungen für eine andere organisatorische Gestalt der Zu¬ 
sammenarbeit in den SDS-Gruppen sind vorhanden. Das 
Sich-Verweigern in den eigenen Institutionsmilieus erfordert 
Guerilla-Mentalität, sollen nicht Integration und Zynismus 
die nächste Station sein. 

Die bisherige Struktur des SDS war orientiert am revisio¬ 
nistischen Modell der bürgerlichen Mitgliederparteien. Der 
Vorstand erfaßt bürokratisch die zahlenden Mitglieder unter 
sich, die ein bloß abstraktes Bekenntnis zu den Zielen ihrer 
Organisation ablegen müssen. Andererseits vermochte der 
SDS die perfekte Verwaltungsfunktion revisionistischer Mit¬ 
gliederparteien nicht voll zu übernehmen, da er ein nur 
teilbürokratisierter Verband ist, ein organisatorischer Zwit¬ 
ter. Demgegenüber stellt sich heute das Problem der Orga¬ 
nisation als Problem revolutionärer Existenz. 

Dieser Text, gemeinsam mit Hans-Jürgen Krahl verfaßt 
und von Rudi Dutschke am 5. September 1967 auf der 22. 
Delegiertenkonferenz des SDS in der Frankfurter Mensa 
vorgetragen, löste sofort heftige Kontroversen innerhalb der 
Organisation aus: er war ein wichtiger Beitrag zur Ablösung 
der Antiautoritären von dem traditionalistischen SDS-Flügel 
(der in der KPD-Tradition stand). - Die Janossy-Zitate 
stammen aus dessen Buch >Das Ende der Wirtschaftswunder 
(Verlag Neue Kritik, Frankfurt/Main o. ].), das damals erst 
in Manuskriptform vorlag. - Das Manuskript der Rede ist 
verloren, der abgedruckte Text basiert auf einer Tonbandab¬ 
schrift; einige kurze unverständliche Passagen sind ausgelas¬ 
sen. 


94 


95 




Besetzt Bonn! 


Die bestehende gesellschaftliche Struktur der Bundesrepu¬ 
blik und West-Berlins läßt sich als ein System der Interessen¬ 
demokratie charakterisieren. Die daran beteiligten Gruppen 
»streiten* sich nur noch um den Anteil am Bruttosozialpro¬ 
dukt, die irrationalen Voraussetzungen und Praktiken der 
staatlichen Gewaltmaschinerie und des gesamtgesellschaftli¬ 
chen Lebens werden nicht zum Gegenstand der politischen 
Auseinandersetzung. 

1918/19 erkämpften unsere Arbeiter- und Soldatenräte in 
der unvollendeten deutschen Revolution schon den Acht¬ 
stundentag. 

Heute, nach 50 Jahren schier unvorstellbarer Entfaltung 
der Produktivkräfte und damit der Produktivität der Arbeit, 
arbeiten die Lohnabhängigen lumpige 4-5 Stunden pro 
Woche weniger. 

Seit Jahrzehnten indoktrinieren unsere »Herren an der 
Spitze« die Menschen mit dem Feindmythos. Die gesell¬ 
schaftlich notwendige Lüge von der kommunistischen Sub¬ 
versionstätigkeit in den »freien« Ländern dient als Rechtfer- 
tigyng) um die den Frieden gefährdende, die kapitalistische 
Wirtschaft aber stabilisierende Rüstungsindustrie und die 
Bundeswehr aufrechtzuerhalten, dient der Verhüllung der 
wirklichen Funktion der Notstandsgesetze: innenpolitische 
Strukturveränderungen a priori auszuschalten. 

Seitdem jedoch der antikommunistische Feindmythos im¬ 
mer weniger aufrechterhalten werden kann, die Zusammen¬ 
arbeit zwischen Moskau und Washington hat hierzu unter 
anderem beigetragen, seitdem sogar Adenauer, Barzel und 
andere bürokratische Charaktermasken der Sowjetunion 
einen »friedlichen Charakter« konzedierten, sollte die Funk¬ 
tion der Bundeswehr, der Freiwilligen Polizeireserve in 
West-Berlin, der Notstandsgesetze etc. noch klarer gesehen 
werden können: der Feind, gegen den täglich das ganze 
System mobilisiert wird, ist die reale Möglichkeit, die 
bestehende Ordnung abzuschaffen, ist die Möglichkeit, 

96 


überflüssige Herrschaft zu beseitigen, d. h. die nur aus 
Herrschafts- und Profitinteressen hohe Arbeitszeit auf ein 
dem hohen Stand der Entwicklung der Produktivkräfte 
entsprechendes Minimum zu reduzieren, ist die Möglichkeit, 
die irrationale Rüstung, die künstliche Bürokratenzucht, die 
i funktionale Kapital- und Gütervernichtung abzuschaffen. 

Am Ende des sogenannten Wirtschaftswunders fällt es 
unseren bürokratischen Oligarchien immer schwerer, diese 
aktuelle Möglichkeit der Befreiung vollständig aus der »Öf- 
, fentlichkeit« zu verdrängen. 

Durch Konzessionen wie Erhöhung des Arbeitslosengel¬ 
des, durch Schillersche Reime über die kommende Konjunk¬ 
tur, durch gelenkte Krisenpsychose, durch circensisch insze¬ 
nierte Schauspiele wie Staatsbesuche und Trauerfeieriichkei- 
| ten werden die Massen noch bei der Stange gehalten. 

Hinzu kommt, daß es dem System gelungen ist, durch 
1 langjährige funktionale Manipulation die Menschen auf die 

Reaktionsweise von Lurchen zu regredieren. Wie Pawlow- 
sche Hunde reagieren sie auf die Signale der Mächtigen; in 
jedem vierten Jahr dürfen sie den Nachweis ihrer geistigen 
Reduziertheit und Unmündigkeit ablegen. Nur wenige, 
besonders die privilegierten Studenten, haben eine Chance, 
die subtilen Herrschaftsmechanismen zu durchschauen, an 
ihrer Beseitigung zu arbeiten. 

Die wesentlichen Träger der Manipulation und Anpassung 
1 der Menschen sind die Massenmedien, Zeitungen, Rundfunk 
und Fernsehen. 

j In der Bundesrepublik und besonders in West-Berlin 

beherrscht der Springer-Konzern die Massenzeitungen, die 
noch immer bedeutendste Indoktrinierungsebene. Er entfal¬ 
tet seit langer Zeit im Interesse der bestehenden Ordnung eine 
planmäßige Verhetzung aller Kräfte, die das Freund-Feind- 
Schema der Meinungsmacher nicht akzeptieren wollen! 

Infolge der Politisierung einer relativ breiten studentischen 
’ Minderheit (4000 bis 6000 im antiautoritären Lager) ist in 

, West-Berlin eine für das System bedrohliche Situation ent- 

, standen: durch die Vereinigung von Teilen der Lohnabhän- 

t gigen in den Fabriken mit diesem Lager innerhalb der 

j Studentenschaft könnte der Senat, genauer die gesellschaftli- 

, che Struktur »gekippt« (Albertz) werden. 


97 



Haupthindernis ist die Tyrannei der Manipulation und 
ihrer Produzenten. Diese Beherrschung muß durchbrochen 
werden - wenn auch vorerst nur für einen oder mehrere Tage. 

Wir werden in einem Pressetribunal den empirischen 
Nachweis führen, daß die Volksverhetzung und Entmündi¬ 
gung der Menschen durch Manipulation bei uns die Ergän¬ 
zung zum Völkermord in Vietnam, zur gewaltsamen Nieder¬ 
schlagung aller Sozialrevolutionären Bewegungen in der 
Dritten Welt darstellt. 

Dann haben wir das Recht und die Pflicht, die antidemo¬ 
kratische Tätigkeit der Manipulateure direkt anzugreifen! - 
Oder werden vielleicht unsere »Repräsentanten« dieses »Ge¬ 
schäft« erledigen, progressiven Selbstmord begehen? 

Wir werden uns darauf nicht verlassen. Durch »betriebs¬ 
nahe Bildungsarbeit«, durch direkte Lohnarbeit von opposi¬ 
tionellen Studenten in Betrieben, durch gemeinsame Gro߬ 
veranstaltungen zwischen bestimmten Industriegewerk¬ 
schaften und studentischer Opposition wird die faktische 
Entfremdung zwischen Lohnabhängigen und Studenten 
nicht überwunden, aber als Gefahr für beide Seiten mögli¬ 
cherweise begriffen werden. 

Die hoffentlich »freiwillige« Stillegung der Springerschen 
Rotationsmaschinen würde einen historisch - einzigartigen 
Modellfall abgeben: Wie werden »demokratische Urzeitun¬ 
gen«, von der Opposition gegen das System finanziert und 
publiziert, von den Massen aufgenommen werden? 

Der tägliche Gang zum »Bild«- oder »BZ«-Kiosk gehört 
zur Lebensweise des verwalteten Individuums. Was wird es 
tun, wenn die Zeitungen nicht vorhanden sind? Wird es 
gewaltsam gegen uns reagieren, weil wir ein wichtiges 
Moment seines Lebens gefährden? Oder wird es in eine 
»traumatische Leere« (Marcuse) fallen, sich anfangen zu 
wundern, eine Welt jenseits der bestehenden denken lernen 
können? 

Die Parole der Enteignung des Springer-Konzerns wird 
nur dann gesellschaftlich wichtig, wenn es gelingt, breite 
Teile der Lohnabhängigen und des antiautoritären Teils der 
Studentenschaft organisatorisch und politisch in Aktionen zu 
vereinigen. Das ist die Aufgabe der ganzen vor uns liegenden 
Periode, ist nicht kurzfristiges Resultat. 

98 


Dazu gehören auch direkte Aktionen gegen die Notstands¬ 
gesetze. Diskutierende Kongresse und konzessionierte De- 
, monstrationen in politisch-strategisch unwichtigen Städten 

bringen uns keinen Schritt weiter. 

| Am Tage der zweiten Lesung der Notstandsgesetze sollte 

i Bonn eine »Besetzung« durch Notstandsgegner erleben! Ein 

»Go-In« des bewußtesten Teils der Bevölkerung ins Parla- 
I ment brächte vielleicht für Stunden real-demokratischen 

1 Geist in die formalisierte und bürokratisierte Akklamations- 

} maschine der Regierung. 

I Allein solche Offensivaktionen ermöglichen es uns, wei¬ 

tere Minderheiten innerhalb und außerhalb der Universität 
gegen das System zu mobilisieren. Der theoretische Lernpro¬ 
zeß durch Aufklärung wird zum repressiven Konsum, wenn 
I er den Weg zur praktischen Aktion nicht findet. 

Die Aktionen gegen den Springer-Konzern und die Not¬ 
standsgesetze treffen zentrale Nervenpunkte: die funktionale 
Beherrschung der Menschen durch Manipulation und ange- 
> drohte (potentielle) direkte Repression. 

An ihnen kann die Irrationalität und Unmenschlichkeit des 
Systems nachgewiesen werden. Die kritische Vernunft und 
das emanzipatorische Interesse der radikalen Opposition 
haben sich in diesen Aktionen zu bewähren. Die Enteignung 
des Springer-Konzerns unter den bestehenden gesellschaftli¬ 
chen Bedingungen scheint uns weder wahrscheinlich noch 
besonders »fortschrittlich« zu sein, es sei denn, daß wir die 
»Verbesserung der Gefängniszellen« als geschichtlichen 
Fortschritt begriffen. 

So bleibt die Voraussetzung einer befreienden Vergesell- 
I schaftung der wichtigsten Bereiche des gesellschaftlichen 

Lebens die durch Aufklärung und Aktionen gegen das 
System vermittelte tendenzielle Loslösung der Lohnabhän¬ 
gigen vom staatlich-gesellschaftlichen Apparat. 

Denn die Befreiung der Lohnabhängigen kann nur durch 
ihre praktisch-umwälzende Bewußtwerdung geschehen, 
nicht durch eine Partei, eine Bürokratie oder durch ein 
Parlament. 

I 

Karl Schiller: damals Wirtschaftsminister in der Großen 
I Koalition. 

99 


i 



Vom ABC-Schützen zum Agenten 

(Rudi Dutschke antwortet Rudolf Augstein) 


Die »Große Koalition« als der letzte verzweifelte Versuch 
der herrschenden Oligarchien, die strukturellen Schwierig¬ 
keiten des Systems zu »lösen«, stößt immer deutlicher auf 
objektive Schranken. Sie muß die Strukturkrise subventioni- 
stisch verschleppen (s. Subventionsbericht), bereitet damit in 
einem langfristigen Sinne tiefere Widersprüche vor. Wir 
können sie begreifen als die neue Ordnungspartei, deren 
direktes Geschäft es ist, die lohnabhängigen Massen in 
Unmündigkeit zu halten, um auf sie die Kosten der Struktur¬ 
krise abzuwälzen. Marx spricht in seinen Entwürfen zum 
»Bürgerkrieg in Frankreich« von den Aufgaben einer solchen 
Form der Klassenherrschaft und sagt, daß »ihr einziger raison 
d’etre die Verhinderung der Emanzipation der produzieren¬ 
den Massen« ist. Für ihn ist diese Form die »abscheulichste 
aller politischen Regimes«. Solch ein Kartell zum Zwecke der 
gemeinsamen Niederhaltung der Massen haben wir heute in 
der Bundesrepublik. In ihm vereinigen sich alle Fraktionen 
des Gesamtapparats, die ehemaligen Faschisten und be¬ 
stimmte Sorten von Widerstandskämpfern, umarmen sich die 
liberale Bourgeoisie, die Vertreter der Monopole, die Arbei¬ 
terverräter aus den Gewerkschaften, die Sickert und Co., 
richten sich die Manipulationszentren, die Augstein und 
Springer ein. Zusammen bilden sie die »anonyme Aktien- 
kompanie«, den subtilen und - wenn nötig - manifesten 
Terrorismus der Klassenherrschaft des Spätkapitalismus. 

Dieser widersprüchliche, aber dennoch objektiv einheitli¬ 
che Gesamtapparat mobilisiert Tag für Tag eine Gesamtheit 
von Signalen, die die Idee und Praxis der Befreiung von 
Kapitalismus, zusätzlicher Herrschaft und gesellschaftlich 
vermittelter Unmündigkeit der lohnabhängigen Massen be¬ 
kämpfen, denunzieren und vereinnahmen sollen. Nichts soll 
außerhalb des Apparats bleiben, alles will er sich aneignen, 
kontinuierliche Gegensignale mit aufklärerischen Inhalten 

100 


werden zu Recht als Moment der direkten Bedrohung des 
Systems begriffen. 

So erfüllen der »Spiegel« und sein Herausgeber in der Nr, 
51 wieder einmal - besonders sichtbar - gesamtgesellschaftli¬ 
che Aufgaben der Repression: in der totalen Personalisierung 
gesellschaftlicher Konflikte (auf Rudi Dutschke:), in der 
»wohlwollenden« Ignoranz bei der Rezeption theoretischer 
Ansätze und in der süffisanten Darstellungsweise des Kamp¬ 
fes zwischen Revolution und Konterrevolution helfen sie mit 
bei dem Versuch des Systems, die Widersprüche zu ver¬ 
schleiern, die ersten Formen einer radikalen Opposition 
gegen Manipulation und Ausbeutung von allen Seiten syste¬ 
matisch zu bekämpfen. 

In der scheinbaren Ablehnung der Politik der herrschen¬ 
den Oligarchien gewinnt Augstein den Spielraum, sich 
einzuschalten in die politisch-strategische Diskussion der 
außerparlamentarischen Opposition, zu der er nicht gehört. 
Er versucht, die Struktur des kapitalistischen Systems von 
einem pseudokritischen Standpunkt als die einzig mögliche 
zu verteidigen, nimmt immer deutlicher die Interessen der 
staatlich-gesellschaftlichen Bürokratie und der Monopole 
wahr, denen die Angst vor der revolutionären Sozialisierung, 
die die bewußte Herrschaft der Produzenten über die Produk¬ 
tionsmittel hersteilen wird, schon jetzt in den Knochen sitzt. 

Augstein soll sich nicht einbilden, daß er wegen der 
»lumpigen« 5000 DM, die wir von ihm erhielten, von uns 
Rücksichten zu erwarten hat. Auch wenn er oder andere uns 
Hunderttausende zum Aufbau eigener Kindergärten, Schu¬ 
len, Institute und Universitäten gäben - was uns einen 
unglaublich qualitativen Schritt voranbrächte -, ist die poli¬ 
tisch-strategische Diskussion über den Transformationspro¬ 
zeß des Systems Angelegenheit der um ihre Emanzipation 
kämpfenden Gruppen, Schichten und Fraktionen des anti¬ 
autoritären Lagers und der lohnabhängigen Massen. 

Augstein ist für mich kein Diskussionspartner über »mein 
Verhältnis zum SDS«. In der Konstruktion von Gegensätzen 
und Widersprüchen ist nichts als ein nicht einmal besonders 
subtiles Manöver einer Fraktion des Apparats zu sehen, den 
SDS von außen zu beeinflussen, seine wachsende radikale 
Effektivität zu beeinträchtigen. 


101 



Wer unseren sozialistischen Verband nur einigermaßen 
kennt weiß, daß seine dezentralisierte Struktur, die mit der 
schöpferischen Selbsttätigkeit von unten steht und fällt, 
weder einen »Chefideologen« noch »eine Linie« im partei¬ 
zentralistischen Sinne gebrauchen kann. Die Herausbildung 
einer kollektiven temporären Führung in den verschiedenen 
Gruppen, die durch Kritik und Selbstkritik vorangetrieben 
wird, ist eine organisatorische Antwort gegen den Versuch 
der manipulativen Personalisierung. Wir arbeiten in einer 
gefährlichen Übergangsperiode, in der die Herrschenden 
schon zeigen, daß sie in einem geeigneten Moment nicht 
davor zurückschrecken werden, unsere Organisation zu 
verbieten. Zwar scheint vielen von uns sicher, daß wir dann 
in sehr kurzer Zeit einen neuen Dachverband, und zwar auf 
erweiterter Stufenleiter, finden. Dennoch ist die jetzige 
Periode schwierig, weil es uns noch nicht gelang, die 
Fraktionen der lohnabhängigen Massen, die in den nächsten 
Jahren die Kosten der Strukturkrise tragen müssen, in den 
antikapitalistischen Kampf wirksam zu integrieren. 

Die Politisierung der temporär »schwächsten Glieder« des 
Systems, von der Universität über die Schulen und Berufs¬ 
schulen bis hinein schließlich in spezifische Betriebe, in 
einem nichtmechanischen, sondern höchst widersprüchli¬ 
chen »langen Marsch *, hat begonnen. Keine Form der 
Repression kann die Tausende von Menschen, die schon 
heute gegen das kapitalistische System arbeiten, daran hin¬ 
dern, auch in der nächsten Periode ihren emanzipierenden 
Kampf fortzusetzen. 

Herrn Augsteins Begriff von Politik kann uns nicht 
verstehen, er treibt Westentaschen-Leninismus in Augstein- 
Format, sozialdemokratische Realpolitik mit klassischen 
machtpolitischen Implikationen. 

Engels definierte u. a. unseren Politikbegriff: »Die Revo¬ 
lution ist der höchste Akt der Politik, und wer sie will, muß 
auch die Mittel wollen, die die Revolution vorbereiten, die 
Arbeiter für sie erziehen und sorgen, daß er nicht am 
nächsten Tage von Favre und Pyat geprellt wird.« In der Tat, 
die tägliche »Realpolitik« ist für uns nur ein zu verwertendes 
Abfallprodukt der langfristigen Anstrengung, die bewußt¬ 
seinsmäßigen, die materiellen und organisatorischen Voraus¬ 


setzungen für eine gesamtgesellschaftliche Umwälzung zu 
schaffen. 

Es ist wahr, der SDS hat keine Zeitung, keine Gegen- 
Manipulationsmaschine. Dennoch existieren vielfältige 
Keime einer demokratischen Gegenpresse, überall schießen 
Schülerzeitungen aus dem Boden, überregionale Berufsschü¬ 
lerzeitungen erscheinen schon, Betriebs- und Branchenzei¬ 
tungen werden vorbereitet, sozialistische Gruppen in und 
außerhalb der Uni haben ihre Zeitschriften. Die verschiede¬ 
nen Formen der Selbstorganisation und des Widerstandes 
sind noch nicht koordiniert. Darüber diskutieren die revolu¬ 
tionären Sozialisten in der BRD und in West-Berlin. Clubs, 
Zirkel und Aktionszentren sind erste vorläufige Antworten. 
Der Stand der praktisch-kritischen Bewegung bestimmt in 
letzter Konsequenz den Reifegrad der theoretischen und 
organisatorischen »Lösungen«. 

Herr Augstein will schließlich nicht begreifen, daß unter 
den Bedingungen der organisierten Repression in nationaler 
und internationaler Form eine gesellschaftliche Umwälzung 
als »Diktatur einer Minderheit« historisch unmöglich gewor¬ 
den ist. Eine unglaublich kleine Minderheit beherrscht die 
jetzigen »Schlüsselstellungen« in dieser Gesellschaft, oder 
redet Augstein noch von der faktischen »Demokratie« in der 
BRD als einer Herrschaft des Volkes? 

Rosa Luxemburg schließt ihr Spartakusprogramm mit der 
unzweideutigen Aussage: »Der Sieg des Spartakusbundes 
steht nicht am Anfang, sondern am Ende der Revolution; er 
ist identisch mit dem Siege der großen Millionenmassen des 
sozialistischen Proletariats.« Unter unseren neuen histori¬ 
schen Bedingungen bleibt das bewußte Eingreifen der Mas¬ 
sen in den historischen Prozeß, die demokratisch-revolutio¬ 
näre Massenhaftigkeit der Umwälzung, weiterhin das ent¬ 
scheidende Kriterium einer neuen Stufe des menschlichen 
Daseins. 


102 


103 


Bisher konnte ich mich auf meine Beine und 
Fäuste verlassen . . . 

(Aus dem Tagebuch, Januar 1968) 


Brief von Wolf Biermann, von Emma überbracht. Sehr 
solidarischen, und mich in einem gewissen Sinne warnend 
vor eventuellen Anschlägen der Rechten gegen mich. Scheint 
mir übertrieben zu sein, bisher konnte ich mich auf meine 
Beine und Fäuste, vom Maul ganz zu schweigen, verlassen. 

Der Brief macht blitzartig die reale Opposition in der 
DDR deutlich. Freilich: in der Vietnam- und in der Anti- 
Spnnger-Kampagne sind wir vom SDS mit der SED einig, 
ohne jemals die grundlegend verschiedene Sozialismus-Posi¬ 
tion zu verschweigen oder in dieser Frage zurückhaltend zu 
sein. 

Die Denunziationen in der Presse nehmen schwer zu, 
schießen von allen möglichen Seiten. Laufend mit Gegendar- 
stelJungen zu reagieren ist hoffnungslos; wir haben was 
anderes zu tun. Wir werden den Vietnam-Kongreß zu einer 
internationalen Manifestation der Solidarität mit einem be- 
bombten und kämpfenden Volk machen. 


104 


Die geschichtlichen Bedingungen für den interna¬ 
tionalen Emanzipationskampf 

(Rede auf dem Internationalen Vietnam-Kongreß in West- 
Berlin, Februar 1968) 


Jede radikale Opposition gegen das bestehende System, 
das uns mit allen Mitteln daran hindern will, Verhältnisse 
einzuführen, unter denen die Menschen ein schöpferisches 
Leben ohne Krieg, Hunger und repressive Arbeit führen 
können, muß heute notwendigerweise ■ global sein. Diese 
Globalisierung der revolutionären Kräfte ist die wichtigste 
Aufgabe der ganzen historischen Periode, in der wir heute 
leben und in der wir an der menschlichen Emanzipation 
arbeiten. 

Die Unterprivilegierten in der ganzen Welt stellen die 
realgeschichtliche Massenbasis der Befreiungsbewegungen 
dar; darin allein liegt der subversiv-sprengende Charakter der 
internationalen Revolution. 

Die Dritte Welt als die Gesamtheit der unter dem Terro¬ 
rismus des von den »giant-corporations« bestimmten Welt¬ 
marktmechanismus leidenden Völker, deren Entwicklung 
vom Imperialismus verhindert wurde, hat in den 40er Jahren 
mit diesem Kampf begonnen, schon ganz unter dem Ein¬ 
druck und der Erfahrung der ersten »verratenen« (Trotzki) 
»proletarischen Revolution« in der Sowjetunion. Entschei¬ 
dender Unterschied: Die Massenhaftigkeit und die Dauer des 
revolutionären Prozesses, der auch in der Theorie schon als 
ein permanenter begriffen wurde. 

In den 50er Jahren erkämpften wirkliche sozial-ökonomi¬ 
sche Unabhängigkeit allein die chinesischen Massen, die den 
Sprung vom Reich der imperialistischen Exploitation ins 
Reich der sozialistischen Armut durchsetzen konnten. Die 
sozialistische Armut wurde der Ausgangspunkt einer wirk¬ 
lichen Bedürfnisbefriedigung der Massen Chinas. 

In den anderen Ländern aber füllte sich die Formel der 
Unabhängigkeit der kolonialen Gebiete jedoch sehr bald mit 

105 




dem unveränderten Inhalt von politischer Abhängigkeit und 
ökonomischer Ausbeutung. 

Der durch den Krieg geschwächte Kapitalismus benötigte 
für seine Rekonstruktionsperiode große Kapitalmassen: »In 
den Jahren 1945 bis 1951 wurden die englischen Kolonien 
unter unzähligen Vorwänden gezwungen, nicht weniger als 
eine Milliarde Pfund als Sterling-Balance zu akkumulie¬ 
ren .. . diese Milliarde konstituierte den kolonialen Kapital¬ 
export nach England« (P. Baran, Politische Ökonomie des 
Wachstums). Die Kolonien bzw. die neuen unabhängigen 
Länder der Dritten Welt, die Milliardensummen für den 
Aufbau, den kurzfristigen Aufbau einer die Bedürfnisse der 
Massen befriedigenden Industrie benötigt hätten, blieben 
ausgebeutet unter den von den »giant-corporations« wesent¬ 
lich mitbestimmten »Naturgesetzen« des Weltmarktes, der 
die Preise für die meisten Rohstoffe fallen ließ. Die 
durch starken Bevölkerungszuwachs in diesen Ländern for¬ 
cierte Elendssituation führte immer häufiger zu gewaltsamen 
Aufständen: »Die USA sind heute unentrinnbar in diese 
schweren Kämpfe - China, Korea, Japan, Malaysia (Philip¬ 
pinen, Holländisch-Indonesien, British-Malaya, Franzö- 
sisch-Indochina), in Siam, Burma und Indien - verstrickt und 
werden in naher Zukunft noch tiefer in sie verstrickt sein. 
Zweifellos werden sie auch Positionen beziehen und ihre 
eigene charakteristische Variante dieser neuen Form des 
Imperialismus entwickeln müssen« (K. Korsch, in: Alterna¬ 
tive, April 1965, Seite 88). 

Die neue Form des Imperialismus zeichnet sich dadurch 
aus, daß sie sich auf »befreundete Regierungen, Marionetten, 
Quislinge und alle möglichen Arten von Kollaborateuren 
einschließlich gewisser Sorten sogenannter Widerstandsbe¬ 
wegungen stützt« (K. Korsch, ibd., S. 88). 

Das Besondere dieser neuen Form des Imperialismus ist, 
daß er nicht mehr primär ökonomisch zu verstehen ist. 
Sicherlich, die billigen Rohstoffe sind auch heute noch 
wichtig und lohnend, sie stellen aber nicht mehr den Mittel¬ 
punkt der Erscheinung des Imperialismus dar. Das Herr¬ 
schaftsinteresse bestimmt immer deutlicher das Profitinter¬ 
esse y der Primat der Politik über die Ökonomie wird integra¬ 
ler Bestandteil der Globalstrategie der Konterrevolution. 

106 


Im niedergehenden Kapitalismus, seit dem Ende des 1. 
Weltkrieges, seit der Errichtung der Diktatur des Proletariats 
in der Gestalt der Diktatur der Avantgarde in der SU, beginnt 
die Bedeutung des Kapitalexports wesentlich zu sinken. In 
dieser Zeit schwerster ökonomischer und politischer Krisen 
wurde Geldkapital nur mit größter Vorsicht ausgeliehen und 
angelegt. Insbesondere konnten die Länder, die die Rü¬ 
stungsausgaben schon maximal gesteigert hatten, die Kapital¬ 
überschüsse immer weniger zum Kapitalexport verwenden, 
weil diese gerade durch den Wiederaufbau und durch die 
Vorbereitungen für einen modernen Krieg aufgezehrt wur¬ 
den. Neben den Kapitalexport trat daher in den 20er und 30er 
Jahren erneut die systematische Ausbeutung fremder Roh¬ 
stoff- und Kraftstoffquellen auf erweiterter Stufe. Die mo¬ 
derne Kriegsindustrie verschlang riesige Rohstoffbestände, 
verschärft noch durch die wachsende Kriegsgefahr. 

Außenpolitische Friktionen zwischen den Staaten verlang¬ 
ten »strategische Vorkehrungen*, um dem potentiellen Feind 
zuvorzukommen, neue Territorien zu gewinnen, strategisch 
wichtige Punkte zu besetzen, um im Falle des Krieges eine 
bessere Ausgangslage zu haben. Hier herrschte die Logik der 
Kriegsmaschine. Wettrüsten und militärische Auseinander¬ 
setzungen waren die ganz »normalen Folgen« einer solchen 
Entwicklung, die sich in ähnlicher Form nach dem 2. 
Weltkrieg wiederholte. Insofern haben wir nach dem 2. 
Weltkrieg schon auf der Grundlage der permanenten Krise 
des Systems begonnen, sie war bei uns weder aufgehoben 
noch schon als solche sichtbar. 

Sinnlich sichtbar war sie nur für die Dritte Welt: »Allein 
in den letzten acht Jahren gab es nicht weniger als 164 
international relevante Ausbrüche von Gewalt. . . Das au¬ 
ßerordentliche daran ist, daß es sich nur bei 15 von diesen 164 
ernsten Gewaltausbrüchen um militärische Konflikte zwi¬ 
schen zwei Staaten handelte. Und bei keinem der 164 
Konflikte ist formell der Krieg erklärt worden . . . 

Zu Beginn des Jahres 1958 waren 23 Aufstände in der Welt 
im Gange. Am 1. Februar 1966 gab es 40, Weiter: Die 
Gesamtzahl der Aufstände ist Jahr für Jahr gestiegen. 1958 
waren es 34,1965 waren es 58. Aber das Entscheidendste von 
allem ist, daß immer eine direkte und konstante Beziehung 


107 



zwischen den Ereignissen der Gewalt und dem ökonomi¬ 
schen Status der davon betroffenen Länder bestand. Der 
ökonomische Abstand zwischen den armen und reichen 
Ländern wird immer größer. Um 1970 wird. . . diese 
hungernde Hälfte der Menschheit nur über ein Sechstel aller 
Dienstleistungen und Güter verfügen« (McNamara 1966). 

Hier müssen wir begreifen, worum es geht: Es geht um die 
Aufrechterhaltung der amerikanischen Einflußsphären in 
bestimmten Teilen der Welt, es geht um die Weltvormacht¬ 
stellung der Vereinigten Staaten in diesem Gebiet. 

Der Imperialismus als Gesamtsystem ist total auf dem 
Rückzug. Er organisiert weltweite Rückzugsgefechte, die auf 
jede Legitimationsbasis, und sei es die des Antikommunis¬ 
mus, verzichten. Ihre einzige Legitimation - und die hat in 
der Tat Realitätscharakter - ist die blanke und brutale Macht, 
die der US-Imperialismus Tag für Tag an allen Ecken der 
Welt anwenden muß, um die Sozialrevolutionären Bewegun¬ 
gen zu zerschlagen oder sie in Grenzen zu halten. 

Der deutsche Imperialismus hat durch seine Niederlagen 
im 1. und 2. Weltkrieg entscheidenden ökonomischen, 
politischen und ideologischen Boden verloren. Dem ent¬ 
sprach in widersprüchlicher Form der Zersetzungsprozeß 
der revolutionären Tendenzen der deutschen und internatio¬ 
nalen Arbeiterbewegung. In der falschen Alternative Kapita¬ 
lismus (freie Welt) und »Stalinismus« (die die Sozialdemo¬ 
kraten in der BRD nicht als falsche erkannten) erfolgte die 
systematische und langanhaltende Integration der lohnab¬ 
hängigen Massen in das System von Konzessionen, welches 
gerade den Spätkapitalismus auszeichnet. 

Die langandauernde Hochkonjunktur wurde - sogar von 
Sozialisten - als Zeichen der mehr oder weniger wider¬ 
spruchslosen Qualität des stabilisierten Kapitalismus falsch 
verstanden. 

Der revolutionäre deutsche Sozialismus verschwand histo¬ 
risch von der politischen Bühne, um erst nach ca. 20 Jahren 
in einzelnen Abteilungen der Studentenschaft, einzelnen 
Fraktionen der Lohnabhängigen in Industrie und Verwal¬ 
tung und in Gruppen von Schülern wieder geschichtliche 
Realität zu werden. 

Die marxistische Theorie individualisierte sich, verlor 
108 


damit ihren praktisch-kritischen, ihren wirklich subversiven 
Kern. Die Konzeption der Parteiorganisation als Instituts- 
Akademie, in der die universellen Revolutionäre sich allseitig 
schöpferisch ausbilden und in permanenter Wechselbezie¬ 
hung zur revolutionären Praxis stehen, verflüchtigte sich ins 
Reich der utopischen Nebelbildungen. 

Die Bundesrepublik an Ende des sogenannten Wirtschafts¬ 
wunders, d. h. nach der vollen Ausschöpfung der vorhande¬ 
nen quantitativen und qualitativen Arbeitskräfte- und Be¬ 
rufsstruktur, zeichnet sich dadurch aus, daß die hohen 
unproduktiven Staatsausgaben, die Subventionen etc., die die 
sich etablierende Staatsmaschine im Laufe der Prosperitäts¬ 
periode an die Vertreter der Interessentenbörse relativ leicht 
geben konnte, am Ende der Rekonstruktionsperiode des 
westdeutschen Kapitalismus »plötzlich« als zusätzliche, zu¬ 
meist unproduktive Ausgaben, als für die Weiterentwicklung 
der Ökonomie gefährliche Totgewichte, als »faux frais« der 
kapitalistischen Produktion erscheinen. 

Die Milliarden »unrentabler Investitionen« in die Ausbil¬ 
dungssphäre (Bau neuer Universitäten, Schulen, Berufsschu¬ 
len, Ingenieurschulen etc.), die für die Schaffung einer 
qualitativ und quantitativ neuen Berufs- und Ausbildungs¬ 
struktur nötig wären, sind in der jetzigen Phase des westdeut¬ 
schen Kapitalismus nicht ohne inflationäre Verschärfung 
disponibel. Hinzu kommt die Tatsache, daß die wider¬ 
sprüchliche Einheit des Gesamtapparats von Oligopolen, 
staatlich-gesellschaftlicher Bürokratie, Parteien, Interessen¬ 
verbänden usw. durch keinen »beherrschenden Willen« 
wirklich gesamtgesellschaftlich geleitet wird. 

An die Stelle der Konkurrenz der privaten Eigentümer sind 
im Spätkapitalismus die Marktabsprachen der korporierten 
Eigentümer getreten. Dahinter liegt die Tendenz zur Verge¬ 
sellschaftung im Kapitalismus, drückt sich aber auch eine 
bewußtere Form des gesellschaftlichen Zusammenhanges der 
Produzenten aus. Steigende Mehrwertraten, absolute Zu¬ 
nahme der beschäftigten Bevölkerung nach der Weltwirt¬ 
schaftskrise lassen auch die Mehrwertmasse steigen. 

Diese Mehrwertmasse wird für den Akkumulationsprozeß 
bereitgestellt. Konkrete Schranken der Akkumulation sind 
Produktionskapazität und -Proportionalität. Das akkumula- 

109 



tionsbereite Kapital gerät in Widerspruch mit diesen Bedin¬ 
gungen, versucht durch technischen Fortschritt, künstlich 
geschaffene Bedürfnisse, Export von Kapital etc. die Schran¬ 
ken zu überwinden. Der permanente Hunger nach Verwer¬ 
tungsmöglichkeiten ist der Motor der kapitalistischen Ent¬ 
wicklung. Insofern die Ausdehnung des äußeren Feldes der 
kapitalistischen Produktion immer schwerer wird - die 
Aufteilung der Welt ist beendet, und die Dritte Welt kämpft 
J , der , technische Fortschritt immer mehr zum entschei¬ 
denden Akkumulationsfaktor. Allerdings gibt es auch hier 
immanente Schranken. Immer weniger Produktionszweige 
sind noch nicht voll durchindustrialisiert (Landwirtschaft!). 
Gewissermaßen werden immer mehr nur noch ganz neue 
Industrien zum bestimmenden Träger des Akkumulacions- 
prozesses. 

Diese neuen Industrien stehen in zunehmendem Maße 
Industrien gegenüber, die kapitalgesättigt sind bzw. akku¬ 
mulationsunfähig geworden sind. Der zumeist hohe Anteil 
des fixen Kapitals macht akkumulationsunfähige Produk- 
nonszweige für die Dauer ihres Abbauprozesses stützungs- 
bedurftig. Der Anstoß zu etatistischen Maßnahmen kommt 
gerade von diesen bedrohten Produktionszweigen. Die ak¬ 
kumulationsunfähigen Wirtschaftszweige drücken die Öko¬ 
nomischen Totgewichte der kapitalistischen Gesellschaft aus, 
zeigen die objektiven Schranken der Akkumulation an’ 
hemmen andererseits die »ungestörte« ökonomische Ge¬ 
samtentwicklung. Die Entfaltung einer immer höheren Pro¬ 
duktivität der Arbeit auf der Grundlage des technischen 
Fortschritts laßt den Akkumulationsfonds ständig wachsen. 
Die begrenzte Verwertungsmöglichkeit des Kapitals und die 
nur immer schwerer überwindbaren Schranken der Akku¬ 
mulation haben notwendigerweise die verschiedensten For¬ 
men der Kapitalvernichtung zur Folge. Das Wachstum der 
physischen (Stillegungen, Vorratsvernichtung, Krieg) und 
funktionalen (jede Kapitalausgabe für unproduktive Zwecke, 
Anwachsen der unproduktiven Staatsausgaben u.a.m.) Ka¬ 
pitalvernichtung zeigt die »Uberfälligkeit« des Systems an. 
Die ungeheure Steigerung der faux frais (toten Kosten) der 
kapitalistischen Produktion drückt die Gesamtheit der Ka¬ 
pitalvernichtung aus. 

110 


Die Differenz zwischen der technologisch möglichen und 
der faktischen Entfaltung der gesellschaftlichen Produktiv¬ 
kräfte wird immmer größer. Damit wird auch die Spannung 
zwischen dem möglichen Lebensstandard bei einer vollen 
Beseitigung der kapitalistischen Fesseln und dem faktischen 
Lebensstandard immer mehr vergrößert. Der kapitalistische 
Staat muß immer deutlicher als Regulator und ökonomische 
Potenz eingreifen, um die Systeminteressen systematisch 
durchzusetzen. »Der letzte Grund aller wirklichen Krisen 
bleibt immer die Armut und Konsumtionsbeschränkung der 
Massen gegenüber dem Trieb der kapitalistischen Produk¬ 
tion, die Produktivkräfte so zu entwickeln, als ob nur die 
absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre Grenze 
bilde« (Kapital III, S. 528). 

Die Existenz stagnierender, akkumulationsunfähiger Pro¬ 
duktionszweige (Bergbau, Landwirtschaft z. B.), die »auf 
Krücken gehen«, subventioniert werden müssen, und der 
unterentwickelte Status der entscheidenden Träger des Ak¬ 
kumulationsprozesses in den 70er Jahren, der neuen Indu¬ 
striezweige Elektronik, Weltraumforschung, Flugzeugbau, 
Atomenergie etc. deuten auf eine langfristige Stagnationspe¬ 
riode des westdeutschen Kapitalismus hin. 

Die allgemeine Einschätzung der sozial-ökonomischen 
Situation der BRD' und West-Berlins bildet die Vorausset¬ 
zung für eine politisch-strategische Diskussion über den 
Prozeß der bundesrepublikanischen Umwälzung im Kontext 
der internationalen Auseinandersetzung zwischen Revolu¬ 
tion und Konterrevolution. 

Die verschiedenen Fraktionen des Apparats, der Regie¬ 
rungsmaschine, feiern in der Großen Koalition eine »Orgie 
des Renegatentums«. Sogenannte Widerstandskämpfer, wie 
Gerstenmaier, ehemalige Vertreter der verschiedenen Arbei¬ 
terparteien, wie Brandt (SAPD), Wehner (KPD), zynisch 
gewordene Sozialdemokraten und Alt-Faschisten, wie Kie- 
singer & Co., steigen in das gemeinsame Bett, bis die 
bewußtgewordenen Massen sie für immer vertreiben werden. 

Diese spätkapitalistische Grundstruktur ist integraler Be¬ 
standteil des heutigen Imperialismus. 

Der heutige Imperialismus als konkrete Totalität der 
internationalen kapitalistischen Interessensphären bildet - 

111 


stärker als früher - eine widersprüchliche Einheit, in der 
eindeutig die US-Interessen dominieren. Der westdeutsche 
Imperialismus hat wichtige Hilfsfunktionen übernommen! 
Er stützt seit Jahren durch den Devisenausgieich den US- 
Dollar, leistet in Taiwan und Südvietnam z. B. intensive 
Ökonomische und paramilitärische Hilfe in der Form von 
landwirtschaftlichen Experten in Taiwan und dem sogenann¬ 
ten »humanitären« Dienst in Südvietnam etc 
Daneben tritt - wohl als Vehikel für eine stärkere eigene 
imperialistische Politik gedacht - die Zusammenarbeit mit 
den afrikanischen Regierungen, deren Völker um ihre so- 
zial-okononusche Emanzipation zu kämpfen anfangen, mit 
Südafrika, Portugal und Rhodesien. 

An dem Versuch der Zerschlagung der Sozialrevolutionä¬ 
ren Bewegung in Portugiesisch-Angola, Mozambique, Sao 
Thome, Portugiesisch-Guinea und in Rhodesien ist der 
westdeutsche Imperialismus direkt beteiligt: Im März 1966 
vereinbarten Lissabon und Bonn eine »bilaterale militärische 
Zusammenarbeit«, hinzu kommt die NATO-Zusammenar- 

ft“ ™ ^ daß dk B° nner Regierung im vergange- 

nen Jahr 70 teuer gekaufte F 86 sehr billig an Portugal 
verkaufte, deutsche Piloten die Maschinen nach Afrika 
flogen, wo sie sofort zur Bekämpfung der Befreiungsbewe- 
gungen in Angola und Mozambique eingesetzt wurden 
Andere wichtige Kriegsmaterialien gehen permanent nach 

Für die Strategie des antiimperialistischen Kampfes, für die 
Vermittlung antiimperialistischer und antikapitalistischer 

Gr r o«?T S 1 T l T h 7 jede Mö S Iichkeit gegeben zu sein. 

roße Teile der Bevölkerung sind gegen die sinnlose Rü¬ 
stung zu mobileren, besonders weil der BRD-Kapitalismus 
nicht mit der Rüstungsproduktion steht und fällt. 

lese Praktiken, die die lohnabhängigen Massen in der 
BRD zu tragen haben, könnten durch eine systematische 
Entlarvung politisch verwertet werden. 

Seit März 1967 befinden sich ca. 100 Offiziere und Berater 
der Bundeswehr in Rhodesien, um Counter-Guerilla-Takti¬ 
ken zu vermitteln und Erfahrungen zu sammeln 
In Rhodesien ist permanent ein Aufstand der schwarzen 
Massen gegen die kapitalistische weiße Minorität möglich 
112 


Uns ist es bisher nicht gelungen, diesen notwendigen Be¬ 
freiungskampf und die Bundeswehr-Hilfe agitatorisch und 
propagandistisch zu verwerten. 

V Die NATO ist die organisierte Zentrale des Imperialismus 
in Mittel- und Westeuropa zur Verhinderung der Emanzipa¬ 
tion der produzierenden Massen. Innerhalb einer Anti- 
NAT O-Kampagne hätten diese imperialistischen Praktiken 
ihren politischen Stellenwert. 

Diese Kampagne ist nur sinnvoll möglich, wenn es uns 
überzeugend gelingt, die »nationalen« Kampagnen zu inter¬ 
nationalisieren, die Massenaktionen, die systematische Deser¬ 
tion und die subversive Aktion gegen Kriegsmaterial der 
NATO-Imperialisten permanent als internationale Aufgabe 
zu praktizieren. 

Der Aufbau eines eigenen revolutionären Informations¬ 
netzes ist unerläßlich und möglich, wenn wir taktische 
Zentralen (Büros) für diese Kampagne in den verschiedenen 
Ländern bilden, in denen Genossen aus den verschiedenen 
Ländern Zusammenarbeiten. Ein praktischer Schritt in dieser 
Richtung wäre der Aufbau einer Dokumentationszentrale, 
und zwar über den Mißbrauch der Wissenschaften zu Kriegs¬ 
und Unterdrückungszwecken im Kapitalismus. Diese sollte 
ergänzt werden durch den Aufbau von revolutionär-wissen¬ 
schaftlichen Instituten der revolutionären Jugendorganisa¬ 
tionen, die die imperialistische Zusammenarbeit untersuchen 
und publizistisch verbreiten und damit helfen, antiimperiali¬ 
stische Aktionen vorzubereiten. 

Diese Institute wären ein qualitativer Fortschritt, wären 
von größter Bedeutung für die Befreiungsbewegungen, für die 
Organisierung konkreter Solidarität (siehe NACLA-Büro für 
Lateinamerika). Auf gemeinsamen Aktions- und Diskussions¬ 
konferenzen könnte die theoretische und praktische Konti¬ 
nuität gewährleistet werden. Dieser praktische Internationa¬ 
lismus findet seine materialistische Begründung im internatio¬ 
nalen Charakter der Kapitals und seiner Herrschaft. 

Die revolutionären Jugendorganisationen haben in der 
Geschichte der Arbeiterbewegung in den Perioden, in denen 
die produzierenden Massen ihren Kampf noch nicht als 
unerbittlichen Klassenkampf aufgenommen hatten, immer 
als erste diesen notwendigen Internationalismus begonnen. 


113 



nimm. “ R ' Volu '“» «nd Konterrevolution be- 

p N ' sa,ion - er 

Produktion, Konsumtion und Ebö,en b 

Sprüche aktualisien werden könn P f ’ m dcnC " Wider ' 

de, Universität primär, aber auch außeSbSe, Un” 8 “' ■” 
Zehntausende gegen den US TCrls. * u- Universität 

ren. Das war und ist eiL Prod??^ r" o"™ 2UmobiJ ^' 
rung von breiten Minderheiten I n 'd ^ ^ ^ Mobilisie - 
strationen liegt in einem antizipatorische^-^* 11 Demon ~ 
eine revolutionäre Globalstrategie. “ S ° efWaS wie 

BRD ist "die Verbrehemne d'' StnKsk der Linken in der 
Studenten, Schüler und JueendT f ntlaut ° nt ^ en Lagers der 
materielle Produktion trave A ’ C C ^ !n tke Richtung der die 
die F„ S n * 

Schichten, Abteilunvpr, f i • Keit von Gruppen, 
lohnabhängigen Massen.DaLn^rc Akdone E,Cmenten 
Infragestellung der Macht der u j ', eme ständige 
für die beherrschten PmA Herr = chcn dcn darstellen und 

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114 


Revolutionierung ist auch eine direkte Produktivkraft der 
Revolution in den anderen Ländern. Und die griechischen, 
spanischen und portugiesischen Faschisten haben Angst vor 
der Rückkehr organisierter revolutionärer Massen ihres 
eigenen Landes. Materialistisch vermittelt ist das durch die 
sozialökonomische Situation der Länder, die die Arbeiter 
nicht mehr absorbieren können. Wir haben zu diesen Arbei¬ 
tern zu gehen, zu lernen, zu erklären, zu organisieren und uns 
als bürgerliche Intellektuelle zu negieren. 

Das gilt gleichermaßen für unsere unerläßliche Arbeit 
besonders unter den durch die Strukturkrise betroffenen 
Fraktionen der Arbeiterschaft in den stagnierenden Produk¬ 
tionszweigen, wie z. B. im Ruhrgebiet. Der Mythos von der 
NPD im Ruhrgebiet ist der Mythos der Herrschenden. Die 
historische Funktion des Faschismus war, die proletarische 
Revolution zu verhindern. Die NPD hat diese Chance nicht 
mehr. 

Der heutige Faschismus steckt in den autoritären Institu¬ 
tionen und im Staatsapparat. Den letzteren zu sprengen ist 
unsere Aufgabe, und daran arbeiten wir. Dazu gehört die 
entschlossene und dauerhafte Mobilisierung und Organisie¬ 
rung der Massen an allen Orten, primär jetzt im Ruhrgebiet. 
Dazu gehört die immer dringender werdende solidarische 
Zusammenarbeit mit den Einzelgewerkschaften, die ent¬ 
schlossen sind, einem Lohnstopp mit allen Mitteln politisch 
und ökonomisch entgegenzutreten, nicht die Große Koali¬ 
tion der Parasiten und Blutegel zu vervollständigen. Wir 
kämpfen für eine antiautoritäre und damit antifaschistische 
Einheitsfront aller Gruppen, Organisationen und Individuen 
aus allen Sphären der Gesellschaft - mit dem Ziel, eine 
antiautoritäre, d. h. freie Gesellschaft, direkte Herrschaft der 
Produzenten über die Produktionsmittel zu erkämpfen. Das 
allein wäre die Auflösung und Vernichtung der Widersprü¬ 
che des Kapitals, wäre die freie revolutionäre und sozialisti¬ 
sche Gesellschaft! 

Die historische Aufgabe des Spätkapitalismus ist es, die 
Massen in ein funktional im Interesse der Herrschenden 
reagierendes Kollektiv zu verwandeln, sie jederzeit für 
militärische und zivile Zwecke verwertbar und einsetzbar zu 
halten. Gerade diese entscheidende Aufgabe kann er in der 


115 



BRD immer weniger erfüllen. Die kulturrevolutionäre Über¬ 
gangsperiode, die spätestens seit dem 2. Juni 1967 relevante 
Schichten innerhalb und auch außerhalb der Universität 
mobilisierte, kann »nur« noch durch brutalsten Repressions¬ 
einsatz beendet werden! 

Systematisch wichtig für eine Sozialrevolutionäre Strategie 
mußte sein, zu begreifen, daß das System des Spätkapitalis¬ 
mus nicht auf eine aktive, selbsttätige Massenbasis zurück¬ 
greifen kann. Das System hat zwar eine Massenbasis, aber 
diese ist passiv und leidend, ist unfähig, politischen und 
Ökonomischen Herausforderungen von sich aus spontan zu 
begegnen. Der heutige Faschismus ist nicht mehr manifestiert 
in einer Partei oder in einer Person, er liegt in der tagtäglichen 
Ausbildung der Menschen zu autoritären Persönlichkeiten, 
er hegt in der Erziehung, kurz, er liegt im bestehenden 
System der Institutionen. 

Pj S P yStC L m deS Spätkapitalismus ist mehr denn je eine 
Mmderheitsherrschaft, zusammengehalten durch die wider¬ 
sprüchliche Einheit des Gesamtapparats, bestehend aus der 
staatlich-gesellschaftlichen Bürokratie und den Vertretern 
der Oligopole. Die tagtägliche Mobilisierung der gesamten 
Gesellschaft gegen die Idee der sozialen Befreiung von 
zusätzlicher und überflüssiger Arbeit und Herrschaft ver¬ 
sucht die Menschen geistig und biologisch zu passiven 
bignalempfangern zu machen. Unter diesen Verhältnissen 
wird der Rückgriff auf den traditionellen Massenbegriff der 
20er Jahre strategisch und taktisch falsch. Die Herrschenden 
können nicht von heute auf morgen gegen uns in der BRD 
Hunderttausende mobilisieren. Der widersprüchliche Ge¬ 
samtapparat kann es sich heute nicht einmal mehr leisten, die 
Massen für sich zu mobilisieren, könnte doch dadurch in 
letzter Konsequenz auch Hand an die Herrschaft des Appa¬ 
rats gelegt werden. 

Ganz im Gegensatz dazu ist es uns revolutionären Sozia¬ 
listen heute in der Bundesrepublik möglich geworden, durch 
ein System der systematischen Vermittlung von Aufklärung 
und Aktion eine durchaus schon massenhafte Mobilisierung 
zu erreichen. & 

Die weltgeschichtliche Rolle und Funktion der vietname¬ 
sischen Revolution ist dabei evident. Die Aggression der 


116 


Vereinigten Staaten von Nordamerika war unübersehbar. Sie 
geschah zu einem Zeitpunkt in brutal-offener Form, als die 
vielfältigsten Mechanismen der »Einflußnahme« nicht mehr 
ausreichten, um den Sieg der revolutionären Befreiungskräfte 
; n Südvietnam zu verhindern. Das historische Pech des 
US-Imperialismus bestand nun gerade darin, daß er seine 
einzige »Legitimationsbasis«, die antikommunistische Ideo¬ 
logie, abbauen mußte, um die Niederschlagung der Sozialre¬ 
volutionären Befreiungsbewegungen überhaupt noch unter 
antikommunistischer Fahne zu ermöglichen, dieser schein¬ 
bare Widerspruch löst sich auf, wenn wir begreifen, daß die 
Anerkennung der Koexistenz-Ideologie der Sowjetunion 
durch den Imperialismus geschah, um wenigstens in Mittel¬ 
und Westeuropa eine »ruhige Zone« des Systems zu erhalten, 
um einen »freien Rücken« für die kurzfristige und effektive 
Zerschlagung der revolutionären Bewegung der Dritten Welt 
zu erhalten. 

Die historische »Schuld« der Sowjetunion besteht in dem 
völligen Versagen, diese Strategie des Imperialismus zu 
begreifen und subversiv-revolutionär zu beantworten. Die 
sich von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr steigernde 
Aggression des US-Imperialismus in Vietnam materialisierte 
sich in den hochentwickelten kapitalistischen Ländern als 
»abstrakte Gegenwan der Dritten Welt in den Metropolen« 
(O. Negt), als geistige Produktivkraft im Bewußtwerdungs- 
prozeß über die Antinomien der heutigen Welt. 

Die weltgeschichtliche Bedeutung des Kampfes des viet¬ 
namesischen Volkes, die exemplarische Bedeutung dieser 
Auseinandersetzung für die folgenden Kämpfe gegen den 
Imperialismus standen schon sehr früh im Mittelpunkt der 
Vietnam-Diskussionen. Daß aber dieser entscheidende 
Aspekt ins studentische Bewußtsein und nun auch partiell ins 
Bewußtsein der lohnabhängigen Massen gelangt, scheint uns 
seine materialistische Begründung in dem spezifischen Pro¬ 
duktionsverhältnis der studentischen Produzenten zu haben. 
Wir haben als Studenten - wenn auch von Fakultät zu 
Fakultät verschieden - innerhalb der gesamtgesellschaftlichen 
Reproduktion soziologisch eine Zwischenlage. Auf der einen 
Seite sind wir eine geistig und ausbildungsmäßig privilegierte 
Fraktion des Volkes, aktuell bedeutet dieses Privileg im 


117 


Grunde aber nur Frustration. Frustration darum, weil der 
sich ausbildende Student, besonders der politisch engagierte, 
tagtäglich den Idiotismus der Politikaster-Cliquen der irra¬ 
tionalen Autoritäten kritisch und manchmal auch sinnlich 
miterlebt. Hinzu kommt, daß diese antiautoritären Studen¬ 
ten noch keine materiell gesicherten Positionen der Gesell¬ 
schaft übernommen haben, sie von Machtinteressen und 
Machtpositionen noch relativ weit entfernt sind. Diese 
temporäre Subversiv-Stellung der Studenten bringt eine 
dialektische Identität der unmittelbaren und historischen 
Interessen der Produzenten hervor. Die vitalen Bedürfnisse 
und Interessen nach Frieden, Gerechtigkeit und Emanzipa¬ 
tion können sich daher in diesen soziologischen Positionen 
am ehesten materialisieren. Wirkliche Virulenz entfalteten sie 
aber erst, als die Studenten durch den antiautoritären Kampf 
im eigenen Institutsmilieu Universität gegen die dortige 
Bürokratie sich politisierten, entschlossener in der politi¬ 
schen Auseinandersetzung um ihre Interessen und Bedürf¬ 
nisse kämpften. Die unmittelbare Beziehung des studenti¬ 
schen Produzenten zu seinem Ausbildungsmilieu darf nicht 
vergessen werden. Seine Lernsituation an der Universität ist 
bestimmt von der Diktatur der inflationär ansteigenden 
Prüfungen und von der Diktatur der Ordinarien. Die Profes¬ 
soren wiederum sind Diener des Staates. Die heutige Ver¬ 
staatlichung der ganzen Gesellschaft bildet die Basis für ein 
Verständnis des antistaatlichen und antiinstitutionellen 
Kampfes der radikalen außerparlamentarischen Opposition. 

Dadurch verlor Vietnam viel von seiner scheinbaren 
Abstraktheit. Die produktive Vermittlung der unmittelbaren 
und der historisch-emanzipatorischen Interessen der anti¬ 
autoritären Studenten kann nur in der Auseinandersetzung, 
im politischen Kampf geschehen. Die Restriktionspolitik der 
universitären Bürokratie, die brutalen Einsätze der Westber¬ 
liner Bürgerkriegsarmee bei den verschiedenen Demonstra¬ 
tionen, die langandauernde permanente Aufklärung über die 
gesellschaftlichen Widersprüche, die systematisch die Spiel¬ 
regeln der bürgerlichen Gesellschaft »verletzenden« Ak¬ 
tionsformen und der dabei stattfindende Lernprozeß schufen 
die antiautoritäre Einstellung. 

Sie entfaltet sich im Kampf um neue radikale Bedürfnisse, 
118 


ur n das Ziel, die Totalität der die Menschen von langer 
Arbeitszeit, Manipulation und Elend befreienden Produktiv¬ 
kräfte endlich von den Fesseln des Kapitals und derBürokra- 
ye zu befreien, sie endlich der bewußten Kontrolle zu 
unterwerfen, einen neuen Menschen zu schaffen. 

Geben wir uns aber keinen Illusionen hin. 

Das weltweite Netz der organisierten Repression, dps 
Kontinuum der Herrschaft, läßt sich nicht leicht aufspren¬ 
gen. Der »neue Mensch des 21. Jahrhunderts« (Guevara, 
Fanon), der die Voraussetzung für die »neue Gesellschaft« 
darstellt, ist Resultat eines langen und schmerzlichen Kamp¬ 
fes, kennt ein sehr schnelles Auf und Ab der Bewegung, 
temporäre Aufschwünge werden durch nicht zu umgehende 
»Niederlagen« abgelöst werden. Unsere kulturrevolutionäre 
Ubergangsphase ist im »klassischen« Verständnis der Revo¬ 
lutionstheorie eine vorrevolutionäre Phase, in der Personen 
und Gruppen sich noch manchen Illusionen, abstrakten 
Vorstellungen und utopistischen Projekten hingeben, ist eine 
Phase, in der der radikale Widerspruch zwischen Revolution 
und Konterrevolution, zwischen der herrschenden Klasse in 
ihrer neuen Form und dem Lager der Antiautoritären und 
Unterprivilegierten noch nicht konkret und unmittelbar sich 
auszutragen beginnt. Was für Amerika schon eindeutig 
Realität ist, hat auch schon für uns mit gewissen Modifikatio¬ 
nen große Bedeutung: »Es ist keine Zeit nüchterner Re¬ 
flexion, sondern eine Zeit der Beschwörung. Die Aufgabe der 
Intellektuellen ist mit der des Organisators der Straße, mit 
der des Wehrdienstverweigerers, des Diggers identisch: mit 
dem Volke zu sprechen und nicht über das Volk. Die prägende 
Literatur jetzt ist die Underground-Literatur, sind die Reden 
von Malcolm X, die Schriften Fanons, die Songs der Rolling 
Stones und von Aretha Franklin. Alles übrige klingt wie der 
Moynihan-Report oder ein >Time<-Essay, die alles erklären, 
nichts verstehen und niemanden verändern« (A. Kopkind, 
Von der Gewaltlosigkeit zum Guerilla-Kampf, in: Voltaire- 
Flugschriften Nr. 14, S. 24/25). Wir haben noch keine breite 
kontinuierliche Untergrundliteratur, es fehlen noch die Dia- 
löge der Intellektuellen mit dem Volk, und zwar schon auf 
dem Standpunkt der wirklichen, d. h. der unmittelbaren und 
historischen Interessen des Volkes. 



F 


t 




) 


! 


119 


Es gibt den Beginn einer Desertionskampagne in der 
amerikanischen Besatzungsarmee, es fehlen aber noch die 
organisierten Desertionskampagnen in der Bundeswehr. Wir 
wagen es schon, den amerikanischen Imperialismus politisch 
anzugreifen, aber wir haben noch nicht den Willen, mit 
unserem eigenen Herrschaftsapparat zu brechen, militante 
Aktionen gegen die Manipulationszentren, z. B. gegen die 
unmenschliche Maschinerie des Springer-Konzerns, durch¬ 
zuführen, unmenschliche Kriegsmaschinerie zu vernichten. 

Genossen! Wir haben nicht mehr viel Zeit. 

In Vietnam werden auch wir tagtäglich zerschlagen, und 
das ist nicht ein Bild und ist keine Phrase. Wenn in Vietnam 
der US-Imperialismus überzeugend nachweisen kann, daß er 
befähigt ist, den revolutionären Volkskrieg erfolgreich zu 
zerschlagen, so beginnt erneut eine lange Periode autoritärer 
Weltherrschaft von Washington bis Wladiwostok. Wir haben 
eine historisch offene Möglichkeit. Es hängt primär von 
unserem Willen ab, wie diese Periode der Geschichte enden 
wird. »Wenn sich dem Viet-Cong nicht ein amerikanischer, 
europäischer und asiatischer Cong zugesellt, wird die viet¬ 
namesische Revolution ebenso scheitern wie andere zuvor. 
Ein hierarchischer Funktionärsstaat wird die Früchte ernten, 
die er nicht gesät hat« (Partisan Nr. 1, Vietnam, die Dritte 
Welt und der Selbstbetrug der Linken, Berlin 1967). 

Und Frantz Fanon sagt für die Dritte Welt: »Los, meine 
Kampfgefährten, es ist besser, wenn wir uns sofort entschlie¬ 
ßen, den Kurs zu ändern. Die große Nacht, in der wir 
versunken waren, müssen wir abschütteln und hinter uns 
lassen. Der neue Tag, der sich schon am Horizont zeigt, muß 
uns standhaft, aufgeweckt und entschlossen antreffen« (Die 
Verdammten dieser Erde, Suhrkamp 1966, S. 239). 

Laßt uns auch endlich unseren richtigen Kurs beschleuni¬ 
gen. Vietnam kommt näher, in Griechenland beginnen die 
ersten Einheiten der revolutionären Befreiungsfront zu 
kämpfen. Die Auseinandersetzungen in Spanien spitzen sich 

zu. Nach 30 Jahren faschistischer Diktatur ist in der Einheits¬ 
front der Arbeiter und Studenten eine neue revolutionäre 
Kraft entstanden. 

Die Bremer Schüler haben angefangen und gezeigt, wie in 
der Politisierung unmittelbarer Bedürfnisse des Alltagslebens 
120 


Kampf gegen Fahrpreiserhöhungen - subversive Spreng¬ 
kraft entfaltet werden kann. Ihre Solidarisierung mit den 
lohnabhängigen Massen, die richtige Behandlung der Wi¬ 
dersprüche und die Auseinandersetzungen mit der autori¬ 
tär-militaristischen Polizei zeigen sehr d Alt Sich, welche gro¬ 
ßen Möglichkeiten des Kampfes im SysteHi des Spätkapitalis¬ 
mus liegen. An jedem Ort der Bundesrepublik ist diese 
Auseinandersetzung in radikaler Form möglich. Es hängt 
von unseren schöpferischen Fähigkeiten ab, kühn und ent¬ 
schlossen die sichtbaren und unmittelbaren Widersprüche zu 
vertiefen und zu politisieren, Aktionen zu wagen, kühn und 
allseitig die Initiative der Massen zu entfalten. Die wirkliche 
revolutionäre Solidarität mit der vietnamesischen Revolution 
besteht in der aktuellen Schwächung und der prozessualen 
« Umwälzung der Zentren des Imperialismus. Unsere bishe¬ 
rige Ineffektivität und Resignation lag mit in der Theorie. 

Die Revolutionierung der Revolutionäre ist so die ent¬ 
scheidende Voraussetzung für die Revolutionierung der 
Massen. Es lebe die Weltrevolution und die daraus entste¬ 
hende freie Gesellschaft freier Individuen! 

Der Internationale Vietnam-Kongreß in West-Berlin (17. 
und 18. Februar 1968), der von zahlreichen ausländischen 
Organisationen mitgetragen wurde, war der Höhepunkt der 
Vietnam-Kampagne der westdeutschen und Westberliner 
Studenten- und Jugend-Revolte. - Robert McNamara war 
damals Verteidigungsminister der USA. - Streik in Hanau: im 
Rahmen der Chemie-Tarifrunde 1967 kam es bei Dunlop in 
Hanau zu einem entschlossenen, teils militanten Streik, an 
dem sich vor allem auch ausländische Arbeiter beteiligten; es 
war der erste Arbeiterstreik, der in der Studentenbewegung 
größere Beachtung fand. - Die Bremer Schüler: im Januar 
1968 demonstrieren bis zu 4000 Bremer Schüler gegen eine 
geplante Fahrpreiserhöhung; nach neuntägigen Demonstra¬ 
tionen und Blockaden läßt der Bremer Senat das Vorhaben 
fallen. - Der hier veröffentlichte Text weicht in einigen 
Passagen vom vorgetragenen Redetext ab; in der vorliegen¬ 
den Form wurde er unmittelbar nach dem Kongreß in einer 
Broschüre des SDS (»Der Kampf des vietnamesischen Volkes 
und die Globalstrategie des Imperialismus<) publiziert. 


121 



Rudi Dutschke , Josef Bachmann: zwei Briefe 


Mailand, 9. Dezember 1968 

Lieber J. Bachmann! 

Paß auf, Du brauchst nicht nervös zu werden, lies diesen 
Brief durch oder schmeiß ihn weg. 

Du wolltest mich fertig machen. Aber auch, wenn Du es 
geschafft hättest, hätten die herrschenden Cliquen von Kie- 
singer bis zu Springer, von Barzel bis zu Thadden Dich fertig 
gemacht. 

Ich mache Dir einen Vorschlag: 

Laß Dich nicht angreifen, greife die herrschenden Cliquen 
an. Warum haben sie Dich zu einem bisher so beschissenen 
Leben verdammt? f 

Warum wurdest Du und wirst Du und mit Dir die 
abhängigen Massen unseres Volkes ausgebeutet, wird Deine 
Phantasie, wird die Möglichkeit Deiner Entwicklung zer¬ 
stört. Warum werden wir alle noch immer geduckt und 
niedergehalten? 

Für die Schweine in den herrschenden Institutionen, für die 
Vertreter des Kapitals, für die Parteien und Gewerkschaften, 
für die Agenten der Kriegsmaschinerie und der »Medien 
gegen das Volk*, für die Parteifaschisten gegen die Massen, 
die sich überall finden, dürft Ihr täglich schuften. 

Die wenigen Tage der deutschen Revolution von 1918 
haben die Massen den 8 Stunden-Tag erkämpft - 50 Jahre 
später muß unser ganzes Volk, um sich erhalten zu können, 
genau so sich quälen wie eh und je - nur in »schönerer« 
unmenschlicherer Form. Die Studenten und Intellektuellen 
haben bisher an Eurer Benutzung und Ausbeutung sich 
beteiligt. Für uns taugen Studenten nur etwas, wenn sie 
endlich wieder ins Volk gehen. Die Intellektuellen und 
Künstler müssen endlich ihre auch schöpferische Phantasie 
fest mit dem Leben des Volkes verbinden, bei Euch arbeiten. 

Euch unterstützen, sich verändern, Euch und Dich verän¬ 
dern. 


Was hältst Du von diesem Vorschlag ? 

Ich habe viele Jahre auf dem Lande und in den Fabriken 
gearbeitet. Viele von uns, die die Universität abschließen, 
gehen jetzt als Gruppen in den Produktionsprozeß, um die 
Revolution vorzubereiten. 

Also schieß nicht auf uns, kämpfe für Dich und Deine 
< Klasse. Höre auf mit den Selbstmordversuchen, der antiau¬ 
toritäre Sozialismus steht auch noch für Dich da. 

Rudi Dutschke 

P.S.: Da ich erwarte, daß Du diesen Brief nicht von den 
Staatsvertretern erhältst, gebe ich ihn auch der sogenannten 
Öffentlichkeit in der ganzen Welt. 


Josef Bachmann 
1 Berlin 21 
Alt-Moabit 12a 

Berlin, den 15. 1. 69 

Lieber Rudi Dutschke! 

Ich möchte Ihnen nun ein zweites Mal schreiben, ich weiß 
nicht ob Sie meinen ersten Brief überhaubt bekommen 
haben. Natürlich möchte ich mich auch für Ihren zweiten 
Brief bedanken, den ich mit Begeisterung und großer Freude 
erhalten habe. 

Der zweite Brief über Pfro. Helmut Gollwitzer hat mir 
über Sie noch einen besseren Einblick erlaubt wie bisher. 

Ich möchte nochmals mein Bedauern über das ausspre¬ 
chen, was ich Ihnen angetan habe. Ich kann nur hoffen, daß 
Sie in Ihrer Zukunft und Ihrer weiteren Laufbahn, die für Sie 
ja erst anfängt, keine ernstlichen körperlichen Schäden 
zurückbehalden werden. 

Zur Zeit geht es mir etwas besser als wie in den ersten 
Monaten, wo ich versucht habe, mit allen Mitteln aus dem 
Leben zu scheiden. Ich hoffe ja, daß ich alles durchstehen 
werde und für mich auch noch einmal die Sonne scheinen 
wird, wenn nicht, bleibt mir noch immer Zeit, von dieser 
beschissenen Erde zu verschwinden. 


122 


123 


Meine Einstellung über unsere heutige Deutschland-Poli¬ 
tik ist im allgemeinen gut. Unser Wohlstand ist einer der 
besten auf der Welt, jeder hat Arbeit und Brot, jeder kann frei 
studieren und machen, was er will. 

Nun frage ich mich, warum wird demonstriert, gegen was 
wird demonstriert, warum will man die Arbeiterschaft und 
unser heutiges System die Verbrecher Ulbricht und Genos¬ 
sen in die Hand spielen. Ich war oft in Ostberlin und habe 
sehr viel Kontakt mit der Jugend aufgenommen. Ich bin 
selbst vom Osten! Wenn man diese jungen Leude sprechen 
hört, dann ist es kein Wunder, daß sich mein Haß gegen alles 
richtet, was bolschewistich und kommunistich ist. Damit 
möchte ich Sie nicht mit dazu zählen. 

Ich habe vielleicht von Ihnen eine ganz verkehrte Auffas- 
sun 8 gehabt. Vielleicht haben Sie gar nicht so unrecht, wenn 
Sie meinen, daß unsere Ruhe und Ortnung schon etwas zu 
lange anhält. Wenn ich Sie richtig verstehe und mir ein Bild 
von Ihnen erlauben darf, wollen Sie und Ihre Comilitonen ein 
besseres System erreichen als das heutige. Aber jetzt kommt 
die Frage, was soll das sein und wie will man etwas ändern, 
was gar nicht zu ändern geht, denn die breite Bevölkerungs¬ 
schicht fühlt sich so wohl, daß sie überhaupt nicht daran 
denkt, sich etwas anderes aufschwatzen zu lassen. Solange es 
dem Volk gut geht und es sich wie die Made im Speck 
wohlfühlt, ist es sehr schwer, etwas besseres zu erreichen. Es 
sei denn es geht bergab, und die Masse steckt bis zum Hals 
im Dreck. Ich nehme ja nicht an, daß unsere heutige 
Generation eine Diktatur zustreben möchte, wie es in den 
Ostplock Ländern oder im 3 Reich möglich war. 

Dubcek in der CSSR wollte nur ein bischen Freiheit für 
sein Volk, daß von dem russischen Kommunismus brutal 
undertrückt und ausgebeutet wird. 

Es ist ja bekannt, daß Komminismus und Faschismus die 
Menschheit versklaven und undertrücken will. Darum ist 
man heute in der Bundesrepublik wachsam was sich ziemlich 
links bewegt und verschidene Gruppen mit dem linken Auge 
nach Osten schauen. 

Hiermit möchte ich schließen wünsche Ihnen, Rudi 
Dutschke, alles Gute und viel Erfolg für Ihre Zukunft. 

Josef Bachmann 


11. April 1968 wurde Rudi Dutschke durch drei 
Revoherschüsse lebensgefährlich verletzt. Josef Bachmann, 
der 24 jährige Schütze, wurde im März des folgenden Jahres 
z u sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Er, der rechtsradika¬ 
len Kreisen nahegestanden hatte, nach Augenzeugenberich¬ 
ten im Gefängnis als >Sonderling< galt und mehrere Selbst¬ 
mord-Versuche machte, tötete sich in der Nacht vom 23. auf 
den 24. Februar 1970. - Beide Briefe sind in der Originalor¬ 
thographie wiedergegeben. 


Internationaler Vietnamkongreß, Februar 1968 



124 


125 


Sozialdemokratischer Kommunismus, moderne 
Macht und unsere Schwäche 

(Aus dem Tagebuch) 


I 

I 


T . , 5.2. 1970 

Interessant war in der »Frankfurter Rundschau« ein Arti- | 

j uber dle KPF > der den Aufbau und die Schwierigkeiten 
der Partei beschrieb. Man konnte deutlich den Hemmschuh 
der französischen Revolution »sehen«, 300 000 Mitglieder, 

20 000 Zellen etc., seit Jahrzehnten Sozialdemokraten mit 
»kommunistischer« Ideologie. Dieser KPF-Hemmschuh 
scheint sich nicht verändert zu haben, die »Wendung« der 
Parteiführung besteht darin, daß sie die diesjährige Partei- ’ 
konferenz m Nanterre stattfinden läßt, der Mai-»Aufstand« 
wird ideologisch gewinnen - damit er umso endgültiger ' 
vernebelt werden kann. 

Eme bestehende und seit Jahrzehnten institutionalisierte 
Organisation, seit x-Jahren ohne Sammlung und Reflexion 1 
von Kampferfahrungen, von der bestehenden Gesellschafts¬ 
formation »akzeptiert«, ist die permanente Weiterentwick- ' 
lung der Hemmnisse der Revolution. 

Wie haben »wir« uns einer solchen Tendenz gegenüber zu 
verhalten? Welche Rolle und Funktion kann und muß dieses 
Hemmnis in unserem Kalkül spielen ? 

Die x-fachen Erfahrungen des mißlungenen Entrismus 
weisen darauf hin, daß wir ohne eine durch Kampferfahren¬ 
st “. f f baute »feste« Organisation jeder revolutionären 
Möglichkeit hoffnungslos gegenüberstehen. Revolutionäre > 

Sprung-Möglichkeiten haben wir voll auszutragen, die kapi¬ 
talistische Formation ist x-fach getestet worden, jeden Test 
hat sie bisher mit »kluger Neuanpassung« beantwortet. \ 

Die tiefen Situationen des Aufstands sind nicht immer 
vorhanden, nicht alles im Prozeß der Revolution kann I 
»gemacht« werden, es »entsteht« oft »naturwüchsig«, es 
druckt die Naturwüchsigkeit des Kapitals aus. Die Umwand- | 

126 I 


lung der Naturwüchsigkeit in den bewußten Akt des Auf¬ 
stands hebt dieselbe noch nicht auf, nähert sich aber der 
vollen Ausnutzung der Möglichkeiten. 

Die volle Austragung der sinnlich sichtbar gewordenen 
Widersprüche ist in letzter Konsequenz nur durch die 
verschiedenen konkreten Individuen in konkreten sozialen 
Bedingungen möglich. Die Permanenz-Revolutionäre sind 
nicht vollständig, nicht primär durch die »feste und variable« 
Organisation bestimmt, sie sind durch revolutionäres Senti¬ 
ment, Leben unter dem Aspekt der Freiheit im Reich der 
Repression tätig. 

11. 2. 1970 

Wie können wir uns einem »sozialdemokratischen Kom¬ 
munismus« gegenüber verhalten? Es ist außer jedem Zweifel, 
daß die KPs der Komintern von 1919 bis 1921 einen 
subversiven Motor der Entwicklung des revolutionären 
Prozesses darstellten. Wir müssen 1921 als den Beginn des 
Prozesses der Sozialdemokratisierung der KPs ansehen, weil 
auf dem 3. Weltkongreß - durch die schon vorausgegangene 
NEP in der Sowjetunion - die Entwicklung der Hemmnis- 
Institution KOMINTERN eindeutig begann. Die Ideologi- 
sierung des Marxismus ist als Folge dieser von Lenin 
inszenierten »Wende« anzusehen. Die »Wende« allerdings 
trägt einen äußerst komplizierten politischen und ökonomi¬ 
schen Charakter. 

Bei all den ab 1921 sich anzeigenden Sozialdemokratisie¬ 
rungstendenzen in der KI bin ich doch der Meinung, daß ein 
erfolgreicher Aufstand 1923 in Deutschland die falsche 
»Wende« in der KOMINTERN und in der Sowjetunion 
hätte in eine neue Richtung lenken und treiben können. Dem 
allerdings kann man mit gutem Grund entgegenhalten, daß 
gerade durch die Richtungsveränderung von 1921 nicht 
einmal die einzelnen Parteien in der KOMINTERN noch die 
für die Revolution entscheidenden Kampffähigkeiten, Orga¬ 
nisationsformen etc. ermöglichten. 

Unsere Generation, die eigentlich nicht mehr in dieser 
Tradition steht, die eigentlich wesentliche neue Erfahrungen, 
Ideen und Möglichkeiten schon vorgefunden oder entwickelt 
hat, ist dennoch, wie gerade der letzte KPF-Parteitag zeigt, 

127 


nicht »frei« vom sozialdemokratischen Instrument der KPF. 
Warum? Einer der wesentlichen Gründe scheint mir zu sein 
daß die antiautoritären Sozialismus-Kommunismus-Ten- 
denzen noch keine konkrete Alternative zu den hemmenden 
aber recht fest und sogar noch attraktiv dastehenden alten 
Organisationsformen zeigen. Warum wiederum ist das der 
Fall? Weil diese neue Tendenz 1. äußerst jung ist, 2. 
vermeidbare Fehler, wie die Aufgabe der entscheidenden 
antiimperialistischen Substanz, bisher nicht beachtete, 3. 
Fehler neuerdings durch Rückgriffe auf die 20er Jahre nicht 
aufgehoben, sondern nur »verschoben« werden, 4. die Dia¬ 
lektik zwischen Destruktion (Negation?) und Konstruktion 
nicht durchgehahen wird, 5. die herrschende Klasse die 
geringsten Fehler und falschen Fraktionierungen innerhalb 
des Lagers äußerst geschickt und manipulativ handhabt und 
6. Schulungsprogramme fast als revolutionäre Programme 
verstanden werden, während ersteres ein wesentliches Mo¬ 
ment der gesamtgesellschaftlichen revolutionären Analyse 
darstellt. Letztere ist politische Entscheidung auf der Grund¬ 
lage des wissenschaftlichen Sozialismus, ist aber nicht als 
»Wissenschaft« mißzuverstehen. 


Gretchen, Hosea Che und Rudi Dutschke (1968) 



Vför waren niemals eine Studentenbewegung 

(Brief über das Sektierertum) 

Aarhus, den 25. 6. 71 

Lieber Genosse Dieter, 

Deinen Brief, den ich erst gegen Ende März in die Hand 
bekam, hat mich mit tiefer roter Freude erfüllt, zeigte er doch 
einen Genossen, der die dominierende Tendenz des falschen 
Traditionsfetischismus und der politischen-organisatori- 
schen, damit auch theoretischen Sektiererei nicht mehr 
mitmachen wollte. Die antisektiererhebe Tendenz, die ge¬ 
genwärtig in sich noch unklar ist und eine eindeutige Minder¬ 
heit innerhalb des gesamten Lagers (Bloch) der Sozialisten 
und Kommunisten darstellt, hat als einzige in sich revolutio¬ 
näre Zukunft, gerade weil es geschichtlich allein dieser 
Richtung gelungen ist, objektive revolutionäre Lagen und 
Prozesse zu erkennen und durch Praxis in die Hand zu 
nehmen. Das Sektierertum hat eine äußerst lange Geschichte 
hinter sich, - aber es ist ohne revolutionäre Zukunft. 

Marx äußert sich in einem Brief an Kugelmann über das 
Sektierertum: »Die Entwicklung des sozialistischen Sekten¬ 
wesens und die der wirklichen Arbeiterklasse stehn stets in 
umgekehrtem Verhältnis. 2.) Solange die Sekten berechtigt 
sind (historisch), ist die Arbeiterklasse noch unreif zu einer 
selbständigen geschichtlichen Bewegung. 3.) Sobald sie zu 
dieser Reife gelangt, sind alle Sekten wesentlich reaktionär. 
4.) Indes wiederholt sich in der Geschichte der Internatio¬ 
nale, was die Geschichte überall zeigt. 5.) Das Veraltete sucht 
sich innerhalb der neugewonnenen Form wiederherzustellen 
und zu behaupten. «• 

Solche Sätze können, wie jeder Satz in letzter Konsequenz, 
sektiererisch gefaßt werden. Ein subversiver Marxismus hat 
ihn, wie Marx und Engels es uns methodologisch lehrten, 
geschichtlich, damit kritisch-materialistisch in die Hand zu 
nehmen. Somit ist es ein nicht zu fetischisierender historheher 
Satz, der aber dennoch bis zum Siege des weltweiten 

129 


128 



befreienden Sozialismus-Kommunismus prinzipielle Rele¬ 
vanz in sich hat. Gehen wir von Satz zu Satz, um geschicht¬ 
liche Sätze als solche zu erkennen. Der erste Satz scheint 
unantastbar zu sein, er war es auch, ist es aber nicht mehr 
gerade weil die inhaltliche Bestimmung der »wirklichen 
Arbeiterklasse« eine geschichtlich veränderte Stufe - aus 
verschiedensten Gründen - erreicht hat. Wenn wir den 
zweiten Satz nun vulgarisiert betrachten, so ließe sich daraus 
geradezu noch eine Unvermeidlichkeit des jetzigen Sektierer¬ 
tums ableiten. Dem ist entgegenzuhalten, daß die deutsche 
Arbeiterklasse in den 20er Jahren aus den verschiedensten 
Gründen katastrophale Niederlagen erlitten hat, die im 
deutschen Faschismus ihren Höhepunkt fanden. Die Spal¬ 
tung unseres Landes nach der Niederlage des deutschen 
Imperialismus im 2. Weltkrieg erweiterte die Kampfunfähig¬ 
keit unserer Arbeiterklasse, wodurch die Entwicklung einer 
neuen geschichtlichen Stufe der Entwicklung der Produktiv¬ 
kräfte etc. in der BRD für das Kapital möglich wurde. Für 
einen originären Marxisten sollte es sich bei Erkenntnis dieser 
geschichtlichen Tendenzen als selbstverständlich verstehen, 
daß Veränderungen im Produktionsprozeß - durch Zunahme 
der Relevanz von Technik und Wissenschaft u. a. m. - zu 
Veränderungen in der Klassenstruktur führen, wodurch die 
politische Linie des Klassenkampfes auch neu bestimmt 
werden muß. Die gegen 1964 begonnene, durch die militan- 
test “ Tendenzen im SDS geleitete anti-imperialistische 
Aufklärung und Aktion - in vielfältiger Gestalt - zeigte 
(meiner Ansicht nach unerläßlich, immer wieder darauf 
hinzuweisen), daß das anti-imperialistische Lager niemals 
eine »Studentenbewegung« war, sondern vielmehr eine Ge¬ 
samtheit von Teilen aus den verschiedensten sozialen Schich¬ 
ten, wobei die militante studentische Seite überwiegte. Wer 
die Geschichte der BRD und West-Berlin nach dem 2. 
Weltkrieg etwas kennt, weiß, daß nach dem Verbot der KPD 
(und eigentlich schon vorher) das Klassenbewußtsein und der 
politische Klasseninstinkt der Arbeiterklasse sich immer 
mehr reduzierten, aus hier nicht weiter zu erläuternden 
Gründen. Mit der anti-imperialistischen Aufklärung und 
illegalen, genauer, aus Legalität in Illegalität transformierten 
Demonstration Ende 64 in West-Berlin in Sachen Tschombe 
130 


, _ ann die mehrjährige Welle anti-imperialistischer Aufklä¬ 
rung Aktionen und Demonstrationen usw. Heute haben sich 
die meisten Sektierer-Grüppchen darauf geeinigt, diese histo- 
'sche Periode als eine »leider geschehene Phase« des »wild¬ 
gewordenen Kleinbürgertums« diffamieren zu können, von 
den ultra-linken Opportunisten bis zu den Traditionalisten. 
Es scheint mir demgegenüber mehr denn je notwendig, den 
anti-sektiererischen und anti-imperialistischen Charakter 
dieser unklaren, aber historisch sich so produktiv entfaltenden 
Bewegung zwischen 1964 und 1968 zu betonen. Die anti¬ 
autoritäre Seite war die Seite des Kampfes gegen den despo¬ 
tischen Charakter der »Autorität des Staates«, war auch ein 
unklares theoretisches Verständnis über die geschichtlich 
erreichte Stufe. 

Erinnern wir uns doch bloß der kleinen sozialistischen 
Sekten und Elitegrüppchen - bis hin zum SDS -, wie sie sich 
in der reaktionären kapitalistischen Restaurationsperiode der 
BRD herausgebildet hatten. Diese Sekten verloren ihre 
historische Berechtigung zwischen 1964 und 1968, gerade 
weil eine neue historische Qualität sichtbar wurde, die 
Qualität des globalen Imperialismus, die Unerläßlichkeit des 
internationalen Kampfes (Kongo, Vietnam, Persien, Süd¬ 
afrika etc.). Dieser Erkenntnisprozeß hatte infolge eines 
gewissen Geschichtsverlusts - zerschlagene Arbeiterklasse, 
zerschlagene Kader etc. ... - viele Momente des Romantizis¬ 
mus und der Illusion in sich. Wer nur letzteres betont und 
den qualitativen Sprung des anti-imperialistischen Kampfes 
mißachtet, landet im sektiererischen Opportunismus, ob nun 
rechter oder linker Variante. Es war gerade dieser anti¬ 
imperialistische Kampf, der besonders 1965/66 zu prinzipiel¬ 
len Auseinandersetzungen innerhalb des SDS führte. Die 
traditionsbefangene Richtung hielt unsere Form von Praxis, 
also jene Dialektik von Aufklärung und direkten Aktionen 
für einen abenteuerlichen und sektiererischen Voluntaris¬ 
mus. 

Denk doch bloß an den Höhepunkt dieser Periode, an die 
Welle gegen die Verabschiedung der Notstandsgesetze, also 
jene Wochen und Monate, in welchen die internationale 
Qualität und nationale Besonderheit mannigfaltig vermittelt 
wurde. Ohne Einfluß und ohne Fähigkeit verfolgte ich aus 


131 


dem Krankenhaus den Ablauf dieses geschichtlichen Wen- 
depunktes. 

Die anti-imperialistische Kampagne hatte ihren ersten 
Höhepunkt in den Wochen und Monaten nach der Ermor¬ 
dung von Benno Ohnesorg: der Kongreß in Hannover, die 
zunehmenden anti-imperialistischen Aufklärungs- und Ak¬ 
tionsrhythmen in der BRD begannen, die ihren erneuten 
äußeren Höhepunkt in den Tagen des Vietnam-Kongresses 
m West-Berlin fanden. Ca. 2 Monate später erfolgte der 
Attentatsversuch und eine erneute Welle von Aufklärung 
und direkten Aktionen folgte. Die meisten Genossen, beson¬ 
ders in der SDS-Führung, waren über das Attentat weniger 
überrascht als über die so direkt und unmittelbar sichtbaren 
breiten Gruppen von jungen Arbeitern und Angestellten, die 
da auftauchten und in den politischen Kampf eingriffen. 
Hatten sie eine religiöse Geburt, oder waren sie nicht viel 
mehr prozeßartig in den anti-imperialistischen Kampagnen 
>geboren< worden? ' 

Die erweiterten Kämpfe, erweitert in den verschiedensten 
Formen, welche in diesen Wochen objektive Berechtigung 
gehabt hätten, über mobilisierte Massenbasis verfügten, 
wurden nicht durchgeführt! Die subjektive Seite einer objek¬ 
tiven historischen Lage des Klassenkampfes wurde mißach¬ 
tet, vernachlässigt und auf den Kopf gestellt. Und vergessen 
wir nicht, in dieser kurzen Zeit zwischen Februar und Mai 
1968, hatte sich die Beteiligung der Militanten von jungen 
Arbeitern etc. besonders erweitert, - und das organisierte 
Sektierertum, wie wir es inzwischen in vielfältiger Gestalt 
vorfinden, hatte sich noch nicht gebildet, gerade weil der 
anti-impenalistische, anti-sektiererische und anti-autoritäre 
»Geist« des sozialistischen Motors in der BRD, des SDS, 
noch nicht liquidiert war, obwohl der Anfang vom »Ende! 
nicht mehr unsichtbar war. 

Zwar gehörte ich auch zu den Genossen und Genossinnen 
die zwischen 1963 und 1968 die nir historisch zu verste¬ 
hende, aber nicht zu rechtfertigende Einschätzung des fun¬ 
damentalen Gegensatzes von der Klassenorganisation der 
R äte und der Partei hatten. Aber niemals wären meinen 
Freunden und mir die selbstzerstörerischen und liquidatori¬ 
schen >Ideen< der Selbstauflösung des SDS in den Kopf 
132 


kommen, von den vielen anderen grundlegenden Dumm¬ 
fiten dieser SDS-Führung ganz zu schweigen. Solche 
Dummheiten«, ich kann es nur wiederholen, trugen objektiv 
’. en konterrevolutionären Charakter. Herbst 1969 schrieb 
6 h an A. Krovoza, »daß der SDS . . . immer unfähiger wird, 
die qualitativ veränderte gesellschaftliche Situation, ihre 
revolutionären Möglichkeiten und Notwendigkeiten organi¬ 
satorisch und theoretisch zu erfassen.« 

\yir, die anti-sektiererischen Elemente, müssen immer 
sorgfältiger auf die Bewegungen und Veränderungen 
schauen, und mögen manche auch noch so klein sein, die in 
der Welt des Imperialismus und Revisionismus im allgemei¬ 
nen und in der BRD und West-Berlin im besonderen vor sich 

^ Zu einem richtigen Zeitpunkt gilt es wieder, das schwäch¬ 
ste Glied zu erkennen und zuzuschlagen. Solche politischen 
Schläge mit all ihren Inhalten sind nur erreichbar infolge 
objektiver Möglichkeiten und subjektiver Bereitschaft der 
organisierten Rebellen, die des langen Marsches der Entwick¬ 
lung von Revolutionären und der Durchführung der Revo¬ 
lution sich immer tiefer bewußt werden. Der temporäre 
»Sieg« des Sektierertums kostet(e) uns Jahre, wenn wir diese 
Jahre aber richtig nutzen, so würde ein Grad von Reife 
entstehen in den anti-sektiererischen Richtungen, der mehr 
Widerstands- und Zerstörungskraft den Sektierern gegen¬ 
über hatte als je zuvor. 

Nehmen wir die Marxschen Sätze 3/4/5 von der ersten 
Seite, der Rei/e-Begriff trägt Prozeßcharakter, von 1964 an 
nahmen immer mehr rebellische Studenten und junge Arbei¬ 
ter, Angestellte, Schüler an den anti-imperialistischen Kam¬ 
pagnen teil. 1966/67 bekam die durch die Gewerkschaft etc. 
entpolitisierte deutsche Arbeiterklasse » Angst* vor der »er¬ 
sten« Krise. Die politischen Auseinandersetzungen im Lande, 
woran sie immer mehr beteiligt war durch ihr »junges Glied«, 
führten im September 69 zu »wilden Streiks«, die aber noch 
nicht im geringsten eine politisch kämpfende Klasse zeigten. 

Eine dazu fähige Klasse entsteht aber objektiv immer 
deutlicher und wird subjektiv gehemmt durch die Exi¬ 
stenz eines relativ breiten Lagers von sektiererisch-revisio¬ 
nistischen und sektiererisch-uitra-links-opportunistischen 

133 



Gruppchen. Einer der grundlegendsten Fehler mancher 
dieser Truppchen ist auch das »Gegeneinander-Ausspielen« 
T? *^ beitern * und »Studenten«. Die »proletarisierten« 
»Kleinbürger«, um in ihrer Sprache zu sprechen, beseitigen 
ihre langen Haare, erscheinen mit Schlips u. a. m„ um den 
Arbeitern »naher« zu »kommen«; sie begreifen nicht, daß sie 
s*ch von jhnen immer weiter entfernen durch solch ein 
verdinglichtes Verhalten. 

Den sektiererischen Gruppen in der BRD ist es doch 
gerade u. a. infolge ihres historistisch auf die Arbeiterklasse 
»der 20er Jahre« zugespitzten und verfestigten Denkens 
nicht möglich, die neuen objektiven Möglichkeiten zu erken¬ 
nen und zu behandeln. Der Reifwerdungsprozeß der unter- 
d^mckten Klasse war gegen 1968 noch lange nicht beendet 
aber der Prozeß hatte begonnen ab 1964 und er schien 
etappenmaßig sich zu erweitern. Nun werden wir durch die 
verselbständigten Grüppchen gehemmt, auch die Klasse 
insgesamt. Gerade das, was Marx im Satz 5 sagt, hat sich 
erneut als neu zu bekämpfende »Wahrheit« erwiesen. 

Mit solidarischen, anti-sektiererischen Grüßen 

Rudi Dutschke 

Der Empfänger dieses Briefes, Dieter Schutt, ist Herausge¬ 
er denn Hamburg erscheinenden Zeitschrift »Der Funke « 
ie steh sehr früh schon vom entstehenden Sektenwesen 
distanzierte. In der Eigenwerbung der Zeitschrift heißt es- 
»tm ML-Organ ohne doppelte, Waschkraft. Kein Rotma - 


134 


^cb-wierigkeiten mit Lenin 

(Aus dem Tagebuch, Oktober 1973) 


Bin wieder in West-Berlin. Quäle mich wieder an meinem 
Buch (Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen, West-Berlin 
-a 7 4 ) herum, das für mich eine Abrechnung mit den 20er 
Jahren sein soll. War es zuerst als eine Lukäcs-Kritik 
verstanden worden, so stellt sich im Laufe der Realisierung 
heraus, daß das nur möglich ist, wenn Lenin und sein 
Geschichts- bzw. Wissenschaftsverständnis in den Mittel¬ 
punkt der ganzen Sache gestellt wird. Lukäcs hat sich nach 
seinem Eintritt in die KPU kontinuierlich als Marxist in der 
Theorie, Leninist in der Praxis verstanden. Alle Wendungen, 
besonders auch das theoretische Rückzugsgefecht »Ge¬ 
schichte und Klassenbewußtsein« sind unter diesem wider¬ 
sprüchlichen Doppelcharakter zu verstehen. So ist natürlich 
danach zu fragen, wie Lukäcs die russische Entwicklung im 
allgemeinen und die Revolutionsgeschichte von 1905 und 
1917 im besonderen rezipiert. Rosa Luxemburg wird da¬ 
durch viel weniger relevant für G. Lukäcs als es an der 
Oberfläche so häufig erschien. 

Indem wir Lenin-Lukäcs im individuellen, Rußland und 
Ungarn im besonderen, aber die KI-Geschichte im allgemei¬ 
nen reflektieren, wird für uns zentral das Leninsche und 
Lukäcs’sche Kapital-Verständnis auf der einen Seite und das 
Verständnis der asiatischen Produktionsweise und ihrer 
Geschichte auf der anderen. Unsere These ist, daß die 
russische Entwicklung einen halb-asiatischen Strukturzu¬ 
sammenhang tragt. Etwas, was von der Tatarisierung so 
wenig zu trennen ist wie von der türkischen Okkupation, 
über die es zur Herausbildung eines asiatischen Grundeigen¬ 
tums kommt. 


135 


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136 


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D * !.T de, .do*TTT d o„,len ?° der «*> 




nalen Einheit Deutschlands, an der Überwindung der von 
den imperialistischen Westmächten im Komplott mit dem 
westdeutschen Monopolkapitalismus vollzogenen Spaltung 
fest. Auch der Kampf für ein einheitliches, demokratisches 
und friedliches Deutschland gehört sei jeher, seit dem Wirken 
von Marx und Engels, zu den guten Traditionen der revolu 
tionären deutschen Arbeiterbewegung.« 

Diese wirklich gute, wenn auch schwache Tradition der 
revolutionären Arbeiterklasse Deutschlands, die trotz aller 
Abweichungen von Teilen der Arbeiterklasse keine Tradition 

SED Ho“ 0 ,? h !> UV r n n raUS dCr Bour S eoisie war, hat die 
F h ' “ f s ln ihren ei S enen Reihe 'i- Daß diese 
echte Erbschaft von den eindeutigen Verfechtern der Freiheit 

es Kapitals (CDU-CSU) und den zweideutigen Verbesse¬ 
rern des Kapitalismus (SPD-FDP) nicht übernommen wer¬ 
den kann, ist klar. 

Der Satz des Kommunistischen Manifestes, daß die Arbei 

“! V».rl»d haben, daS ihnen nich , ^e™“ 

werden kann, was sie nicht haben, wird in der Tat solange 
stimmen bis die »Unterdrückten und Beleidigten« (Ernst 

- r C \ * C , P ° 1 u SC r he Und ökonomische Macht errungen 
haben Solch ein befreites Land nicht zu besitzen, heißt aber 

nicht, ^me eigene Geschichte zu haben. Marx und Engels 
aben den dialektischen Zusammenhang von »national« und 
»international« me aus dem Auge verloren: »Obgleich nicht 

tZ , ü n’ 1St de - F ° rm nach der Kam P f des Proletariats 

gegen die Bourgeoisie zunächst ein nationaler.« 

Die internationale Verflechtung des Kapitalverhältnisses, 
damit vermittelte Herausbildung von Fraktionen der 
internationalen Arbeiterklasse aus verschiedenen Ländern 
(bei uns: in der BRD und Westberlin) führen zwar zu 
wichtigen Modifikanonen, beseitigen aber nicht die Ge¬ 
schichte der nationalen Besonderheit, die Dialektik der 
Ungletchzeitigkeit. Marx und Engels erkannten gerade des- 
halb, weil die nationale Bourgeoisie in vielen Ländern (von 

l ^ d J 1S ß P ,° len T unfahl 8 war, das nationale Problem zu 
losen daß die Frage der Selbstbestimmung ein nicht zu 
überspringendes Moment des nationalen Klassenkampfes im 
internationalen Zusammenhang darstellt. Sie kämpften 
darum gegen jene Richtung in der deutschen Sozialdemokra- 


138 


• die alle Formen des nationalen Kampfes als Angelegen¬ 
heiten der Bourgeoisie denunzierte. 

Engels sagt: »Nun ist es für ein größeres Land geschicht¬ 
lich unmöglich, irgendwelche inneren Fragen auch nur 
rnsthaft zu diskutieren, solange die nationale Unabhängig¬ 
keit fehlt.« Die Gebundenheit der BRD an die NATO, die 
Gebundenheit der DDR an den Warschauer Pakt behindern 
die internationale Entspannung und die nationale Lösung. 
Der Kampf um die nationale Unabhängigkeit wird somit zu 
einem elementaren Punkt des sozialistischen Kampfes. 

Unsere bisherige deutsche Tragödie, die noch immer auch 
eine der Niederlagen der deutschen Arbeiterklasse war, liegt 
gerade darin, daß wir uns von »oben« oder von »anderen« 
haben bestimmen lassen. Der Begriff der Selbstbestimmung 
ist bei uns noch immer auf einem unterentwickelt gehaltenen 
Niveau. Deshalb ist eine befreiende und nicht mehr reaktio¬ 
när verklärende Identitätsfindung mit unserem Lande bisher 
so besonders schwer gewesen. 

Im Prozeß des Erlernens des aufrechten Gangs in Richtung 
Freiheit mit Hilfe des politischen Klassenkampfes werden 
wir Sozialisten und Kommunisten es unvermeidlich lernen 
müssen, das Selbstbestimmungsrecht der »deutschen Na¬ 
tion« sozialistisch zu konkretisieren. Ich hoffe, daß die 
Genossen in der DDR dies als eine solidarische Kritik 
begreifen. Solidarische Kritik ist für mich freilich immer 
radikal. 


139 


Das wiedergewonnene Abenteuer 

(Uber die Gründe der Revolte) 


Kommilitoninnen und Kommilitonen, meine Damen und 
Herren, Genossinnen und Genossen. Es macht schon einen 
eigenartigen Eindruck, daß einer der »ehemaligen« Rebel- 
len-Haupthnge der »Studentenbewegung« nun vor den heu¬ 
tigen Studenten von Clausthal-Zellerfeld und den zur Dis¬ 
kussion über die Perspektive der Kämpfe erschienenen 
Oberhaupthngen der bundesrepublikanischen Studentenor- 
gamsauonen eine Einleitung hält. Ganz zu schweigen davon 
daß dieser Vorgang sich anläßlich des 200jährigen Bestandes 
der hiesigen Uni abspielt. 

^ Un ’ dle , Tafel lst voli be setzt, ich habe es gelernt, am 
großen Tisch so unzweideutig zu reden wie am kleinen. Man 
braucht sich nur das Festprogramm anzuschauen, dann weiß ' 
man, wie die führenden Kräfte in dieser Umgebung Ge¬ 
schichte verstehen und welchen Standpunkt sie haben. Es ist 
bezeichnend, daß in der offiziellen Rückerinnerung »Berg¬ 
werke ausgebeutet« wurden. Von den Bergarbeitern, deren 
t^ial und Leiden durch die Ausbeutung ist nirgendwo die 
Rede. Vom Kaiser-Wilhelm-Schacht ist die Rede, aber nicht 
von den Klassenkämpfen der Bergarbeiter. Richtig, es ist ja 
alles längst vorbei - auf jeden Fall für die in den 20er Jahren 
aufgegebenen Schächte und Arbeitsplätze. Und die Arbeiter, 
die die Gegend zu wechseln hatten. Wenn sich aber eine Uni 
ihrer eigenen Geschichte und der dabei vor sich gehenden 1 
sozialen Prozesse zu erinnern versucht, so kann sich eine 
solche in der BRD, die die Rebellionsperiode mitgemacht 1 
hat heute nicht mehr ohne weiteres leisten, nur mit einem I 
und dann noch verblendenden Auge geschichtliche Wirklich¬ 
keit wahrzunehmen. 

An der hiesigen Uni ist es noch möglich, mit einem 
eigenartigen Auge zu führen. Oder zu verführen? Allerdings 
rücken die AStA-Dokumente, soweit sie mir zugänglich 
waren, die Existenz alternativer Standpunkte schon aus. Der ’ 


, rch gegebene objektive Widerspruch und Spielraum 
h darf einer politisch-aufklärerischen Mobilisierung. Ewas, 
bC erfolgreich nur über die unmittelbaren und potentiellen 
Interessen der Studentenschaft vor sich gehen kann. Nicht 
n ch künstlichen Proletkult, der mit der realen Sinnlichkeit 
der studentischen Welt nichts zu tun hat. Diese studentische 
^r e j t ist noch voll von vielen Illusionen, aber von dieser 
Realität hat die universitäre Aufklärung auszugehen. 

Eins ist somit klar: solange Widersprüche in der eigenen 
Institution, im eigenen Arbeitsfeld gegeben sind, solange 
bedarf es des Kampfes um ihre Beseitigung. Jeder dieser 
Kämpfe kann ein Moment der sozialen Emanzipation wer¬ 
den wenn er ein Glied in der Kette auf dem Wege der 
organisierten Umwälzung der spätkapitalistischen Gesell¬ 
schaft darstellt. Das ist nur möglich im Rahmen der dialek¬ 
tischen Spannung von »radikaler Reform« und »sozialer 
Revolution«, von »Nah-Ziel« und »Fernziel«, von »Konkre¬ 
tem« und »Utopischem«. Jede Fetischisierung der Reform 
landet in der undurchschauten Unmittelbarkeit und muß in 
sie tendenziell versumpfen. Was anderes ist die gegenwärtige 
BRD? Eine CDU-CSU-Führung wäre geschichtlich noch 
rückständiger. Jede Fetischisierung der Revolution, die die 
Vermittlung von Reform und Revolution in der »modernen 
bürgerlichen Gesellschaft« des Untergangs und Übergangs 
nicht systematisch berücksichtigt für eine sozialistische Al¬ 
ternative, wird mit den Herrschenden zusammen unterge¬ 
hen. Nun, die Studentenrebellion der 60er Jahre ist tot - ohne 
jeden Zweifel. Aber das Ende einer Etappe heißt nicht, daß 
der Kampf um die Realisierung der Sache der sozialen 
Emanzipation im Rahmen der Uni-Möglichkeiten und 
Schranken nicht mehr vorhanden ist. Darum sage ich als 
These zu den Studenten der zweiten Hälfte der 70er Jahre: es 
lebe die Studentenbewegung, die sich ihrer verändernden 
Lage, Rolle und Funktion bewußt wird, um sich an bevorste¬ 
henden Klassen- und Lagerkämpfen angemessen beteiligen 
zu können. Denn der »Kampf geht weiter«, darüber kann 
doch die gegenwärtige Situation in dieser Gesellschaft nicht 
hinwegtäuschen. Werfen wir doch bloß einen Blick auf die 
internationale Szenerie. 

Ja, der »Kampf geht weiter« - und da gab es am Grabe von 

141 


140 


f 

i 


Holger Meins kein Mißverständnis von mir. Allerdings 
machte dieser isolierte Satz eine denunziative Interpretation 
leicht möglich. Und wie die Geier stürzten sich diejenigen 
darauf, die seit langem schon in dieser Hinsicht »hochquali¬ 
fiziert« sind. Jeder, der meine Publikationen und Reden nur 
in etwa hat verfolgen können, der wußte, daß ich Geschichte 
als Geschichte von Klassen- und Lagerkämpfen verstehe und 
nicht als Geschichte von »großen Persönlichkeiten<, »großen 
Entführungen^ Attentaten usw. Ist ersteres eines der Grund¬ 
pfeiler des Marxismus, so ist letzteres Ausdruck bürgerlicher 
Denkstrukturen. Und zwar des niedergehenden Bürgertums. 
Hat doch das revolutionär-aufsteigende noch dem K. Marx 
den Begriff des Klassenkampfes beigebracht. So wie diejeni¬ 
gen, die die gesellschaftlichen Verhältnisse durch Stadtgue¬ 
rilla-Aktionen sprengen wollen, sich primär mit den gesell¬ 
schaftlichen Charaktermasken, den »großen Persönlichkei¬ 
ten« der juristischen und politischen Maschine anlegen, ihnen 
gegenüber verdinglicht fixiert sind, so glauben die herrschen¬ 
den Fetischisten der Sicherheit, die damit die bürgerliche 
Freiheit in den Eimer gehen lassen, durch einen Monsterpro¬ 
zeß in einem extra geschaffenen Kafka-Gebäude allen anti- 
kapitalistischen Widerstandskräften im Lande das Gruseln 
beizubringen. 

Aber da kann ihnen schon heute gesagt werden, daß die 
verschiedenen und durchaus differenzierenden sozialisti¬ 
schen, kommunistischen, jungsozialistischen und junglibera¬ 
len Richtungen, die antikapitalistisch geworden sind, den 
Prozeß gegen die isolierte RAF genau verfolgen und gegen 
den juristischen Abbau demokratischer Grundelemente ra¬ 
dikal protestieren werden. Ohne sich im geringsten falsch zu 
solidarisieren mit der RAF. Muß es uns doch mehr denn je 
primär darum gehen, die reale soziale Lage im Lande, die 
Sorgen, Nöte, Interessen, Bedürfnisse und Träume der 
Lohnarbeiter, Lohnabhängigen, Studenten usw. zum 
Grundkriterium sozialistischer Politik zu machen. In einer 
Phase sozial-ökonomischer Stagnation und tendenzieller 
politischer Spannung im Lande ist es von elementarer 
Bedeutung, den Lernprozeß des sich weiter anbahnenden 
Klassenkampfes systematisch vorzubereiten. Nicht mit Pi¬ 
stolen herumzuspielen, sondern sich die Waffe und Wissen- 
142 


schaft des Klassenkampfes als Lernprozeß in den Lohn- und 
Lebenskämpfen gegen das Kapital und seine Agenten im 
gesellschaftlichen Alltag anzueignen - das steht bei uns zur 
Debatte. 

Das Klima der Rechtswendung im Lande ist nicht zu 
leugnen, aber es täuscht durch den realen Schein der Bundes¬ 
und Landesregierungen. Wenn wir uns die Stimmung und die 
Wahlen in den Betrieben und Universitäten anschauen, so 
können wir wahrscheinlich eher von einer vagen Linkswen¬ 
dung sprechen. In vielen Großbetrieben mehr als in Univer¬ 
sitäten, wo linke Sektiererei temporäre Entpolitisierung in 
Teilen der Studentenschaft hervorgerufen hat. 

Nun stecke ich schon in der unmittelbaren Gegenwart und 
Zukunft, aber eigentlich will ich doch die zweite Hälfte der 
60er Jahre kritisch reflektieren. Jeder Rückgriff auf die 
Geschichte ist aber für einen kritischen Materialisten ein 
Nachdenken vom Standpunkt der Gegenwart mit ihren 
Tendenzen. Gegen jede Nostalgie und historische Träumerei 
von »alten Zeiten« ist solch ein Denken gerichtet. Wenden 
wir uns in diesem Sinne der Vergangenheit zu. Das Haupt¬ 
problem dabei ist, danach zu fragen, was für ein Ton, welcher 
Geruch sich damals gesellschaftlich ausbreitete. 

Wer sich nur daran erinnert, wie verhängnisvoll es für die 
deutsche Arbeiterklasse 1918 bis 1945 war, daß die Arbeiter¬ 
parteien die Klasse nicht darauf vorbereitet hatten, die 
Riesenmaschine der Wirtschaft in die Hand nehmen zu 
können, der wird das für die Gegenwart natürlich einsehen. 
Daß dabei der neue Typus der Intelligenz, die ökonomische 
und technische, für den heutigen Wirtschaftsablauf an Be¬ 
deutung zugenommen hat, ist ohne jeden Zweifel. Ein 
Prozeß, der schon in den 20er Jahren begonnen hat - in der 
Gegenwart durch Industriesoziologie und Industriepsycho¬ 
logie ergänzt wird - wird damit die Relevanz der Arbeiter¬ 
klasse von mir in letzter Konsequenz bestritten? Natürlich 
nicht. Das revolutionäre Subjektist durch die Veränderungen 
im Arbeitsprozeß komplexer geworden. Es ist ohne die 
Arbeiterklasse nicht zu denken, erschöpft sich aber weniger 
denn je darin. So wie der historische Umwälzungsprozeß der 
Produktion die »Relativität der Arbeit« (M. Prucha) unter 
kapitalistischen Bedingungen konstituiert, so begründet er 

143 


I 


die Relativität der Arbeiterklasse und schafft die neuen 
Bündnispartner für die Negation der herrschenden Verhält- 
nisse. 

Die Auswirkungen dieser Vorgänge auf die unruhigen 
Universitäten waren von denen, die mit der Rebellion 
begannen, nur äußerst diffus wahrgenommen worden. Die 
Vermittlung von Veränderungen im industriellen Arbeits¬ 
prozeß und Veränderungen bezüglich der gesellschaftlichen 
Rolle und Funktion der Wissenschaft und Technik in den 
Universitäten und technischen Hochschulen konnten von 
uns nicht wirklich wahrgenommen werden. Unsere studen¬ 
tische Daseinslage ließ das noch gar nicht zu. Das sich 
tpchnokratisierende und verwissenschaftlichende Kapital¬ 
verhältnis war uns noch ein Rätsel. 

Was hat sich eigentlich zwischen 1963/64 und 1966/67 an 
den Unis abgespielt? Zuerst muß daran erinnert werden, daß 
die >Uberbelastung< durch die sich erweiternde Studenten¬ 
schaft einen rapiden Anfang nahm. Die End- und Nach¬ 
kriegsgenerationen begannen sich besonders zu melden. Das 
war nicht verwunderlich, viel verwunderlicher war für viele 
Studenten, daß die »große Aufstiegsperiode« für die BRD 
keine einzige neue Universität gezeugt hatte. Nun ja, die 
Restaurationsperiode der CDU/CSU stand dem Kapital 
nahe und neue Anforderungen von seiten der Industrie waren 
noch nicht direkt gestellt worden. 

Die einzige Uni-Neugründung nach dem Ende des 2. 
Weltkrieges war die der FU in Westberlin. Jene anti¬ 
kommunistisch begründete Alternative zur Humboldt-Uni 
m Ost-Berlin. Wenden wir uns der FU zu. Im Kontext des 
sich entfaltenden »Kalten Krieges« wurde sie finanziell und 
ideologisch für lange Zeit von der US-Regierung gestützt. 
Eigenartigerweise erfolgte an dieser und keiner anderen der 
erste rebellische Durchbruch, War das nicht doch ein von 
Ost-Berlin lanciertes Unternehmen? An platten Denunzia¬ 
tionen solcher Art hat es nicht gemangelt, wir werden uns 
später dennoch ihnen widmen. 

Auf den ersten Blick trug die Struktur der FU einen 
ähnlichen Charakter wie die westdeutschen Universitäten. 
Die vermeintliche Einheit von Forschung und Lehre, die 
besondere Beziehung von Lehrenden und Lernenden und die 

144 


sogenannte »akademische Selbstverwaltung« standen im 
Mittelpunkt. Waren diese Beziehungen und Verhältnisse 
schon Anfang der 60er Jahre ambivalent, so gerieten sie am 
Anfang der zweiten Hälfte der 60er Jahre in eine Zerrei߬ 
probe. Gerade infolge der Vermassung und Vereinzelung an 
der Uni wurde der Mythos des Verhältnisses von Lehrenden 
und Lernenden usw. transparent. Aus dem elitären Verhält¬ 
nis wurde ein unvermitteltes, gewissermaßen eine Verhältnis- 
losigkeit. Die Professoren waren immer weniger in der Lage, 
den einzelnen Studenten kommunikativ wahrzunehmen, ihm 
in seinem Lernprozeß wirklich behilflich zu sein. 

Was bedeutete das nun für die Studenten? Um das in etwa 
beantworten zu können, ist es unerläßlich, etwas über die 
soziale Daseinsgeschichte derselben zu verlieren. Der größte 
Teil unserer Generation kam sozial aus dem Bildungs-, 
Groß- und Kleinbürgertum. Eine Schichtung, die trotz 
gewisser Modifikationen wohl auch noch gegenwärtig do¬ 
minierend ist. Der Anteil aus der Arbeiterklasse ist weiterhin 
gering, wohl besonders wieder infolge der neuen Krisenpe¬ 
riode. Unsere Generation war, wie die vor uns, mit traditio¬ 
nellen Bildungsansprüchen in das Studium eingetrecen. Das 
hätte aber allein eine Fortführung der »klassischen« deut¬ 
schen Universität garantieren können. Diese war aber schon 
im Mülleimer der Geschichte untergegangen bzw. war direkt 
dabei. Vereinzelung und Entfremdung waren in unserer 
Generation nicht mehr abstrakte Begriffe, die mit der unmit¬ 
telbaren Wirklichkeit und Sinnlichkeit nichts zu tun hatten. 
Sie drückten sie vielmehr aus. Und dennoch ist der universi¬ 
täre Begriff der Entfremdung nicht zu identifizieren mit der 
Entfremdung, die der Arbeiter in seiner Existenz als Ware 
Arbeitskraft erfährt. Wie universitäre Belastung nicht mit 
einer industriellen Belastung, die über die Ausbeutung 
vermittelt ist, gleichgesetzt werden darf. Die fundamentale 
Differenz zwischen Arbeitern und Studenten läßt sich bis 
heute noch immer über die Spaltung von primär körperlicher 
Arbeit und primär geistiger Arbeit festmachen. Infolge dieser 
in der bürgerlichen Gesellschaft fest gewordenen Arbeitstei¬ 
lung konnte sich das bürgerlich-intellektuelle Bewußtsein 
der Universitäten einbilden, sich jenseits des gesellschaftli¬ 
chen Seins mit seinen »Ideen« zu bewegen. Dabei drückt 


145 



Bewußtsein nichts anderes aus als »bewußtes Sein« (Marx), 
in welcher Tiefe oder Flachheit und Borniertheit auch immer. 
Und dieses jeweilige »bewußte Sein« wird begründet durch 
das je spezifische soziale Da-Sein. 

Werfen wir einen Blick auf das Studentisch-Intellektuelle. 
Dieses Da-Sein war in historischer Rekonstruktion ein 
Abenteurer-Dasein, wie das des Odysseus. Odysseus war 
Repräsentant des revolutionären Bürgertums im Prozeß des 
untergehenden Feudalismus und des aufsteigenden Kapitalis¬ 
mus. Das war noch eine reine Männergeschichte. Wo zwar 
die weiblichen Sirenen wie immer das Ziel der Lust sind, aber 
noch als Todes- und nicht als Lebens-Figuren in Erscheinung 
treten: Die Lebenssehnsucht wird als Todessehnsucht ratio¬ 
nalisiert. Im Epos ist es nicht von ungefähr, daß Odysseus 
sich als »Hörender« und Genießender am Mastbaum fesseln 
läßt, um nicht dem Gesang der Sirenen in dieser Gegend des 
Meeres zu verfallen. Als er in ihre Nähe kommt, von ihnen 
hört, wollte er unmittelbar in ihre Arme, um seine Träume zu 
realisieren. Aber er hatte sich schon vorher 'klugerweise* 
festbinden lassen. Lust und Masochismus fallen hier zusam¬ 
men. Ihr Schiff kann nicht zu den Sirenen fahren, »denn die 
rudernden Gefährten mit Wachs in den Ohren sind taub 
nicht bloß gegen die Halbgöttinnen, sondern auch gegen den 
verzweifelten Schrei des Befehlshabers« (Horkheimer- 
Adorno, Dialektik der Aufklärung). Die körperlichen Arbei¬ 
ter der bürgerlichen Urgeschichte wurden im Epos schon von 
Wissen, Forschung, Hören und Lust so weit wie möglich 
ausgeschaltet. Müssen sie doch gerade während der Fahrt in 
der Sirenengegend in den Schiffsrumpf, der symbolisch das 
spätere Fabrik-System ausdrückte. Interessant ist, daß der 
damalige Befehlshaber des Schiffes als einziger mit »verzwei¬ 
feltem Schrei« bei den Halbgöttinnen landet. Was ist das 
anderes als der Untergang des Feudalismus und der Aufbau 
der widersprüchlichen Einheit von geistiger und körperlicher 
Arbeit, während des Anfangs des Kapitalismus? 

Nun ist der Kapitalismus schon seit langem nicht mehr am 
Anfang, er wiederholt noch immer sein Ende. Es ist aber das 
Ende - und nichts anderes. Und gerade am Ende sind immer 
Momente des Anfangs zu finden. Das odysseische Dasein des 
Abenteuertums schien schon längst vorbei zu sein, als es 

146 


»plötzlich* wieder auftauchte. Und in einer ganz neuen 
historischen Situation. Damit meine ich die Studentenrevolte 
in der zweiten Hälfte der 60er Jahre. Wie das Kapitalverhält- 
n is die Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit 
vorangetrieben hatte, so begann dasselbe in seiner »rationa¬ 
len« Naturwüchsigkeit an die Auflösung und Neubestim¬ 
mung der Trennung heranzugehen. Und hiermit meine ich 
die sich damals anbahnenden Veränderungen der inneren 
Struktur und der Rolle und Funktion der Universitäten für 
das gesamtgesellschaftliche Kapitalinteresse. Die »erste Ge¬ 
neration der >Hochschulrevolte* «, um mit Peter Brückner zu 
sprechen, war in ein nicht durchschautes Doppelspiel hinein¬ 
geraten. Die neuen Ansprüche des technokratisch-wissen¬ 
schaftlichen Kapitalverhältnisses an die Uni, an die Studen¬ 
ten, an die Wissenschaft als Produktivkraft usw. fielen 
langfristig durchaus mit der studentischen Rebellion gegen 
die Ordinarienhierarchien objektiv zusammen. War damit 
die Rebellion schon seit Beginn ein grundlegender Fehler? 
Natürlich nicht. 

Die Jahrhunderte andauernde Ghettoisierung der Uni 
hatte bis in die Gegenwart durchgehalten. Wie konnte das 
durch eine isolierte Rebellion mit gesamtgesellschaftlichem 
Geplänkel in kurzer Zeit anders werden? Diese Etappe war 
ein erster tiefer Anschlag, konnte aber niemals siegreich sein. 
Die eigene soziale Lage der Studenten, ihr Interessenspek¬ 
trum und die Gesellschaftsstruktur im allgemeinen verhin¬ 
derten, und verhindern trotz mancher Modifikationen noch 
heute eine echte Einheit von körperlicher und geistiger 
Arbeit, von Arbeitern und Studenten. 

Anläßlich der 200-Jahr-Feier der Technischen Universität 
Clausthal-Zellerfeld 1975 hielt Rudi Dutschke diese Rede, die 
hier gekürzt wiedergegeben ist. - »Der Kampf geht weiter«: 
diesen Satz sagte Rudi Dutschke am Grab von Holger Meins. 
Meins war am 9. November 1974 in der Strafanstalt Witt- 
lich/Eifel an Entkräftung gestorben - nach achtwöchigem 
Hungerstreik, dem dritten der Gefangenen aus der >Roten 
Armee Fraktion'. Obwohl für Meins Lebensgefahr bestand, 
unternahmen die Anstaltsärzte nichts. 


147 


Sozialistische Tragödien bewältigen! 


Erinnerung 

Ist aus der Oktoberrevolution in den Jahren und den 
Jahrzehnten danach durch die Niederlage und Tragödie der 
internationalen Arbeiterklasse und durch die realen Vor¬ 
gänge in der UdSSR eine Komödie, eine Farce von »proleta¬ 
rischer Revolution« geworden? Kann man nicht inzwischen 
von einem hemmenden Relikt, vom »Betrug des Jahrhun¬ 
derts« (Glucksmann) sprechen? Machen wir es uns nicht zu 
einfach. Dennoch darf uns nichts daran hindern, in der 
Etappe der Sühne , um mit Tolstoj zu sprechen, in der Etappe 
der begonnenen Renaissance des kritischen Materialismus 
und der Klassenkämpfe der Arbeiterklasse mit ihren neuen 
Verbündeten gerade die SU genauestens zu analysieren. War 
es schon am Ende der 20er Jahre und erst recht in der Mitte 
der 30er Jahre problematisch, die SU als »Vaterland aller 
Werktätigen« zu begreifen, so ist es eine traurige Komödie 
-wenn die DKP-Führung in unseren Tagen »ungebrochen«’ 
die »Führung der KPdSU« preist und gleichzeitig vernebelnd 
»von einem freiwilligen internationalen Kampfbund von 
Gleichgesinnten« spricht. Die italienischen, spanischen und 
französischen Kommunisten wissen schon, warum sie den 
Führungsanspruch der KPdSU strikt ablehnen und die 
kompromißlerischen, an die KPdSU bindenden Taktik- 
Vorschläge der SED bezüglich eines Treffens der kommuni¬ 
stischen Parteien bisher ablehnten. 


Zum Verhältnis von Idealismus und Materialismus 

Es ist erschreckend und beschämend, aber wahr, daß 
konservative, bzw. reformerische Idealisten wie Solscheni- 
zyn und Sacharow an Wirklichkeitserfassung der SU-Ver¬ 
hältnisse zwischen den 30er Jahren und der Gegenwart mehr 
zu bieten haben, als die »Materialisten« der KPdSU, der DKP 
etc. Wären die kritischen Materialisten ohne die Arbeit von 
148 


A. Medwedew »Die Wahrheit ist unsere Stärke«, so 
üßten wir uns davor hüten, ohne Selbstkritik auch nur ein 
Wort zu sagen. Die Kraft und Stärke dieser politisch-histo¬ 
rischen Arbeit über die Entstehung und die Geschichte des 
halbasiatischen Staats-Sozialismus der Repression und Un¬ 
terdrückung (»Stalinismus«), die nach der Analyse von 
Trotzki über »Die verratene Revolution« der erste wesentli¬ 
che materialistische Beitrag ist, gibt uns trotz so mancher 
sozial-ökonomischen und begrifflichen Unklarheit die wich¬ 
tigsten Grundelemente, um das Buch von Sacharow ange¬ 
messen würdigen und kritisieren zu können. Man vergleiche 
bloß die Ausführungen in Sachen NKWD-Isolationshaft 
US w. bei Sacharow und die so wichtige Dokumentation von 
»amnesty international« über die Lage der Gefangenen in der 
SU mit der Medwedew-Analyse über die sich deformierende 
Oktoberrevolution, über den sich durchsetzenden »großrus¬ 
sischen Chauvinismus« mit Unterdrückung der nationalen 
Minoritäten. Die tiefe Ähnlichkeit und Kontinuität ist fatal. 
Auf der anderen Seite wäre es ein großer Fehler, die 
historisch-spezifischen Differenzen unbeachtet zu lassen. Ich 
stimme mit meinem Freund Heinz Brandt in den breitesten 
Zusammenhängen und Einschätzungen überein. Allerdings 
meine ich, daß Sacharow nicht nur erschrocken wäre, ein 
Sozialist genannt zu werden, er ist keiner. Warum nicht? Die 
soziale Emanzipation der »Unterdrückten und Beleidigten« 
(E. Bloch) mißachtet nicht die Erbschaft der bürgerlichen 
Revolution, der sozialistische Standpunkt erschöpft sich aber 
nicht darin. Sacharow fordert in seinem Lande radikale 
menschliche Rechte für die Lehrer, Mediziner, Intellektuel¬ 
len, Arbeiter, Alten usw., aber das Verhältnis von Kapitalis¬ 
mus und Sozialismus ist für ihn entschieden: den Weg 
Amerikas gehen. Dadurch werden die Forderungen der 
Erbschaft der bürgerlichen Revolution, die jedem Sozialisten 
und Kommunisten verflucht viel wert sein müßten, in die 
falsche Richtung getrieben. Diese problematische Abwei¬ 
chung des Bürgerrechtlers in einem Lande ohne bürgerliche 
Erbschaft kann uns aber nicht daran hindern, seine Gesell¬ 
schafts-Phänomenologie der SU ernst zu nehmen: »Verzwei¬ 
felte Menschen belagern die großen Wartezimmer der hohen 
Beamten und Funktionäre, von wo viele von ihnen - beson- 

149 


ders die Zudringlichen - geradewegs in psychiatrische Klini¬ 
ken abgeführt werden.« »Amnesty international« legt kon¬ 
krete Aussagen von Gefangenen vor, aus besonderen Ner¬ 
venheilanstalten, die offensichtlich die Aufgabe haben, jedes 
politische Oppositionselement eliminieren zu können, die 
menschliche Persönlichkeit insofern zu zerbrechen. Daneben 
wird in dieser Dokumentation der sexuelle Sadismus der 
Behandlung von vermeintlichen »Irren« durch NKWD-Me- 
diziner und Knechte deutlich. Und darüber muß sich die 
DKP-Führung im besonderen äußern. 


Kritisch-materialistischer Kampf um die konkrete Wahrheit, 
und sei das Resultat noch so dreckig 

Um die Kontinuität und Differenz der Mißachtung, der 
Verhöhnung von Menschenrechten in der SU historisch 
angemessen einordnen zu können, müssen wir den bisher 
eigentlichen Höhepunkt (1937 - 38) der Negation von 
Menschenrechten und sozialistisch-kommunistischer Be¬ 
freiung deutlich machen, Sacharows Buch kann über Med- 
wedew klarer werden: »Ein NKWD-Oberst zwang jeden 
Gefangenen, der zum Verhör gebracht wurde, gleich ein mit 
seinem Urin gefülltes Glas leerzutrinken. Weigerte sich der 
Gefangene, wurde er gleich an Ort und Stelle getötet. Suren 
Gasarin berichtet, was Soso Buachidse widerfuhr, dem 
Kommandeur einer Georgischen Division und Sohn eines 
Helden der Revolution. Als er die verlangte Aussage nicht 
machen wollte, schnitt man ihm den Leib auf und warf ihn 
sterbend in die Zelle.« Oder der Parteifunktionär Drobinskij 
sagte: »Es war Ljubowitsch, Altbolschewik, stellvertretender 
Vorsitzender im Rate der Volkskommissare der Republik. 
Vorsitzender vom Gosplan. Er hatte der ersten, von Lenin 
gebildeten Regierung angehört. . . 

Nun lag er hier auf dem Boden, man prügelte ihn mit 
Gummischläuchen, und er, ein 60 Jahre alter Mann, schrie 
>Mama!< « Noch eins: »S. O. Sasarian berichtet, der georgi¬ 
sche Kommunist David Bagration sei fünfzehn Nächte 
hintereinander gefoltert worden, ehe er zusammenbrach und 
unterschrieb. I. R. Alexachim erzählt, daß ein Funktionär aus 
dem Volkskommissariat für Schwerindustrie einige Monate 
150 


V 

aushielt. Doch als man ihn allein in eine Zelle warf, in der 
Wass er stand und wo es von Ratten wimmelte, trommelte er 
a n die Tür und schrie: »Barbaren! Schreibt was ihr wollt< und 

Unterzeichnete.« 

Medwedew geht so weit zu sagen: »Es ist ein grausiges 
paradox, daß die in der UdSSR lebenden westdeutschen 
Kommunisten starben, während die meisten jener, die 1937 
- 1938 in den Kerkern ihrer Heimatländer saßen, am Leben 
blieben.« Hoffentlich wird ihm nun nicht unterstellt, den 
deutschen Faschismus etc. zu verteidigen. Eine Frage sei 
gestattet: hätte Lenin, der 1922 von der »halbasiatischen 
Ruhmlosigkeit« im Lande sprach, die Übernahme der »alten 
Staatsmaschine« zaristischer Tradition beklagte, zum »gigan¬ 
tischen Widerstand« gegen die bürokratische Maschine auf- 
rief, die Jahre 1937/38 als höchsten Stand der Kulturentwick¬ 
lung Rußlands bestimmt? 

Der Altbolschewik A. W. Snegow schrieb in einem 
»Offenen Brief an MaoTse-tung«: »Inden 17 Jahren, die ich 
in Stalins Lagern und Gefängnissen verbrachte, ist mir kein 
einziger Konterrevolutionär vor Augen gekommen.« War er 
blind gewesen? Oder ist die Verblendetheit der Angespro¬ 
chenen in reale politische Blindheit umgeschlagen? Ich habe 
keinen Grund, einem Alt-Bolschewiken mit 17jähriger sinn¬ 
licher Erfahrung zu mißtrauen, ich habe vielen Grund und 
genug Erfahrungen, um den DKP- und KPD (Jung)- und 
KPD-ML-Führungen zu mißtrauen. Durch Methoden der 
Verklärung, Halbwahrheit und Lüge wird die Widerstands¬ 
kraft gegen die herrschenden Verhältnisse nicht gestärkt, 
sondern unterminiert. Darin lag die regressive Stärke der 
repressiven Maschine unter der Führung von Stalin. Durch 
den 20. Parteitag kam es drei Jahre nach dem Tod von Stalin 
zu gewissen, wenn auch sehr beschränkten Klärungen über 
i die Terror-Perioden und die Liquidation von Hunderttau¬ 

senden von Arbeitern, Bauern, Intellektuellen, Kommuni¬ 
sten usw. Eine volle Offenlegung der konkreten Wahrheit 
war offensichtlich nicht möglich, die ganze Führungsma¬ 
schine hätte gewissermaßen durch proletarische Justiz ver¬ 
urteilt werden müssen. Bis hin zu Chruschtschow. Und wo 
wäre eine proletarische Justiz gewesen? Nirgendwo! 

' Wenn eine Arbeiterklasse jahrzehntelang entmündigt 

151 



wurde, so bedarf es des Prozesses der Wiedergewinnung VOn 
Geschichts- und Klassenbewußtsein in der Arbeiten»«!“ 
bedarf es eines neuen Verhältnisses zwischen ArbeiterkW’ 
und Arbeiterpartei. Es galt die systematisierte Lüge ab"? 
bauen und sich der Wahrheit endlich wieder zu nähern £ 
ko mp Uzierter Prozeß, besonders in einem Lande, in wekht 
die Bolschewiki es me erreichten, die Parteimaschine von Z 
Staatsmaschine zu sepaneren, um mit Hilfe der Arbeiter und 
Bauern die Staatsmaschine tendenziell unter Kontrolle 2u 
bekommen und am tendenziellen Absterben des Staats zu 

Stellen wir die Frage: können aus nicht stattgefundenen 

sch? 8 T n r dle Verbrecher in Staats- und Parteima- 
, e S e S en die Interessen der Werktätigen Mut Vertrauen 
Aktivität der Massen entstehen? Ohne Prozesse JdSndl’ 
tige, nicht erpreßte Selbstkritik wird es keinen wirklichen 

Zl wl t De ?°- P * neita '« ™ ein ^schritt Z 

Un üZ d Z t BreSchnew J, St , hinter th » »*ht zurückgefal¬ 
len und das ist was wert , bleibt aber hinter dem Gang des 

internationalen Sozialismus und Kommunismus zurück Ist 

tt dTZZ de ? ! ' C dabd - diG Halbtli 

kr ten W T T“ ZU Überlassen und in der kon¬ 

kreten Wahrheit die politische Möglichkeit zu sehen die 

eSrnm “ d Ab - be ™S cler Massel Zu 

Sacharow klingt einsichtig: »Obwohl die Lautsprecher 

daß er der H™ T S ° w J etJScben Bürger einhämmern, 

vöL dJi '-lTu Z nS S ° be S re * ft dieser doch 
olhg, daß die wirklichen Herren des Landes jene sind, die 

morgens und abends in gepanzerten, schwarzen Limousinen 

urch ausgestorbene und abgesperrte Straßen dahinjagen Er 

hat nicht vergessen . . . Großvater entkulakisiert. . . entei? 

L T m WClß ’ daß aucb heme noch sein persönliches 
Schicksal volkg vom Staat abhängt, von unmittelbaren oder 

mi teuren Vorgesetzten ... und möglicherweise von dem 

S D?] ?, ^ arbeitenden Informanten des 

KGB « Daß den Werktätigen unter solchen Bedingungen die 
.Wahlen ohne Wahl, eine Erniedrigung sind, eine EntpoT 
g verursachen - ist das so wenig einsichtig? Sacharow 
nennt es eine »Verhöhnung des gesunden Menschenverstan- 


152 


d der menschlichen Würde. Und doch: er wird 
deS Un rt und er läßt sich dressieren, um zu leben.« Als ich 
dosiert, ^ der Leninsche Satz vom »asiatischen 

uf d - e Persönlichkeit« durch den Zarismus in Erin- 
Hohn au ^ eine Kontinuität, aber erst recht eine 
Nur diejenigen, die die historischen Wellen der 
LA.*« „ .9. und 20 J.huhunden 
Ut verfolgt haben, können davon quatschen, daß die 
JJrieen Verhältnisse in der SU schlimmer sind als zur Zen 
^ Zarismus. Wie auf der anderen Seite die Kontinuität der 

Knechtschaftsverhältnisse in diesem Lande, den »Hohn auf 
die Persönlichkeit« nur diejenigen mißachten können, die 
Jeder die revolutionären Sprengungen dieses Hohns, noch 
die Metamorphosen der alten Scheiße in höherer Form nach 
der Erniedrigung und Zerstörung der Ziele der Revolution 
nicht sehen wollen. Solschenizyn und Sacharow haben diese 
revolutionären Durchbrechungen des Hohns nie gesehen 
oder anerkannt, vertrauen darum fälschlicherweise auf einen 
amerikanischen Weg. Und begreifen nicht, wie die Zerset¬ 
zung der Menschenrechte in den größten Teilen der Welt 
täglich vor sich geht, und Amerika beileibe nicht ausgeschlos¬ 
sen ist. Heinz Brandt weist richtigerweise auf den Satz hm: 
Die Internationale erkämpft das Menschenrecht. Wenn es 
nun aber seit Jahrzehnten keine Internationale der Arbeiter¬ 
klasse mehr gibt, wenn diese Klasse und Kommunisten und 
Sozialisten verschiedenen Typus keine Einheit der Brüder¬ 
lichkeit- Schwesterlichkeit darstellen, wie sollen dann die 
Menschenrechte besser abgesichert werden? Daran zu arbei¬ 
ten ist unsere Aufgabe, die Spaltung der Arbeiterklasse zu 
durchbrechen ist unerläßlich. Aber nicht über den »guten 
Willen«, sondern durch schwere Erfahrungen in den Klas- 
tpr- und Laeerkämofen wird das vor sich gehen können. 


Ein Wort zum Verhältnis von Frieden und Krieg 

Ein Krieg in Mitteleuropa würde uns mit Sicherheit 
diesbezüglich in die Eiszeit zurückwerfen. Und nun komme 
ich zu einem besonders heiklen Punkt des Sacharow-Buches. 
»Es gibt keinen Zweifel daran, daß wir nicht die höchste 
Arbeitsproduktivität der Welt haben; es besteht nicht einmal 

153 


die Aussicht, in absehbarer Zeit die entwickelten kapitale 
chen Lander einzuholen. Was wir haben, ist eine dauert 
Militarisierung der Wirtschaft, in einem Ausmaß, das (ü 
Friedenszeiten unerhört hoch, für die Bevölkerung schw 

2U tr , ag ? n . und für die Welt gefährlich ist.« Ist Sacharow 

: .n Anhänger der KPCH ? Aus dem Buch ist es Jch^I 

Er sagt eigentlich nur etwas, was Brecht als kritischer 
Materialist und Schüler von Karl Korsch vor dem Angriff d es 
deutschen Faschismus auf die SU so formulierte: »Durch die 
JT 8 1St , daS ™ ssische Proletariat notwendigerweise 
schwer zuruckgeworfen worden.« Sozialistische Produktion 

Wenn *d ^ gcgenubcr wic Jesus und der Teufel 

Zn Gründl Ir"”’ Und 3US besonders uneinsichti- 
Odef? d * S ° bklbt vom Sozia]i ™ schwer was übrig. 

Es ist ein makabrer Witz, wenn die KPdSU-Fühmng von 

von 4 o/ eigerU u g der , Scbwer - und Rüstungsindustrie für 1976 
von 4 A spricht und die Konsumgütererhöhung mit 2 7 % 
abgefertigt wird. All das reicht aber nicht a5s, der SU 

™ Wenn 

Strauß und Dregger wieder an die Hebel der Macht kämen 

wäre ich mir der Gefahren von denen und deren Kapital- 
Agenten viel sicherer. Daß die SU für die Sozialisten und 
Kommunisten m Westeuropa dennoch ein gefährlicher 

Sname“ T r ‘ ^ FÜW dGr K ~nistischen Partd 
Spaniens der Genosse Carrillo, mal so formuliert: »Wenn die 

tahemschen Kommunisten in die Regienmg eintreten, wenn 
n Spanien die Linke vorankommt, wenn in Portugal die 
Konterrevolution scheitert, dann wird ganz Westeuropa zum 

Schluß?! dCr Weltarbelterbew egung.« Und eine seiner 
Schlußfolgerungen ist: »Wir können nicht ignorieren daß 

dlß die Volk d m \ SOrgC bet T htCt WlVd ' • ' Kein Z^fel, 
tl; * Volksdemokratien mehr und mehr auf die europä¬ 
ischen Sozialismus-Modelle blicken werden.« P 

Das ist weitblickend und realistisch, bedarf aber von 
Etappe zu Etappe der besonderen Analyse. Die Bemerkun¬ 
gen über Kriegsgefahren will Ich aber hier erst mal abbrechen 
und nach den erfolgreichen oder dahinvegetierenden Ver- 
andlungen über Abrüstung in Mitteleuropa sollten die 


154 


pn un d Kommunisten das Verhältnis von Frieden 
So fi l !- e£ nicht mehr so abtun wie gegenwärtig. Ohne jemals 

U n den Vaterlandsverteidigungsbetrug zu gehen. 

Verschiedene Tendenzen in SU und DDR 
u riht z B sich gegenüberstehende Tendenzen der SU 
j S R in der DDR- Der KGB-Chef Andropow sagte: 
n er Westen schiebt uns bourgeoise Ideen unter und ver- 
’ D f t kapitalistische Sitten und Bräuche in unser Milieu 
SUC führen « Dagegen sagt »Literaturnaja Gaseta« (Litera- 
“H^itung) die wichtige Kraft der (offiziellen) Ohnmacht 
a Intelligenz, Über den »demokratischen Pluralismus« in 
Portugal »Licht am Ende des Tunnels«. Wie sehr sich das auf 
sowjetischen Verhältnisse bezieht, kann nur ein Idiot 
••Hersehen. Wie diesbezüglich die offizielle Macht-Linie ist, 

U ete uns die DDR vor kurzem im Radio: »Pluralistische 
Demokratie ist nichts anderes als Kapitalismus.« Die »Frei¬ 
heit des Andersdenkenden« (Rosa L.) darf also offensichtlic 
noch immer nicht nach vorne kommen, muß noch immer 

denunziert werden. 

Aber die fast vollbrachte Zulassung einer Reise des Genos¬ 
sen Wolf Biermann nach Offenbach zu einer anti-frankisti- 
schen Veranstaltung und die vor kurzem erfolgte Veröffent¬ 
lichung der Erzählung des Genossen Volker Braun m »Sinn 
und Form«, die »Unvollendete Geschichte«, weisen darauf 
hin daß die demokratischen Elemente sozialistisch-kommu¬ 
nistischen Typus innerhalb und außerhalb der KPdSU und 
der SED an Widerstandskraft gewonnen haben, - ohne diese 
kleinen Punkte im geringsten hochzujubeln. Dazu gibt es 
keinen Grund. Volker Braun läßt aber nicht umsonst die 
Karin in seinem Text über das Buch von Plenzdorf sagen, an 
den Kern des Problems für den Menschen in der DDR ist er 
nicht vorgestoßen, an ihn vorstoßen, beinhaltet nämlich 
einen inneren Riß durchzumachen. Es kommt zu dem 
eigenartigen Telefongespräch zwischen Karin und ihrer 
Mutter. Der Bruch zwischen Vater und Tochter, der Bruch 
zwischen Parteimitglied und Oppositionellem wird aufheb¬ 
bar: Karins Mutter sagte, »der Vater sei eben wieder losge¬ 
gangen, in die Kneipe, wo er mit allen möglichen Leuten sitze 

4 r e 


und sich unterhalte ... Es sei mit ihm was Vorgehen 

luei* T SlC W1SSe nicht > was noc h aUes werde Er 
zu «was fah lg , was sich keiner denkt.« Die Stasi der d5 

ithe O ClfUhrUng U e d Viek Mit S Keder u "d die außenS’ 
hche Opposition stehen in Diskussion darüber 

D S' Ch d “ h ‘ er erzähIe? Ga « 2 einfach. Weber von d er 
. . ' Fuhrun g hat vor wenigen Wochen in äußerst ° 
ziativer Weise die Genossen Havemann 
Burgerrechtler Sacharow als Einheit und ohne SSID? 
ferenzierung zu Agenten des Kapitals ernannt und schall ' 
beleidigt. Ems war aber daran richtig, er hat die veicS 

3e^ S,tl ° n f Einhek geSChen - Muß das a bcr nichj 
gerade für uns m der BRD und West-Berlin bedeuten in, 

Rahmen einer Diskussion über die SU und Sacharow d 
Diskussion über die DDR, Biermann, Havemann Brau' 
usw nicht aus dem Auge zu verlieren? Und die Elbe ist un” 
durchaus näher als die Wolga. uns 

Mit diesem Text beteiligte sieb Rudi Dutschke an einer 
Diskussion über den Fall des sowjetischen Dissidenten AndZ 
Sacharow, die sich über mehrere Nummern der Zeitschn t 
>das da, erstreckte. Das Buch Sacharows, das im Text 

WeltT^WknlmLZ^^Gh” * MeinLandundd * 


Rudi und Polly Dutschke, im Garten der Gollwiczers (1972) 



> 


■ lnte rnaüonalisierung der >Stammheime< 

P * f dem Pfingstkongreß des »Sozialistischen Büros«, 

( junfl^ inFrankfUrt) 


i i „ Phantasie, fast Phantasterei, viel Träumerei und 
Un konkret-utopischer Real-Traum sind in so manchen 
* en ‘? n zu hören gewesen. Darum scheint es mir notwen- 
ßeitragenzu^ Rahmen der objektiven Möglichkeit 

d L SZ s U enhaft überschreitenden Schwung in den realen Dreck 
pbrasenha Tendenzen zurückzukehren. Um 

überhaupt^ennessen zu können, was die konkrete Negation 

^DrtntTatbnaü^er'ung der Stammheime der Repres- 
• des Versuchs der Brechung von Widerstand m so vielen 
Ta * mTt verschiedenen gesellschaftlichen Namen ist so 
deuttch wie die Schwäche der internationalen Solidarität. 
Tanz zu schweigen von dem extrem unterentwickelten 
Klassenkampf auf deutschem Boden. Stellen wir uns die 
Frage: ist nach denVerträgen von Helsinki, den Erklarungen 
der herrschenden Regierungen in den einzelnen Landern eine 
Zunahme der realen und nicht formalen Beachtung der 
Menschenrechte spärber geworden? Ist d,e Enup»n»ng 
gewachsen oder kann eher von einer tendenziellen Zunahme 
der Spannung die Rede sein? Amnesty international hat 
gewissermaßen schon eine Antwort auf diese Fragen gege 
ben Eine Zunahme und nicht Abnahme der vollen Anerken¬ 
nung der Menschenrechte wird konstatiert. »Erst kommt das 
Fressen und dann die Moral«, diese Brechtsche Unterschei¬ 
dung ist so nicht mehr zu halten, besonders nicht in Landern 
in welchen eine herrschaftlich konstituierte »Armut des 
Geistes« die traditionelle Armut schon längst überwunden 
hat bzw durch traditionelle Armut (Arbeitslosigkeit usw ) 
ergänzt wird. Zwar haben sich Marx und Engels voller Spot 
und Hohn über die bürgerliche Moral ausgelassen, abe die 
proletarische Moral des Menschenrechts, welches durch 
Klassenkampf und Solidarität zu erkämpfen sei, me aus dem 

157 



Auge verloren: »Die Internationale erkämpft das 
recht.« Weder die erste, noch die zweir« 7 a a • nsc he«. 

tionale sind in dieser Hinsicht wirk!' h ,7) rute Interna. 

das Prohlem und die Aufgabe bleibt'bestfhef 61 

DaseinslagTckrMenschen^’n Tn ^ SitU . ati ° n ’ 

anders läßt sich der GraH n ^ngnissen. Nirgendwo 

eindeutiger fassen r S“«ahlichen E„„°cU„„g 

Säst ^ tr ^ äs £ 

Wten stehen £& 

»internationale Öffentlichkeit« in’dVr WesT 7 ’V“ 

langst wieder «beruhigt. Wir h u Ü West 'Zone schon 
schauen und ™ eu 

anzuschauen, auf welcher ein Pi u [ ei ” er Konferenz 

der eigentliche Vertreter d n ° cket slcil aufspielen darf als 
diesem Lande. Nachdem zf.T dem ,° kratische " Rechte in 
dien worden sind 71.7 2l f ta J Usende vo « Menschen iiqui- 

hanncrsich j v7«LT f' J,eH '™‘-Wscnmuß«„, 

£ und sagen.- 

Bischofs Frenz die Laie " , AuSWeisun S des deutschen 
wird weiter gestöhnt fließr ^ In den Gef ängnissen 

gefeiten, wifd a ts g^n Z* '^ ****** 
andere Formen von Wide ' a rCV ° UtIonare ’ zivile oder 

“ k «” ki« und her, rs r»“ U " d d>Sibt 

Bündnispolitik betreibt, ob die DDK £“d ”"i T““' 1 “' 
Junta Kupfer kauft ob in d* n j , der Fernsehen 

Pinochet-Anhänger'seine D *" ^ , esWekr ein chilenischer 
kiesen Fällen J ld di " IT" ^ h *“ 

-Füßen getreten und nai t Solidarität mit den 

Bundeswehr erhebt keinen'^ 7"' ! . Ucres ^ en untergeordnet. Die 
anderen ist das aber der Fall V l” Ans P ruc B, bei den 

immer, sozialistische öffentlichem urt^W 7,^7" 3Uch 

SrirDmek7atie B z e u St einfrF le ’ “ 'j 

^ndVerneb^^ 


158 


Höhepunkt, wenn ein Vertreter des US-Imperialismus 
elI Rockefeller - hier im Lande von der »amerikanischen 
' m0 jiraüe« und vom »sowjetischen Imperialismus« redet. 
tj gekehrt der selbsternannte Marschall Breschnew von der 
sozialistischen Demokratie in der Sowjet-Union« spricht, 

* - t der anderen Supermacht primär zusammenarbeitet und 
'ekundar diese kritisiert, ln diesem systematischen Durch¬ 
einander sich als Sozialist und Kommunist revolutionär- 
demokratischen Typus zurechtzufinden und einen der kon¬ 
kreten Wahrheit angemessenen Klassenstandpunkt zu bezie¬ 
hen, ist in der Tat nicht leicht. Von dieser schwierigen und für 
die Befreiung unerläßlichen Aufgabenstellung Abstand zu 
nehmen, würde bedeuten, sich mit Moskauer oder Peking- 
schen Verkürzungsanalysen, mit Legitimationskategorien 
zufriedenzugeben. Der linken Sektiererei mit Religions- 
Struktur wären damit Tür und Tor geöffnet. Als dialektische 
Materialisten, als kritische Materialisten, haben wir die 
Aufgabe, den jeweils spezifischen Realgehalt der gesellschaft¬ 
lichen Situation des Menschen herauszuarbeiten. Dabei in 
der Oberfläche steckenzubleiben, ist uns nur zu bekannt. 
Auch meine Aussage über Chile ist durchaus nicht über 
einzelne Punkte hinausgekommen. Aber hier mangelt es 
nicht an sorgfältigen Analysen, die in deutscher Sprache 
zugänglich sind. 

Etwas detaillierter will ich es nun an einem anderen 
exemplarischen Beispiel versuchen, es geht um Gefängnisse 
in Landern des »Warschauer Paktes«. Eine gesellschaftliche 
Formation, über die so manche von uns doch lieber schwei¬ 
gen oder als »sozialistische Ubergangsgesellschaft« hinneh¬ 
men bzw. über einen unkritischen Solidaritätsfetischismus 
legitimieren. Wir haben in den verschiedensten Beiträgen viel 
über die Unterdrückung, Beleidigung und Repression in den 
»West-Zonen« gesprochen, jetzt geht es darum, die Formen 
der Isolation der Opposition in den »Ost-Zonen« genauer zu 
betrachten. Denjenigen, die sagen, die beiden Systeme haben 
wesenhaft nichts miteinander zu tun, kann ich kurz mit G. 
Lukäcs antworten: »Beide großen Systeme: Krise«. Dabei 
hebt er die besondere Bedeutung des »echten Marxismus« 
hervor: »als Kritik des Bestehenden«. Kritik all der Verhält¬ 
nisse, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ausgebeutetes 

159 


und von sich selbst entfremdetes Wesen ist. Und wenn m 
nun verfoigt, was sich real in den Gefängnissen der Sujj 
der CSSR mit Oppositionellen abspielt, so muß das für jed,^ 
frecht und nicht gekrümmt gehenden Sozialisten und 
Kommunisten ein ausreichender Grund sein, um mit de 
Kritik des Bestehenden nirgendwo zurückzuhalten u * 
berhaupt einen Wahrheitsanspruch aufrecht erhalten 2 ? 

können T* h“ , emanzi P iert gegenübertreten Zu 

können. An diesem Punkt nicht einen einzigen Meter 

preiszugeben der Konterrevolution im eigenen Land, gerade 
um m der BRD und West-Berlin die Sozialismus? 1 
wieder massenmäßig klar und unzweideutig stellen zu kön 

r APO begriffen Auch wenn da ein gewisser Aufschwung 
leder posmv und hoffnungsweckend feststellbar ist. Jedem 
DKP-Genossen jeder DKP-Genossin, die dem Berufsverbm 
untenvorfen smd, die Solidarität anheimkommen zu lassen 
muß so eindeutig sein wie die Kritik, wenn dieselben 
ossinnen und Genossen das Berufsverbot des Genossen 
-T™?", 111 der DDR oder das Tausender in der CSSR für 

DKp S F h ^ Cn ' ZU ScilWci ^ en von den Geologen der 

-Führung, die die Unterdrückung von solchen Oppo¬ 
sitionellen und Reformkommunisten nicht nur hinnehmen 
sondern nur zu schnell bereit sind, andere Positionen, die sich 
mcht instrumentalisieren lassen, zu denunzieren. Man erin¬ 
nere sich bbß der DKP-Presseerklärung gegen Wolf Bier 
mann vor einigen Monaten. (...) S g 

Ud^S e R*u T teS ? 3nkhe i t<<J L die °PP° si donellen etwa in der 
UdSSR unterstellt wird, bzw. der systematische Versuch 

Oppositionelle zu »Geisteskranken« in Gefängnissen wer- 
en zu lassen, ist nichts anderes als der Versuch der Ausschal- 
ng er jungen Opposition. Jeder subversive Widerstand 
soll zu brechen versucht werden. So wie Solschenizyn als 
konservaüver Idealist nicht zu brechen war, so wenig gelang 
das offensichtlich mit Pljuschtsch. Sich als Kommunin und 

d^TaTeT O ^ Hat ^ Un$ kkre Betreibungen 
der Lage der Opposition in den SU-Gefängnissen gegeben 

d ? Beg v ff l~| F ° ter * Und >>Isolati °nshaft« werden den 
rtigen Verhältnissen gemäß definiert: »Ganz offensichtlich 
kann man als Folterung qualifizieren: die Isolierung in kalten 


160 


rn eine Ernährung, die einen halb verhungern läßt, 
Pf’ aller medizinischen Versorgung. Unter gewissen 
det Uhe kannten Isolierungsbedingungen geben die Wärter 
*' oh • Tage kaltes Essen, anstatt ihnen die tägliche halbe 
^ e ee ben. Schließlich werden ihnen warme »Lebens- 

wenn ich sie mal so nennen darf, verabreicht«. Er 
m ' tte ttelt Erfahrungen, die nicht mehr als »antikommumsti- 
V ’TSchauermärchen« abgetan werden können. Besonders 
SC ui darum weil nun auch westeuropäische kommumsn- 
Parteien seit der Okkupation der CSSR durch die 
TVuopen des »Warschauer Paktes« nicht mehr bereit sind, 
Esch zuzuschauen, was sich in diesen Ländern der 
U Rniderparteien« abspielt. Es würde nämlich verhängnisvoll 
tf sie Zurückschlagen. Die tiefe Kluft zwischen einem 
1 demokratischen Kommunismus« und einem »despotischen 
Kommunismus« wird immer deutlicher. Der »Brief der 
Familienangehörigen politischer Häftlinge an Präsident Hu- 
sa k« vom März 1976 ist dafür ein Lehrstück. Es geht um die 
- j er CSSR wegen sozialistisch-kommunistischer Tätigkeit 
verurteilten Genossen Müller, Hübl, Sabata und Tesar. 
Fassen wir die Lage der Gefangenen zusammen, soweit das 
überhaupt hier möglich ist: Wann dürfen diese politischen 
Gefangenen ihre Zellen verlassen? 1. Wenn sie mit ihren 
jeweiligen kriminellen Mitgefangenen täglich für 40-50 Min. 
zum »Freiluftaufenthalt« kommen; 2. Einmal innerhalb von 
sieben oder zehn Tagen darf jeder für je 15 bis 30 Min. baden. 
3. Einmal innerhalb von zwei Wochen in eine Zelle mit 
Fernsehapparat. 

Und wie ist es mit dem Besuch? Die politischen Gefange¬ 
nen dürfen die nächsten Verwandten im Abstand von drei 

Monaten »empfangen«. . . 

Was ist den Genossen - im Gegensatz zu den »Kriminel¬ 
len« - nicht gestattet? Es ist nicht gestattet die »Teilnahme an 
Interessengruppen, Teilnahme an kulturellen Aktionen, wie 
es Film-Musikvorführungen sind, Ankauf von Büchern in 
einer fahrbaren Verkaufsstelle, Möglichkeit der Buchauswahl 
aus der Gefängnisbibliothek, Möglichkeit der Lektüre und 
des Bezugs von Zeitschriften aller Art, Teilnahme an Vortra¬ 
gen, praktisch tägliche Teilnahme an Fernsehvorführungen, 
Teilnahme an Sportaktionen, Besuch der Kantine und Ein- 


161 


kauf nach Wahl, Teilnahme an der Selbstverwaltung, f reie 
Zugang zum Ausgeh-Hof in gewissen Stunden, Zugang z u l 
elektrischen Kocher, beispielsweise zum Teekochen Mö^ 
kchkeit des Studiums, beispielsweise fremder Sprachen odt 
nes gewissen wissenschaftlichen Faches, freier sozial' 
Kontakt mit mehreren Einzelpersonen in der Umwelt de s 
Lagerlebens, geringere Arbeitsnormen.« * 

Ja, Genossinnen und Genossen, ein politischer Gefangener 
J.rf mch, Marx, Engel,, Lenin erhaleen. 

wSu h P k Cr '“ 1 ' ct ” s ein ras!lscht! 
erbuch zu bauen, Sabata ein englisches. Um ihr Gehirn 

wenigstens auf d ese An und Weise anstrengen zu könnt 

Beides wurde ihnen entzogen. Die einzig zugänglichen 

riefe, die Famihenbriefe, unterliegen nicht nur der totalen 

ontrolie, sie werden auch nur dann ausgehändigt wenn es 

den Zensur-Knechten paßt. Offiziell wird gesagt- »Es wer- 

den^angesichts der Möglichkeit einer doppelten Auslegung 

dX'Tbef' '' U t T ne< literarische Genr « wie einige Ge 
■ . ! ’ F , beln ' A pdonsmen, Sprichwörter und ähnliches 

der Söhfe d Cn r ^ durfte der Brief «ner 

T d Gefan S enen mit seinen Eindrücken über 

»Jugend des Heinrichs IV« von Heinrich Mann den Vater 

bS™' D L er ‘‘irr ? b !“ w ' bi 

von 1973. »Lies Dir die >Bnefe aus dem Gefängnis« von 
Gramsci durch. Aber Du solltest keine falschen Vergleiche 
daraus ziehen. Ebenso nicht aus den Erinnerungen von N 
Krupskaja an Lenin, wie er in der Verbannungen SiHrien 

wie e ihmdieM n l S ^ RußJand<s <=hrieb und 

w e ihm die Moskauer Universitätsbibliothek Auslandslite- 

ratur besorgte und sie ihm in das Dorf Schuschenkskoia 

noch S tr kte ' << S hab£n WrSchon mitbekommen. Es wird 
noch Harer, wenn wir einen Blick auf die medizinische 
Behandlung der Gefangenen werfen: »Dem kranken h£! 
ng werden Antibiotika verschrieben, die er selbst einneh¬ 
men soll, es wird ihm jedoch ein Wecker oder eine Uhr 

rE 1 ' t B p SrU u ndUnS ’ daS Zei dntervall soll er 
Die Verwandten der politischen Gefangenen sagen darum 


162 


- hrer Dokumentation: »Es wurden raffinierte Methoden 
* n 1 di e man mit der Einweisung eines gesunden Men- 
#7 i n 'ein Irrenhaus vergleichen kann, die vergleichbar sind 
sC . e "; ne m Wassertropfen, der regelmäßig auf den Nacken des 
V* 1 urteilten fällt und den Wahnsinn hervorruft«. Es geht um 
y Brechung der menschlichen Persönlichkeit, um die 
Brechung des aufrechten Gangs von Sozialisten und Kom- 

^Von Land zu Land unterscheiden sich die Versuche der 
Herrschenden in der Brechung des politischen Widerstandes 
in Nuancen und Formen, der jeweiligen gesellschaftlichen 
Klassenkampflage entsprechend. Aber es geht ihnen immer 
um das gleiche: eine befreiende Veränderung der gesellschaft¬ 
lichen Verhältnisse zu verhindern. Beim Lesen des Briefes der 
Tschechoslowaken dachte ich sofort an Stammheim auf 
westdeutschem Boden, wurde mir die Nicht-Identität, Ähn¬ 
lichkeit und Differenz durchschaubar. Ich habe immer die 
RAF-Politik grundsätzlich abgelehnt, aber das hinderte mich 
nie, jene Solidarität ihnen gegenüber auszudrücken, die 
unerläßlich ist, um überhaupt einen Begriff von kritischer 
Solidarität ernst nehmen zu können. 

Zum Schluß noch ein Wort über die politischen Konse¬ 
quenzen, die sich aus den Verhältnissen in Ländern des 
»Warschauer Paktes« für uns ergeben. Die gemeinsame 
Erklärung auf der »Konferenz der kommunistischen und 
Arbeiterparteien Europas« in Ost-Berlin kann nicht darüber 
hinwegtäuschen, daß viel eher mit einer ideologischen Zu¬ 
spitzung des Konflikts zwischen dem demokratischen und 
despotischen Kommunismus zu rechnen ist. Wie überhaupt 
die chinesischen Kommunisten die Auseinandersetzungen in 
dem bis 1968 schier geschlossenen, von Moskau bestimmten 
Block der KPen mit äußerster Genauigkeit betrachten. Neue 
Bündnismöglichkeiten sind da nicht auszuschließen. Die 
Neue Linke muß sich darum bemühen, diese sich andeuten¬ 
den neuen Prozesse nicht nur wahrzunehmen, sondern nach 
den Bundestagswahlen politisch-organisatorisch zudiskutie- 


163 


Subkultur und Partei 

(Fragen der Organisierung) 


Un , d ^ erwertun gschwierig. 
sehen Ländern kapit3li ^ 
und intellektuelle Reservearmee U trc " nen '^ le '^»rieik 
nächsten Jahren mit großer wZsZifuZ . '* ^ 
wie der historische Lwälzu^sXÄ^ S ° 

lich-technischen Revolution« in der Prod, W * W ? Sen l cha ^ 
vitat der Arbeit« (M Pruchal i ■ ^ 10n dle “Täti¬ 
gungen konstituiert 'so betrünX ? lt i 1S , tis . chen Bed «- 
traditionellen Arbeiterklasse F ^ f *"( ^ ^ eadv ' enm g der 

letzter Konsequenz. Ein niehr >r .° leta F lslenin g in 
der Prozeß. Die Erweiterung der H f imAnfan 8 «^en- 
verschiedensten geseilscha/tlfrh rolet ansierung i n den 
Zweifel auch eine erwerW V P ^ ^ ohne 
sich, die diesem erneuten fnemgen mit 

folgen wollen bzw TcZ LY l ™'?.™ 1 * nicht 
stellt, ist, ob gerade durch die 1 Frage ' die sich 

objektive Möglichkeiten ah r ^ . a P Ita hstische Auslese neue 
Entfaltung der Subjekt-; 1 .. e . natiVen ^ ase ms, cmanzipative 
ben der Stalen ^me d 8eseI ^Ähen AUtagsIe- 
Seicht die Existenz von cTs® TO £ 

Ohne zStto «fST* “ h ™ *«■! 

den Fingern abzahlbaren W U menta f e ^dferenz zu den an 

»-Ab,, fa „ Hi,™, 0 ° fc 8 r“ 

Subkultur mit ihren Versuchen der ErobTX M 
nun g sozialer Selbsttätigkeit scheint m ■ - T g ’ Neu & ewm - 

sein, um das Jhoble f d cr R f ausreichcnd ™ 

kapitalistischen UntiX t * Beft ; eiun S« ™ Rahmen der 

ietf „ 

Sch&& -* *■*-* SÄtäsa 

xo4 


c a i| auf den zweiten ist natürlich der Kapitalismus 
aü { jeden .*“* Ghettos in verschiedenster Form zu ermog- 
fäbig> b ^ U v ee scheint mir zu sein, wo seine immanenten 
liehen- D> 8 ^ e sie an gemessen sprengbar oder damit 
Grenzen sm , ^ ^ hier nicht möglich, ausführlich 

ürl sprengO Nur e i ns scheint mir internationa und 

da rauf e>nz 8 eideutig zu sein: Solange die Rüstung keine 
nat ‘°u*ffunz erfährt, ist jener Frieden, der unerläßlich ist, um 
AbS df Xgsleben die soziale Befreiung zu ermöglichen 
* ber m Won Vergessen wir nicht, die Bundeswehr hat nicht 
ein ® 1 l U ea len subversiven Schwierigkeiten der 60er Jahre. 

• rvLdc für die erneute Hinwendung von vielen Arbei- 
016 Angestellten, Intellektuellen sind offenkundig, ln der 
tern ’ WFtatme ist nicht nur die Verweigerung konstatierbar, 
''"dem übeXegend erst einmal die Anpassung. Weiter ist 

Tht zu übersehen, daß die konventionelle Rüstungssteige- 

° „e neu zur Debatte steht. Wenn Dregger und Strauß ih 
Sei erreichen, und ich habe die Rede von Sonthofen nicht 

Z iesseti so steht uns eher ein Arbeitslager bevor, als 
V6rS nmc Dörfer und Städte für emanzipative Experimente 
erstattende Zeiten. Darum bedarf der ganze Komplex der 
g l schen un d sozialistischen Reflexionsebene. Es ist em- 
Sh nicht zu übersehen: die SPD-FDP-Koahuon hat im 
Prozeß des Niedergangs der APO der 60er Jahre die 
Subkultur nicht niederschlagen können und nicht wollen, ha 
aber alle linkssozialistischen Strömungen bis heute mit 
Mitteln und Methoden bekämpft. 

Was für einen Demokratiebegriff hatten wir? 

Wir wollten Demokratisierung, um die feudalen Tikte 
abstreifen zu können. Die Herrschenden, erst über die Große 
Koalition, dann über die Kleine vermittelt, strebten und 
streben langfristig eine Techttokrausierung an, um em ,ed r 
Lage »angemessenes« Krisenmanagement aufzubauen. Un 

Je am Anfang der 60er Jahre vom SDS --ickehe Fede¬ 
rung nach »Demokratisierung der Universität Demokrati 
Tmng der Gesellschaft« war beschränkt. Wie kann Demo¬ 
kratisierung, wenn es nicht gerade vom Feudalismus in den 
Kapitalismus geht, sich ohne historisch fällige und mögliche 

165 


Sozialisierung vollziehen? Was heißt das schon anderes a l. 
die durch Arbeit entstandenen ungeheuer großen Reicht» 
mer in die eigene Hand zu nehmen: »Reich der Freiheit«, die 
Lebenszeit, die konkrete Individualität und Subjektivität den 
Bedingungen gemäß lernen zu entfalten und die Arbeitszeit 
auf das wirklich notwendige Minimum zu reduzieren? Die 
Frage des Verhältnisses von Demokratisierung und Soziali 
sienmg, von Demokratie und Sozialismus sind so weder am 
Anfang noch am Ende der 60er Jahre scharf gestellt worden 
Wenn auch ohne Zweifel Ansätze sich weiterentwickelten 
Die Schwierigkeiten lagen u. a. darin, daß die Resultate der 
historischen Niederlagen der Arbeiterklasse und die theore- 
t,sehen Vernehmungen nicht scharf genug analytisch und 
begrifflich erarbeitet worden waren. Besonders die Existenz 
einer SU ohne lebende Sowjets, die Existenz eines Come- 
con-Lagcrs ohne bürgerliche und ohne proletarische Öffent¬ 
lichkeit erzeugt Nebel und keine Klarheit. 

Wie / leht es mit dem •Modell « BRD (und DDR) inzwischen 
aus? 

In der Gegenwart vollzieht sich eine äußerst problemati¬ 
sche Rechtswendung im Lande, eine Entdemokratisierung 
Verminderung bürgerlicher Rechte. Eine »zweite Restaura 
tionsperiode« (O. Negt) hat begonnen. Die letzten Kommu¬ 
nalwahlen in Hessen mit dem erneuten Aufstieg von Dregger 
haben es kenntlich gemacht. »Solidarität der Demokraten« ist 
das Schlagwort der herrschenden Parteien, aber zugenom¬ 
mene Repression gegen alle antikapitalistischen Strömungen 
Berufsverbote, strukturelle Arbeitslosigkeit usw. ist die 
Realität. Die widersprüchliche und dennoch eindrucksvolle 
Lmkswendung in Süd- und Westeuropa scheint wieder 
werden V ° n deUtSchen R echtswendung begleitet zu 

Aber dieser Blick trifft bei weitem nicht die Gesamtheit der 
Tendenzen in der BRD. Gerade in der Debatte Über das 
Energie-Programm der Bundesregierung, über die Anti- 
Atomkraftwerke-Bewegung ist ein neuer frischer Geruch 
über die BRD und West-Berlin »reingefallen«. Er ist nicht zu 
überschätzen, aber ein neues republikanisches Moment der 


166 


» Untätigkeit des Bürgers und anderer sozialer Schichten ist 
c veworden. Es ist von großer Bedeutung diese Sache und 
* • lichkeit so breit wie möglich zu entfalten und zu 
M ° ridieen Durch Atomkraftwerke und Atombomben wer- 
T wir weder den Frieden noch das »Licht der Freiheit« 
kl erreichen. An Weltkriegsplänen, an Katastrophen- 
tänen mangelt es nicht. Die Ausgaben dafür sind in West 
P A Ost ungeheuer. Wenn nur ein Teil dieser Summen nicht 
nr die Zerstörung, sondern für den Aufbau der Welt, für die 
systematische, globale Entwicklung der Sonnenenergie aus- 
!Leben würde, so würden wir dem Frieden, der Freiheit, der 
Demokratie und dem Sozialismus einen großen Schritt 
nähergekommen sein. Den »Atomverbrechern in Ost und 
West« (P Mattick) muß der politische Kampf angesagt 
werden. Der Kampf um die Menschenrechte ist darum 
natürlich auch Kampf um Frieden und Entmilitarisierung. 

Was hat der Kampf an den Universitäten in der BRD und 
West-Berlin, der Kampf gegen die technokratische Studien¬ 
beschränkung, die verkürzte Studienzeit und das sich neu 
durchzusetzen versuchende Ordnungsrecht mit dem vorher 
Gesagten zu tun? Sehr viel. Wenn der Kampf verlorengeht, 
wird sich wieder das durchsetzen, was Studien über die 
Atomkraftwerke, über Sonnenenergie usw., über Abrüstung, 
über Monopolbranchen usw. an den Universitäten aus¬ 
schließt. Heute ist dafür und für das studentische Erlernen 
der methodischen Voraussetzungen dafür noch ein gewisser 
Spielraum vorhanden. Allerdings ist die Gegentendenz real 
für jeden Studenten spürbar: »Faktenverehrung ohne Bezie¬ 
hungsdenken, Naturwissenschaft wesentlich zur technologi- 
chen Naturausbeutung dressiert, Soziologismen ohne Ge¬ 
sellschaftskritik, Psychologismen ohne Psyche, Kulturge¬ 
schichtliches als museale Bereicherung« (J. Schumacher). Da 
ist die Denkweise der Herrschenden in West und Ost 
identisch. So wie Zwang und Leistungsdruck Entpolitisie¬ 
rung mit sich bringt in den Comecon-Ländem, so wird bei 
uns versucht, die politische Kontinuität an den Ums zu 
brechen, das politische Mandat in Frage zu stellen für die 
Studentenorganisationen u.a.m. Hinzu kommt, daß aus den 
Schulen und Oberschulen nicht mehr wie in den 60er und 
Anfang der 70er Jahre ein auf soziale Emanzipation tenden- 


167 


ziel] oder stimmungsmäßig breit existierender junger Nach 
wuchs die Universitäten aufsuchte. Das muß langfristig 
schwerwiegende Auswirkungen haben. Besonders damf 
wenn nicht so schnei] wie nur möglich den sektiererischen 
Strömungen an den Universitäten eine linkssozialistische 
Alternative in der Tradition des SDS, den heutigen Bedin¬ 
gungen gemäß, entgegengestellt wird. Wenn nicht daran 
gearbeitet wird, die neue Lage an den Oberschulen genauer 
zu durchschauen, um mit angemessener Solidarität neue 
Beziehungen wieder herzustellen. 

Die neue Studentengeneration muß selbständig gehen 
lernen, bedarf aber der Solidarität und Kritik. Wie umge¬ 
kehrt. Wobei die »Alten« besonders hören lernen müssen 
Wer von den »Alten« der 1. APO, »psychisch, moralisch; 
politisch völlig zerrieben und verbraucht« ist, dieses Urteil 
sollten wm lieber der Geschichte überlassen und nicht 
großmäulig damit umgehen. Besonders die nicht, die nicht 
einmal mehr fähig zu sein scheinen, an schwierigen öffentli¬ 
chen Diskussionen teilzunehmen. Viel lieber den Schwanz 
einziehen. Die gesellschaftlichen und politischen Widersprü¬ 
che im Lande und auf internationaler Ebene haben einen mit 
den 60er Jahren nicht zu vergleichenden Punkt erreicht 

Fragen der Organisierung! 

»Die Bewegung ist alles, das Ziel ist nichts«. Diese 
polemische Äußerung von E. Bernstein hätte ca. 6 Jahrzehnte 
danach jedes SDS-Mitglied entschieden von sich gewiesen 
Wenn es sich des historischen Kontextes bewußt gewesen 
sein würde. Und zwar primär mit einer moralisch orientier¬ 
ten Kategorie von Sozialismus. Ohne dabei allerdings über 
eine kritisch-materialistische und historische Ethik als Glied 
m der Kette der »neuen Wissenschaft« (Marx), des wissen- 
schaftlichen Sozialismus zu verfügen. Dennoch war die 
Wiedergewinnung und Weiterentwicklung politischer Mora¬ 
ltat und der Wille, an der eigenen Not und der Notwendig¬ 
keit der persönlichen Selbstveränderung nicht vorüberzuge¬ 
hen, ein ungeheurer Fortschritt im linken Lager. Das Insistie¬ 
ren auf das Suchen nach der konkreten Wahrheit, das 
prinzipielle Ablehnen des Besitzertums in der despotischen 


168 


Edition des bürokratischen ZK-Reiches machte es uns erst 
Möglich, neue emanzipatorische Schritte denken und tun zu 

SDS machte allerdings weniger einen bewußten 
Cnrung von der Organisierung zur Bewegung«, wurde 
Vielmehr objektiv in eine historische Lage hineingeschleu- 
j rt in welcher seine Organisation sich 1968/69 aufloste. 
Man muß die Frage aufwerfen, ob nicht gerade eine soziali- 
frische Orientierung das Verhältnis von Organisation und 
sozialer Bewegung, von Produktion und Spontaneitat neu 

stellen muß. . n . . 

Detlev Claussen hat völlig richtig gesagt, daß sich eine 

sozialistisch orientierte politische Organisation nicht gegen 
die sozialen Bewegungen abschließen darf, sie sonst nur 
behindert. Die Frage, die sich dann aber stellt, heißt: 
schließen sich soziale Bewegung und politische Organisation 
nicht etwa doch aus? Diese Frage ist nicht formal-technisch 
zu lösen, sondern allein über das Verhältnis von Inhalt und 
Form, über das der Organisation zur sozialen Emanzipation 
der Klassenindividualität, über innerorganisatorische Demo¬ 
kratie und fraktionellen Meinungskampf, über die Ermögli¬ 
chung oder Beschränkung des Erlernens des aufrechten 
Gangs, nicht des gekrümmten Gangs. Bei letzterem ist die 
»Wiederholung der alten Scheiße« schon antizipierbar. 

Ich verwies auf meine strategische Einschätzung der 
heutigen Lage, auf die Wichtigkeit der demokratischen 
Kämpfe auf der Kommunal- und Landtagsebene, auf sich 
anzeigende Gefahren. 

Wie sieht es aber mit den Möglichkeiten aus? Eine schwer 
zu beantwortende Frage. Eine »sozialistische Partei« aus dem 
Boden zu stampfen wäre eine völlige Mißachtung von 
solchen Vorgängen und ihren sektiererischen Auswirkungen. 
Als ob es nicht genug Erfahrungen darüber schon gibt. In den 
60er Jahren waren wir außerparlamentarisch, nicht umsonst 
- aber nicht anti-parlamentarisch. Darum muß das Problem 
von direkter und parlamentarischer Demokratie noch inten¬ 
siver diskutiert werden. Gerade in einer Zeit der Rechtswen¬ 
dung beginnt die Neue Linke Kommunal-, Landtagswahlen, 
das Problem der parlamentarischen Demokratie zu einem 
Teil wieder ernst zu nehmen. Schlimm genug das spate 

169 



Nachdenken, aber überfälliger denn je. D. h. aber auch dir- 
realen Kräfteverhältnisse nicht mit »revolutionären« Phrasen 
emzuschatzen. Der tendenzielle Auflösungsprozeß der Klei¬ 
nen Koalition, die tendenziell weiterhin existierende Möe 
hehkeit der Trennung von CDU/CSU bzw. die nicht un¬ 
mögliche neue Große Koalition muß von uns sorgfältig 
durchdacht werden. Eins scheint mir sicher zu sein: 1966 
waren die Diskussionen mit Harry Ristock über die Große 
Koalition noch kein echtes SPD-Problem. Das ist heute 
schon ganz anders. Die SPD würde natürlich zwar heute 
nicht gespalten werden, aber die Lage im Lande würde sich 
verändern. Daß die Hoffnung von einer sozialistischen Partei 
weiter wachsen wird, ist sicher, aber mit realitätsfremden 
I raumereien ist sozialistische Politik und politische Phanta¬ 
sie nicht zu entfalten. Es bedarf in der Tat der Hoffnung 
Phantasie und des Traums, um die bestehenden Verhältnisse 
transzendieren zu können. Aber dieses utopische Denken 
bleibt bzw. wird konkret, und darum subversiv politisch. 

Die Auseinandersetzungen zwischen der SPD und den 
Jusos, die Auseinandersetzungen über das Steuerpaket haben 
den Zersetzungsprozeß der Koalition, die Rechtswendung 
er SPD und die Stamokap-Beschränktheit in dieser Partei 
gezeigt. Von der Ecke kann keine antisektiererische soziali¬ 
stische Partei kommen. 

Eine linke Liste, die nicht durch Sektiererorganisation, 
sondern durch glaubwürdige Persönlichkeiten aus den ver¬ 
schiedensten gesellschaftlichen Bereichen getragen würde 
konnte eventuell dadurch, daß die verschleiernde Alternative 
Schmidt - Strauß nicht zur Debatte steht, real-politisch te¬ 
sten, wieviel diejenigen in dieser Gesellschaft politisch wert 
sind, die das konkrete Menschenrecht des Überlebens, 
Demokratie und Sozialismus in den Mittelpunkt stellen 
Es wäre gleichermaßen eine erste Möglichkeit der Vorbe- 
reitung auf die nächsten Bundestagswahlen von 1980. Wie 
scharf sich die internationale Lage schon innerhalb eines 
eventuellen Sieges der Volksfront in Frankreich oder anderer 
Anlasse zuspjtzen sollte, ist nicht abzusehen. Wenn eine linke 
Liste tatsächlich über die 5-Prozent-Klausel springen 
onnte wurde das eine nicht unwesentliche Bedeutung für 
die Vorbereitung der nächsten Bundestagswahlen haben. 


170 


Polly und Rudi Dutschke, auf dem Geburtstagsfest von Helmut Gollwuzer 
<1978) 


Ermordetes Leben 
<Im G ' < ' = " k " " *' H« be ,h Käsemann) 


Nach einem gequälten, dahmveeetierrcn a ■ 

Sinne ausgeiebten Leben sterben 7 ° der im Weic este n 
WJ en, ist schwierig g Cnu „ ^ Z “ m “ ssa ‘ °der gar 2u 
sein, schon nach kufzfr zJr ^ 8*»uenhafter muß es 
den Tod getrieben r u w ll° der ^ emgen Zehnten i n 
Unfall, Selbstmord oder Ermn ^ ^ dUrch Kra nkheit 

nsienen Gesellschaften ohne C^r' [ nden Weltweit mih ta - 
dies täglich. hnC GeSclh S kei t vollzieht sich alles 

i« "T 

E. Levine ha, „aeh de, N ä B ' ileibt 

Räterepublik vor Gericht kur^ ^J^ der Ba E ris cbe n 
Erschießung, etwas formenw af T *“ ™»de n 

b urg, K. Liebknecht, E Touche Be,s P lei R - Luxem- 
N. Bucharin i n dem mitSow ^ Z" Deu f= hland , K.Radek 
Guevara und andere in Bolivien ? Ruß,and > Che’ 

anderswo in solchen Augenblicke„"TZ ^ Chile Und 
»Wir Kommunisten sind Tote auf lTY k^n versUc bten ; 
weder das Leid und die Ou!l ^ n ^ Aber damit i st 

Bitterkeit derer beseitigt di^ w is “ Betroffenen > noch die 

ist. Ja, gerade dl’Z^T^ ^ 

-5ä£^?= 

Wer war die deutsche Genossin KS„ 
war s le ln Argentinien? Viele T’ Und Warum 

Hälfte der sechziger fahre ihr,. nCn> dle In der zweiten 

Selbstveränderung S p/ 02 eß im E^dsierungs- und 

nen haben und gerade in H» r ■ ■ V ° n West ’Berlm begon- 

«iUche ft,^^tXrhf ,iS,iS ?“ 

™,ge s « n haben. Sie ge L„“,' »»<1« * nicht 

S '“Vnk, d« SoztSmus“’ztm 


172 


deren, wie bei den meisten von uns, wurde dieser Lernpro- 
e ß getragen von einem tiefen Entsetzen über die Koloniai- 
lirik des US-Imperialismus in Vietnam. Desgleichen aber 
^eoraet durch und von einer zunehmenden Faszination 
angesichts der Kampffähigkeit des vietnamesischen Wider¬ 
standes gegen den amerikanischen Riesen. 

jsfeben dem Blick nach Asien dominierte die Solidarität mit 
den Kämpfen in Südamerika. Das war auch der Grund, 
warum sie und andere Genossen und Genossinnen das Buch 
»Langer Marsch. Wege der Revolution in Lateinamerika. 
Texte von R. Debray, F. Castro, K. S. Karol und Gisela 
Mandel* 1968 fertigstellten. In unserem Vorwort kritisierten 
wir, auf Che Guevara zurückgreifend, die Politik der KP’s in 
Lateinamerika, »die die Linie der friedlichen Koexistenz« 
verfolgen, den bewaffneten Kampf ablehnen und Volksfron¬ 
ten bilden, in denen sie immer wieder die Führung verlieren 
und zum Spielball anderer Interessen werden«. Und ließen 
Marx folgen: »Die Waffe der Kritik kann die Kritik der 
Waffen nicht ersetzen.« Wie problematisch und undifferen¬ 
ziert solche Aussage von außen gewesen sein mag, eins ist 
unzweideutig: die Genossin Käsemann war seit Ende 1968 
nicht mehr draußen. Nach dem schweren Zerstörungs- und 
Selbstzerstörungsprozeß des SDS, dem viele der jungen 
Genossinnen und Genossen oft verzweifelt zuschauten, fuhr 
die Genossin im Herbst 1968 nach Chile und wenige Monate 
später nach Argentinien. Dort arbeitete sie, unterbrochen 
durch kurze Reisen nach Europa, nun fast ein Jahrzehnt im 
argentinischen Klassenkampf. Die Unvermeidlichkeit der 
»Kritik der Waffen« in dieser Klassenkampf-Zone kann nur 
derjenige übersehen, der die Mitwirkung am Klassenkampf 
schon aufgegeben hat, bevor er seinen aufrechten Gang 
überhaupt begonnen hat. Aber was unter spezifischen Klas¬ 
senkampfbedingungen Sinn hat, kann woanders blanker 
Unsinn sein. Das militärische Regime der letzten Jahre, nicht 
ein einziges bürgerliches Recht anerkennend, alle linken 
Strömungen mit allen Mitteln des militärischen Terrors 
angreifend, ließ andere Widerstands- und Angriffsformen 
nicht zu. Die Genossin war zwischen Marz und Mai 1977 
verhaftet. Unter welchen Voraussetzungen es zur Verhaf tung 
kam, ist mir nicht bekannt. Nur eines ist sicher: mit vier 


173 



Schüssen im Rücken wurde sie schließlich > a usgeliefert, »Auf 
der Flucht erschossen«, oh, wie oft haben wir davon schon 
lesen müssen! Ob von den nationalen Geheimdiensten oder 
von CIA bzw. KGB, demokratisch getünchten bzw. rötlich 
gefärbten Institutionen. Das letzte Wort der Geschichte der 
Klassenkampfe ist da beileibe noch nicht gesprochen. 

' aF dk Genossin Käsemann, andere und ich 

«n Marz 1968 in Prag und konnten in der Tat vom Prager 

wi, mg nech c en ’ uber dle neuesten Versuche der Arbeiter 
Werktätigen Studenten und der Partei hören, die Sozialis¬ 
musfrage befreiend und nicht knechtend zu stellen Wenige 
Monate später erfolgte die Okkupation. 8 

Wo und wie die Klassenkampfbedingungen und die ange- 
messenen Klassenkampfformen auch immer sein mögen 
entscheidend bleibt für Sozialisten und Kommunisten, dem¬ 
gemäß zu leben und zu handeln. Die Genossin Käsemann ist 
ein Beispiel der jüngeren Generation. Ein besonderes Beispiel 
internationaler Solidarität. 


Um 1975 


(Aus dem Tagebuch) 


16. 10. 1978 

.Habe endgültig an Janssen und Genossen abgesagt. Wollte 
icht mithelfen zu »vermitteln« in diesem nun wieder zuge- 
11 oitzten politischen und sozialpsychologischen Generations¬ 
konflikt. Die schleswig-holsteinische SPD ist angenehmer den 

anderen SPDlern gegenüber, zweifellos. Dennoch ist es bes- 
r sich nicht instrumentalisieren zu lassen - für mich! Uber 
die’ Anti-Atomkraft-, hoffentlich bald auch Anti-Atombom- 
ben-Bewegung, steht Leben und Frieden zur Grunddebatte. 

Seit einigen Wochen sitze ich wieder ruhig auf meinem 
Stuhl, achte auf die Kinder genauer und arbeite intensiver. 
Werde meinen Bahro-Beitrag noch vollenden. Ist eine 
schwierige Sache. Seine Lebensgeschichte ist uns, ist mir 
fremd. War früher auf der Front der herrschenden Dienst- 
Dichter und Dienst-Redakteure. Die Wendung erfolgte über 
die barbarische Okkupationserfahrung der CSSR durch die 
Länder des »Warschauer Paktes«. 

18. 11. 1978 

Erneut abgelehnt: diesmal die Bahro-Veranstaltung in 
Frankfurt bzw. die über »Sozialistengesetz« in Hamburg. 
Hätte ganz gern mit Ernest Mandel zusammen in Hamburg 
gesprochen, hielt es aber im Augenblick nicht für »entschei¬ 
dend« teilzunehmen - die gesellschaftliche Luft ist wieder 

einmal »noch« in Vorperiode. 

Die Kinder werden stärker integriert in die Hausarbeit, 
halt unerläßlich. Gretchen schreibt immer wieder aus Indien. 
Wie langsam in solch einer asiatischen Zone sich Veränderun¬ 
gen bemerkbar machen. 

Die Ablehnungen, an den Veranstaltungen teilzunehmen, 
sind auch darum richtig, weil ich, zusammen mit Ho und Po 
(Kinder von Gretchen und Rudi Dutschke) am 23. 10. 
abfahren will nach Werl, um den P. P. Zahl erstmalig zu 
besuchen. 


175 




Die Glücksmänner 

(Wie sich Linke des Pariser Mai nach rechts wenden) 


Wahrend Rudojf Bahro den Schlag des Pariser Mai 
dre »konservativen Parteivenvalter« bejubelt säet einend 
Glucksmänner mit dem Namen Levy! 2ü96« 
einer der schwärzesten Daten in der Geschichte des Sozhlis- 
ZZ* K ^ mir VOrstelIen - soJ J k innerlich immer 
sie kann^T 11 ZZ De ' Sohnder frisischen Bourgeoi- 
hsmuTld l ICh ln der sch ^den Krise des Kapita- 
iismus und der permanenten Krise der Zurückgebliebenheir 

d!n °™ econ ~ Lander > China etc., in der Explosionslage in 
merentwickelt gehaltenen Ländern der westlichen 
Herrschaftszone damn interessiert sein, neue Blöcke der 

heTE” las r sen te D aSSe Undihrerneuen ^ Verbündeten entste- 
vl Vr,^ »zukünftige Herr« Minerand wird 

S«p5f Dt\,‘dk 8S 7° r f ‘ l “ hoch. 

| P Die Kritik an den französischen Sozialisten und 

Kommunisten in Parteiform muß radikal sein, aber es mi 

Beleidigten V ,° m ^ lassenstand P^kt der Unterdrückten u^d 

des po£en r Kla Sg ' ^ i$t die SoHdarität 

wekhune von i C mP i eS geS1Chen - Die r9dikale Ab- 
PanserM.E der Erbschaft des 

da ral “ Kämpf ' 

Zu denen, die aus der Neuen Linken kommen hier der 

iTnXile? Ge ^ ° hnC Z Tf d ^ Die 

gnes Heller-Generation und die aus unserer Generation in 

Osteuropa kannten seit langem das Geschichtsverbot lebten 

abe nicht von der Geschichtslosi g keit, wie die versciieden- 

ten »Kapital«-Papste in der Geschichte Westeuropas ob 

nun m früheren Zeiten oder heute. Ihr Buch von 1974 

Theorie der Bedürfnisse bei Marx, spiegelt und durchbricht 

immer wieder jenes Geschichtsverbot, welches die Herr 

sehenden auf erlegen. Es voll durchbrochen zu haben v£ 

mdc„ pn chhch euch inner, echeiur nir je die bc.ö'Z 


176 


tung von Kudolf Bahro zu sein. Andre Glucksmann 
chte wie andere und ich in verschiedenster Art und 
einen Geschichtsverlust loszuwerden und neu Ge- 
zu rekonstruieren. Während andere dazu übergin- 
Geschichtslosigkeit der »wesenslogischen« Leere zu 

EEematisieren. 

sy .ndre Glucksmann war es in seinem Buch von 1974 
/ITchin und Menschenfresser) darum gegangen, die Gefäng- 
■ e der »Zivilisation« im allgemeinen und die Straf-, 
Tteits- und Konzentrationslager Rußlands im einzelnen 
•h erstmalig anzuschauen, sie erst einmal zur Kenntnis zu 
Ehmen entsetzt zu sein. Für einen ehemaligen maoistischen 

Stalinisten in der Tat ein Fortschritt. 

Warum die französischen Gefängmse des Algenenkneges 
absolut keine Rolle spielten, Frantz Fanons Kritik der 
französischen Intelligenz wegzuschweigen, mußte Fragen 
„ nc I Zweifel dieser Arbeit gegenüber aufkommen lassen. 
Kann denn ein Deutscher über die russischen Lager reden, 
IZn er die deutschen wegläßt? Dennoch war sein Herange- 
h e ”an die russischen Lager mit der Solschenyzm-Rezeption 
der Orientierungslosigkeit nicht einfach abzutun, es traf 
vielmehr einen elementaren Punkt linker Geschichtslosigkei 
in Westeuropa. Dabei allerdings auf die geschichtliche Rea¬ 
lität miserabel verkürzende und alle Vermittlung außer Ach 
lassende Art und Weise. Typischerweise das Buch von EI 
Campesino, zuerst 1969 in Paris erschienen, völlig ignone- 

^Mir wiederum war es 1974 darum gegangen, in der 
Rekonstruktion der Marxschen Rußlandanalyse die strikte 
Differenz zwischen der Entwicklung der kapitalistischen 
Produktionsweise in Europa und dem halbasiatischen Weg 
Rußlands zu verdeutlichen. Dabei durchaus teilweise mit 
Bahro, dem Autor von Die Alternative, einen Weg gehend. 
Allerdings gelangte ich »zu einer recht verschiedenen Ein¬ 
schätzung«, wie Bahro richtig vermerkt. Das besondere und 
echt Neue Hegt ja gerade beim Bahro-Buch darin, mit einem 
breiteren geschichtlichen Blick die verschiedenen Themen 

anzugehen. Ob seine verminderte Lenin-Krmkim Verhältnis 

zu der von mir tiefer geht, muß sich erst noch erweisen, 
jedenfalls ist seine Marx-Rezeption da verkürzter. 

177 


Wie schnell jedoch kurze, aber bedeutende sozial-struktu- , 
relle und sozial-psychologische Umbruchelemente beim 
Einzelnen abbaubar sind und zu neuen Wendungen führen i 
können, zeigt ein Blick auf die Pariser »Neuen Philosophen 
mit altem Gestank «, auf jene Renegaten des Pariser Mai von i 
1968. Nachdem A. Glucksmann 1974 völlig berechtigt { 
wieder einmal überfällige Probleme in die Hand genommen 
hatte, Marx noch einen »Genie-Streich« in der Analyse des I 
»Geheimnisses der ursprünglichen Akkumulation« zuge- ' 
steht, aber einen abstrakt-obskuren »Marxismus« für alle l 
Schandtaten in Rußland verantwortlich macht, konnte in , 

einer besonderen Flaute-Zeit der Neuen Linken (NL) eine | 

Renegatenwendung nicht lange auf sich warten lassen. Sich 
geistig und politisch-organisatorisch von jeder Nähe zur 
Erbschaft der NL und der neuen sozialen Bewegung abwen¬ 
dend, war es nicht verwunderlich, den Pariser Glücksmän¬ 
nern in der typischen Darstellung des heutigen' Kulturpessi¬ 
mismus mit dementsprechenden Kostümen neu zu begegnen. 

Die echte Begegnung wird diesmal politisch-theoretische 
Konfrontation sein. Eine Pariser Bahro-Veranstaltung in i 
diesem Jahr interessierte die Geschichtslosen von Paris so 1 
wenig wie die Frage der sozialen Emanzipation. Sie spielten 
vielmehr viel vor, durchaus noch nach den französischen 
Wahlen von 1978, mit Heidegger-Klamotten vom »ur¬ 
sprünglichen geworfenen In-der-Welt-Sein als Unzuhause«, 
im Hintergrund ihre eindeutige Rolle für die herrschenden 
Verhältnisse. Die sozialen und grundlegenden Klassenkon¬ 
flikte gingen dabei scheinbar unter, in Wirklichkeit wurde die 
Renegatenrolle vervollständigt. 

Kein Wunder, in einer Zeit der schweren sozial-psycholo- 1 
gischen Legitimationskrise und schwelenden sozialökono- v 
mischen Krise, der Ziel- und Sinnlosigkeit des Daseins in der j 
technokratisierten Struktur kapitalistischer Verhältnisse, 
wird gerade in Wahlzeiten jedes mögliche Gespann an der 
geistigen Front gierig aufgegriffen, um den Sozialisten und ! 
Kommunisten Hiebe versetzen zu können. Wenn diese 
Arbeiter- und Volksparteien nicht die Fragen der Zeit, den 
Sinn und die Perspektive in den Mittelpunkt stellen, den 
kontinentalen Charakter der Demokratie- und Sozialismus¬ 
frage, wie die Rußlandfrage undeutlich lassen, dann muß die 

178 


Linke in der parlamentarischen oder außerparlamentarischen 
Ebene Niederlagen einstecken. 

In einer solchen Gekrümmtheit und Verworrenheit der 
Positionen der Parteien der Volksfront hatten es die Ausstei¬ 
ger der NL und ihre Neuanhänger leicht, ihr richtiges 
Moment von kulturpessimistischer »Wahrheit« unterzubrin¬ 
gen. A. Glucksmann, derjenige, der 1968 mit mir in London 
über die Aktualität der »Grundrisse« diskutierte, war ein 
Jahrzehnt später nicht mehr bereit und nicht mehr fähig, die 
Argumente und Fragen von R. Bahro wahrzunehmen und 
kritisch-solidarisch in die Diskussion zu werfen. Er sorgte so 
wenig wie die KPF dafür, dieses Buch schnell in Frankreich 
zu veröffentlichen. Er, der vom Elternhaus her perfekt die 
deutsche Sprache spricht, setzte sich vielmehr eher an die 
Bücher von Heidegger und Jünger heran, als sich mit Bahro 
auseinanderzusetzen. Uber die BRD wird von ihm u. a. 
polemisiert - Heidegger und Jünger geistig jedoch im Hinter¬ 
grund - nicht unverständlicherweise. Ist das der erste Schritt 
eines französischen Wegs der Germanisierung, dem der 
politisch-ökonomische folgt? 

Im Boom, der kurzdenkenden Zeit mußten diese Pariser 
Glücksmänner nun noch einen Höhepunkt des »Anti- 
Marxismus« erreichen. A. Glucksmann vollbrachte eine 
Meisterleistung: In seinem Buch »Die Meisterdenker« 
schreibt er die »Zerstörung der Vernunft« von Lukäcs, 
vielleicht das schlechteste Werk seines und meines Genossen 
Meisters, um! Konnte es dadurch besser werden? Nun geht 
es nicht von Luther über Kierkegaard und Nietzsche zu 
Rosenberg und Hitler. Jetzt geht es von Fichte über Hegel, 
Marx und Nietzsche, um sie dafür verantwortlich zu machen, 
die KZs und GULags nicht nur nicht verhindert zu haben. Im 
Gegenteil: die Fetischisierung von Staatsmacht, Sozialwis¬ 
senschaft und »totaler Revolution« habe erst dazu führen 
können. Die Borniertheit, abstrakt-absurde Negation realer 
Geschichtsprozesse erreicht hier ihren bisherigen Höhe¬ 
punkt der »Neuen Philosophen« des alten Kulturpessimis¬ 
mus. 

Mit einem »Universalschlüssel« treiben es nun die Pariser, 
dem Universalschlüssel der »Macht« und »Ohnmacht«, um 
Geschichte von realen sozialen Widersprüchen, von Ge- 

179 


v 



schichte überhaupt »freizumachen« - d. h. Verewigung von 
GULag, von KZs und Lagern, von Kapitalverhältnissen und 
Ausbeutung. 

Es ist schon lustig und makaber, ein Moment von Farce ist 
nicht zu übersehen. In Paris haben die »Anti-Marxisten« 
einen »Sieg« errungen. M. Clavel sagt im Vorwort der 
zweiten »Zerstörung der Vernunft«: 

»Steher ist, daß in Frankreich, zwei Jahre nach der totalen 
Vorherrschaft von Marx über Universität, Verlagswesen und 
Kultur heute kein Intellektueller mit Selbstachtung mehr, 
kein denkender Mensch mehr, der diesen Namen verdient,’ 
noch irgendeine Marxsche These verteidigt.« 

Wie selbstsicher und dem Gegner gegenüber verkrampft. 
Ein Bahro kann sie allein als Gefängnis-Opfer interessieren 
- um ihren allgemeinen Unsinn und ihre Geschichtslosigkeit 
zu legitimieren. Auf keinen Fall können die von Bahro 
aufgeworfenen Fragen für sie diskussionswert sein. 


Hosea Che und Rudi Dutschke, 1971 in Dänemark 



Eroberung und Befreiung stehen in Widerspruch 

(Aus dem Tagebuch, Ende Januar/Anfang Februar 1979) 


Was für eine absurde Situation! Die Vietnamesen »befreien« 
die Kambodschaner von der rotgetünchten Despotie. Aber 
Eroberung und Befreiung stehen immer grundlegend im 
Widerspruch!! Wie schnell eine Befreiung in Eroberung 
Umschlägen kann, wissen wir aus eigener Geschichte. 

Die Chinesen sind wütend. Welchen Schwach-und Wahn¬ 
sinn die nun machen werden? 

Namens-»Kommunisten« schlagen sich die Köpfe ein. Wie 
wichtig ist es zu wissen, was die Geschichte Asiens und der 
asiatischen Produktionsweise ist, um überhaupt den Nebel 
des Begriffs-Betrugs durchbrechen zu können. Allgemeine 
Staats Sklaverei und asiatische Produktionsweise sind vonein¬ 
ander nicht zu trennen. 


Um 1977 





Nachwort ; 

I 

\ 

\ 

Einem etwas nachzusagen, der selber viel zu sagen hatte j 
und der jetzt nicht mehr antworten kann. Es so zu sagen, daß 
es nicht geschwätzig-intim und auch nicht falsch distanziert, f 

nichtssagend wird. Uber einen Mythos, eine Legende, einen 
Heros reden: ohne zu meinen, man kenne die Wahrheit, wisse 
es besser - und ohne sich einzubilden. Legenden und Mythen ' 
könne man zerstören (es auch nicht wollen). Uber einen 
Toten und eine Zeit, über einen umstrittenen Toten und eine 
umstrittene Zeit etwas zu sagen. Uber einen, der geliebt und 
gehaßt wurde, überhöht und denunziert, gerühmt und ^ 
verspottet; über eine Zeit auch, die geliebt und gehaßt wurde, i 
die überhöht und denunziert wird. 

Rudi Dutschke hat dieses Buch selbst geplant: es sollte [ 
theoretische und politische Texte aus den letzten 15 Jahren > 
sowie, als >subjektiven< Kommentar, Auszüge aus dem 
Tagebuch enthalten - politische Biographie und Material- 1 
Sammlung gegen einen zunehmenden Geschichtsveriust. Das ' 
Buch sollte jüngere Leser über die Revolte der späten 
sechziger Jahre und ihre Folgen informieren, und es sollte ' 
denen, die in der Revolte verwickelt waren, zu einer Erinne¬ 
rung, die nach vorne weist, nützlich sein. Der vorliegende 
Band wurde nach Rudi Dutschkes Aufzeichnungen und 1 
Entwürfen zusammengestellt; er folgt sicher nicht in allem 1 
dem ursprünglichen Plan, zu etlichen Punkten gab es kaum 1 
mehr als Hinweise. Wir glauben aber, im Sinne Rudi ' 
Dutschkes ausgewählt zu haben. (Dank an dieser Stelle an 
Gretchen Dutschke-Klotz: für ihr Vertrauen und ihre Hilfe; 

Dank auch an Brigitte und Helmut Gollwitzer und zahlrei- 
che andere). 

Rudi hat für diese Auswahl alle Themen gesammelt, die 
ihm allgemein heute noch wichtig erschienen: vom >realen 
Sozialismus«, aus dem er kam und den er nicht mehr wollte, 
über die Studenten- und Jugendrevolte im Westen, den 
Kampf gegen Springer und für ein befreites Vietnam, den 
Verfall der Bewegung in Sekten mit und ohne Knarren oder 
in Resignation, die neuerliche Restauration und Repression 

182 


j n unserer Republik, die halbasiatische und die westliche 
Produktionsweise bis hin zu neuen sozialen Bewegungen, 
z um Kampf gegen die Atomkraft und zu den >Grünen<. Rudi 
putschke war keiner, der sich Themen und Interessen von 
j en j e herrschenden Moden und Trends vorschreiben ließ; 
bei aller Vielfalt der Themen und Gegenstände beweist diese 
Auswahl vor allem doch eines: daß da einer, zuweilen wie 
besessen, einer Frage auf der Spur war - wie ist ein Sozialismus 
mit menschlichem Antlitz möglich? 

Vor allem eckige, zähe und tabuierte Fragen reizten Rudi. 
Letztes - auch Freundschaften riskierendes - Wagnis: die 
Vermittlung von Ökologie und Sozialismus, nicht als Har¬ 
monisierung, sondern als Tätigkeit meinem Widerspruch. Er 
begann gerade systematisch an der Ökologie-Problematik zu 
arbeiten. Theoretischer (nicht nur »grüner«) und anderer 
Defizite war er sich bewußt, wollte lernen, war neugierig, 
hatte Ohren und nicht nur einen Mund; war beides - Agitator 
und Theoretiker, einer aber, der das Buch sofort weglegte, 
wenn er die Möglichkeit zu Praxis, zur Aktion sah. Er war 
immer en detail informiert, schon aus Angst, eine revolutio¬ 
näre Situation am falschen Ort zu verpassen. Immer auf dem 
Sprung sein: solche Haltung ist riskant, kann äußerlich 
werden. Das wußte er. Doch nur die machen keine Fehler, die 
nichts machen. 

Dieses aktivistische Revolutionsverständnis, das nicht 
mehr nur der objektiven Dialektik von Geschichte vertraut, 
steht nicht im Widerspruch zur Utopie - wo sie konkret ist. 
Konkrete Utopie: das hat gerade nichts mit paradiesischen 
Nebelbildern zu tun, bedeutet vielmehr, sich nicht allzu weit 
über oder unter dem zu bewegen, was die anderen bewegt. 
»Wenn eine freie Gesellschaft unwahrscheinlich ist, bedarf es 
umso größerer Anstrengung«: das meint nicht ein absurdes 
Gegen-die-Wand-Rennen, das meint eine Haltung, die sich 
entschieden über das Jetzt erhebt, die avantgardistisch und 
zugleich in der Realität verwurzelt ist, die sich der Probleme 
bewußt ist und dennoch das Moderierte und Kleinlaute 
ablehnt. Rudi sprach von der Revolution - er konnte das 
noch! - und warnte zugleich vor ihrer Fetischisierung, er war 
für die Vermittlung von Reform und Revolution - seine (mit 
allen Kräften mißverstandene) Parole vom »langen Marsch 

183 


durch die. Institutionen* war nur eine Figur dieses Denken 

Sh r-h fUr t 16 ZerStÖrUng vieler Momente dieser Gesel ' 
chaft ,hrer Institutionen und Zwänge - er war aber gee Z 

Liquidation: von Traditionen, Bewußtsein, fremder uj 
gener Geschichte. Er fand einiges des »Aufhebens« wen 
gerade auch in der bürgerlichen Gesellschaft. Nicht gern’ 
mcht einfach und nicht schnell trennte er sich von Gelerntem 
nd Erfahrenem. Aus dem roten Rudi z. B. war nicht einfach 
ein grüner geworden. So klar er die Tragödie der Befreiung* 
bewegungen in Indochina sah - die Abkehr vom Internat,® 
nahsmus teilte er nicht (und wollte in den letzten Monaten 
eine Polemik dagegen schreiben). Sosehr er von der Gattung 
s p rach und von ihrer globalen Gefährdung heute - das, was 
er über Klassen und ihre erbitterten Kämpfe wußte, hat er 

Ko« t r i„Ä 8 “ P E ' k “”“ “” d «.W» i„ 

Rudi warf sich in Aktionen, warf sich in die Bewegung 
Aber er machte nicht alles mit, spürte frühzeitig Holzwege 
mied sie, warnte vor ihnen: freundlich, bestimmt, zornig’ 
Das war mit der Kommune so: er befürchtete narzißtische 
V rse bstandigung. Mit den Befreiungsbewegungen: ihre 
Glorifizierung störte ihn, er vergaß nie die vielen Toten, die 
t'Irf T ete - ^ den ML - Parteicn: er kritisierte ihre 

überST 1 !’ realltätS / er T K0StÜmic rung, war entsetzt 
ber die Blindheit gegenüber der stalinistischen Barbarei Mit 

einigen neuen Philosophen: er verachtete die greisenhafte 
Resigmertheit der 30, ahn gen Veteranen. Mit denen im 
bewaffneten Untergrund: er trauerte um die, die an der 
Barbarei der Gesellschaft und am eigenen Haß starben. Da 
wurde viel spekuliert: hätte er nicht vielleicht auch? Rudis 
Haltung zum individuellen Terror war immer klar. Doch er 
vergaß me daß sie alle einmal zusammengehört hatten, daß 
sie einen Ausgangspunkt hatten. Es stimmt schon: er reprä¬ 
sentierte das Ganze der Außerparlamentarischen Opposi¬ 
tion, er war ihre integrative Figur (nicht ihr Führer, wie die 
herrschende Dummheit es sich allein vorstellen kann) Ge¬ 
rade deswegen war er auch das, was für viele immer noch ein 
Schimpfwort ist: Vermittler, Versöhner. 

G T ht i te i bt m * chbar: dieser Satz, der inzwischen etwas 
aus der Mode gekommen ist, beschreibt sehr treffend die 
184 


und die Zuversicht der revoltierenden Generation 
Hal p "de der sechziger Jahre, der es erstmals gelungen war, 
atn ete politische Verhältnisse aufzubrechen. Daß das 
y e^; b i 0 ße r Voluntarismus war, machen RudiDutschkes 
rnChr deutlich. Sie rufen wieder in Erinnerung, von welcher 
Te j t mung damals die Entdeckung einer verschütteten revo- 
■ iren Tradition war. Der Marxismus ist heute erneut 
! UU ° nisiert akademisiert, stumpf geworden - Rudi Dutsch- 
f Texte verweisen auf einen anderen Gebrauch marxisti- 
chen Denkens; es ging nicht um Wortgefechte und theore- 
■ sche Sandkastenspiele - es ging darum, die ideologischen 
Shelbildungen der Nachkriegszeit zu durchbrechen und 
1 Wirklichkeit als veränderbar zu begrei- 


Die vorliegenden Texte widerlegen die Mär vom Aktioms- 
und der Theorielosigkeit der Revolte. Was in der 
Bewegung der Jahre 1966 bis 1968 zum Ausbruch kam, war 
ch das Produkt einer intensiven theoretischen Anstren- 
!!!ne die darauf zielte, andere Möglichkeiten sichtbar zu 
machen, Chancen und Perspektiven von Widerstand zu 
ermitteln. So z. B. verblüfft an den früheren Texten Rudi 
Dutschkes heute zweierlei: sie entstanden aus den internen 
Diskussionen winziger theoretischer Zirkel (»Subversive Ak¬ 
tion- dann SDS), die von keiner Bewegung und keiner 

sichtbaren gesellschaftlichen Tendenz getragen waren und 
die in scheinbar elitärer Zurückgezogenheit (in einer Univer- 
sität vor der technokratischen Reform) eine politische Theo- 
rie entwickelten, die wenig später sehr praktische Konse¬ 
quenzen zeitigte. Und diese Texte verblüffen zweitens durch 
ihren Mut zur Globalität, zum großen Wurf: da war der 
Horizont nicht durch die eigene Gruppe oder Szene gesetzt, 
da gab es ein Bedürfnis nach Öffnung und Internationalis¬ 
mus, da war die globale Analyse nicht Abstraktion von der 
eigenen Situation, sondern entschiedener Versuch, die Enge 
der eigenen vier Wände zu überwinden. Heute, wo der 
kleinlaute Kammerton wieder gefragt ist, gilt das für illusio¬ 
när; Rudi Dutschkes Texte jedoch vergegenwärtigen die 
sprengende Kraft eines revolutionären Interesses, das sich 
Freiheit nur als die Freiheit aller Menschen vorstellen kann, 
das die objektiven geschichtlichen Prozesse analysiert, ohne 


185 


deterministisch zu werden, das auf der Höhe der kapitaW 
sehen Entwaldung ist, ohne dem Mythos der Industrien* 
Seilschaften zu verfallen. 6 

Rudi Dutschke, Exponent einer Bewegung, die u. 
entschieden für Egalität kämpfte, hatte selber eine besondere 
Rolle: m der »Subversiven Aktion< , im SDS, in der APO 
spater. Das zu leugnen, wäre verlogen. Er betonte immer 
wieder, daß Geschichte nicht von (Rädels-) Führern gemacht 
wird, zugleich gab es für ihn aber etwas wie »antiautori 
täre Autoritäten«, wie Bloch, Gollwitzer oder Marcuse etwa 
wußte er von der katalysierenden Wirkung und Faszination 
von Personen in bestimmten historischen Situationen. Den 
Haß auf das Individuum, den einzelnen, die Person teilte 
Rudi me. Politische Revolten, soziale Bewegungen sind 
immer auch, vielleicht primär, existentielle Revolten von 
Menschen, Individuen, Aufbrüche, Ausbrüche aus Gefan¬ 
genschaften. Nicht nur kollektive Abenteuer, sondern ganz 
persönliche, nicht nur Versuche, die Klasse, die Gattung, die 
Menschheit zu befreien, sondern auch sich selbst. Und da 
darf »Ich« gesagt werden. Rudi tat das eher zu selten. Aber 
er tat es. Er hat sich verbunden, verbündet mit Leuten, aber 
nicht gebunden oder binden lassen. Er war Avantgardist in 
avantgardistischen Gruppen, Aufklärer. Vor allem die Texte 
aus der Zeit der »Subversiven Aktiom demonstrieren dies. 
Rudi wußte, daß er als Student oder linker Intellektueller zu 
einer »Elite« gehörte. Aber eben zu dem Teil, der nicht mehr 
elitär sein wollte: »Wir haben unsere akademische Würde 
verloren - und das ist gut so«. Keine Scham, keine Angst also 
privilegiert zu sein, mindestens im Kopf voraus sein zu 
können, denn er wollte andere nicht penetrant, nicht gewalt¬ 
sam aufklären, nachziehen, aufwecken, wie es später versucht 
wurde, sondern überzeugen: durch Worte, durch exempla¬ 
rische Aktionen. Durch das eigene Leben zu Selbsttätigkeit 
ermuntern. 

Jürgen Miermeister und 
Thomas Schmid 


186 


Biographie 

Rudi Dutschke wurde am 7. März 1940 in Schönfeld, 
einem Dorf bei Luckenwalde in der Mark Brandenburg 
el e boren, vierter Sohn eines Postbeamten und einer Hausfrau. 
^Is Schüler engagiert er sich in der evangelischen »Jungen 
Gemeinde«. Weil er den Wehrdienst in der Nationalen 
Volksarmee verweigert, kann er, Sportler und Mehrkämpfer, 
der von Olympia träumt, nicht Sportjournalismus studieren. 
Er macht eine kaufmännische Lehre, pendelt ab 1960 nach 
West-Berlin, wiederholt dort das Abitur, um im Westen 

studieren zu können. _ . , 

Kurz vor dem Mauerbau geht Rudi Dutschke ganz in den 
Westen und beginnt im November 1961 ein Soziologie- 
Studium an der Freien Universität Berlin. 

Ab 1963 ist er in der »Subversiven Aktion«, dann, seit 1965 
zunächst als subversiver Unterwanderer, im SDS, dem 
Sozialistischen Deutschen Studentenbund, politisch tätig. 

Er beteiligt sich früh an antifaschistischen und antumperia- 
listischen Aktionen und Demonstrationen. Sehr schnell wird 
er zu einem Sprecher und zum Symbol der antiautoritären 
Studenten- und Jugendrevolte, die sich nach der Erschießung 
Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 zu einer breiten und 
zeitweise militanten Protestbewegung ausweitet: Zeit der 

APO. , _ _. 

1966 heiraten Rudi Dutschke und Gretchen Klotz, im 

Januar 1968 wird Hosea Che geboren. 

Im Februar 1968 findet in West-Berlin der Internationale 
Vietnam-Kongreß statt, Höhepunkt der Kampagne gegen 
den US-Krieg in Indochina. Wenige Tage später organisiert 
der Senat der Stadt eine proamerikanische Gegenkundge¬ 
bung - auf Plakaten steht zu lesen: »Dutschke - Volksfeind 
Nr. 1<- Die Springer-Presse (und nicht nur sie) nährt ein 
Klima von Lynchjustiz. Am 11. April 1968, eine Woche nach 
dem Mord an Martin Luther King, schießt der 23jährige 
Arbeiter Josef Bachmann Rudi nieder, verletzt ihn lebensge¬ 
fährlich. Es gibt weltweite Proteste, in der Bundesrepublik 
die gewalttätigen Osterunruhen, in München fordern sie 
zwei Tote, Springer-Autos brennen. 


187 


Rudi überlebt schwere Operationen; in der ersten Zeit 
danach bei zu großen Strapazen gelegentliches Auftreten 
leichter Epilepsie. In Italien, später in Großbritannien eignet 
er sich die fast verlorene Sprache und Erinnerungsfähigkeit 
wieder an. 

Im November 1969 wird die Tochter Polly Nicole gebo- 
ren. 

Wegen »subversiver Tätigkeit weisen die regierenden 
britischen Konservativen Rudi Dutschke Anfang 1971 aus - 
trotz zahlreicher Appelle und Solidaritätsbekundungen. Die 
Odyssee führt nach Dänemark. Das Land nimmt die Familie 
bereitwillig auf, Rudi erhält einen Lehrauftrag am Institut für 
Geistesgeschichte der Universität Arhus. Er beginnt Studien 
über Lukäcs und Lenin. Später und neben seiner Forschungs¬ 
arbeit: erste Versuche, zunächst unter Pseudonymen, po- 
litsch-schriftstellerisch wieder in Diskussionen einzugreifen. 

1973 promoviert Rudi Dutschke an der FU Berlin mit einer 
Untersuchung über Lukäcs und Lenin, 1974 erscheint die 
Arbeit - »vom Akademischen ins Gemeindeutsche über¬ 
setzt« - bei Wagenbach. In den nächsten Jahren, stets in 
unsicheren materiellen Verhältnissen lebend, ist Rudi vielfäl¬ 
tig unterwegs: politische Veranstaltungen, Fernsehdiskussio¬ 
nen, ein Projekt bei der »Deutschen Forschungsgemein¬ 
schaft«, linke Strategie-Diskussionen (zeitweise u.a. in Rich¬ 
tung einer linkssozialistischen Partei), Veröffentlichungen, 
Reden auf Kongressen.. 

Die letzte Zeit: vor allem Interesse und Engagement in der 
grünen Bewegung, aber auch andere Pläne: Bücher, Theorie¬ 
arbeit. 

Am 24. Dezember 1979 stirbt Rudi Dutschke in Arhus 
durch einen Unfall, verursacht von späten Folgen des Atten¬ 
tats. Das dritte Kind von Gretchen und Rudi Dutschke, 
Rudi-Marek, wird am 16. April 1980 geboren. 


Quellen 


In diesem Verzeichnis werden nur Texte aufgeführt, die keine Erstveröffent¬ 
lichungen sind. 

Einladung zu einer urdeutschen Met-Shuffle Erstmals abgedruckt in: 
Frank Böckelmann, Herbert Nagel (Hsg.), Subversive Aktion. Der Sinn der 
Organisation ist ihr Scheitern, Frankfurt/Main 1976, S. 148. 

Es gibt noch keinen Sozialismus auf der Erde Anschlag 1, August 1964; 
erster Nachdruck in: Böckelmann, Nagel, a.a.O., S. 169-174. 

Eine revolutionsreife Wirklichkeit fällt nicht vom Himmel Mit A. J. = 
Alexander Joffe gezeichnet (Rudi Dutschke mußte die Streichung eines 
Stiftungsstipendiums befürchten). Anschlag 1, August 1964, erster Nach¬ 
druck in: Böckelmann, Nagel, a.a.O., S. 190-195. 

Genehmigte Demonstrationen ... Böckelmann, Nagel, a.a.O., S. 307-328. 
Gekürzt. 

Ausgewählte und kommentierte Bibliographie ... Erstmals gedruckt als 
Sondernummer der SDS-Korrespondenz, Oktober 1966. Gekürzt. 

Demokratie, Universität und Gesellschaft Erstmals in: Bemard Larsson 
(Hsg.), Demonstrationen. Ein Berliner Modell, Voltaire Flugschrift Nr. 10, 
West-Berlin 1967, S. 143-157. 

Professor Habermas, Ihr begriffsloser Objektivismus ... Aus: Bemward 
Vesper (Hsg.), Bedingungen und Organisation des Widerstandes. Der 
Kongreß in Hannover. Voltaire Flugschrift Nr. 12 , West-Berlin 1967. 

Keiner Partei dürfen wir vertrauen! Gezeichnet mit A. J. Erstmals in: 
Oberbaum Blatt Nr. 2, 17. Juni 1967. 

Besetzt Bonn! Pardon, September 1967. 

Vom ABC-Schützen zum Agenten Konkret Nr. 1, Januar 1968. 

Die geschichtlichen Bedingungen ... Erstmals gedruckt ln: Der Kampf des 
vietnamesischen Volkes und die Globalstrategie des Imperialismus, West- 
Berlin 1968. 

Wir waren niemals eine Studentenbewegung Der Funke Nr. 21, Januar 
1980, S. 12-17. Gekürzt. 

Pro Patria Sozi? Konkret Nr. 2, Februar 1974, S. 30. 

Das wiedergewonnene Abenteuer Das da Nr. 9, September 1975. 

Sozialistische Tragödien bewältigen! Das da Nr. 2, Februar 1976, S. 37-40. 

Die Internationalisierung der »Stammheimc« Links, dokumentarische Son¬ 
dernummer (85), Februar 1977» S. 16/17. 

Subkultur und Partei Das da Nr. 11, November 1977, S. 20-23. 

Ermordetes Leben Chile-Nachrichten Nr. 50, I. Juli 1977, S. 7/8. 

Die Glücksmänner Aus: Rudi Dutschke, Wider die Päpste. Die Schwierig¬ 
keiten, das Buch von Rudolf Bahro zu diskutieren, in: Ulf Woher (Hsg.), 
Antworten auf Bahros Herausforderung des »realen Sozialismus«, West- 
Berlin 1978, S. 210-213. Auszug. 


188 


189 


Bildnachweis: 

S. 2 und 42: Gerhard O. Stief; S. 75: Digne Meller Marcoviez; S. 125 und 128: 
Eberhard Venohr; S. 156: Helga Reidemeister; S. 171: Werner Koch; S. 180: 
Preben Tolstoy; S. 181: Rien Siers; Umschlag Vorderseite: Digne Meller 
Marcoviez; Rückseite: Dirk Reinartz. 


190 


LESEN SIE WEITER: 


Rudi Dutschke 

Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen 
Über den halbasiatischen und den 
westeuropäischen Weg zum Sozialismus 
Dutschke schrieb diese Arbeit, die zugleich seine Disserta¬ 
tion ist, gegen den Hang der Linken zum politischen Tradi- 
tionalismus und zur Glorifizierung autoritärer Modelle. 
Allgemeines Programm. Broschur. 352 Seiten 

Hannah Arendt 

Israel, Palästina und der Antisemitismus 
Aufsätze 

Eine Sammlung mit exemplarischen Schriften der großen jü¬ 
dischen Denkerin zu den wichtigsten Themen ihres Werks: 
Die politische Verantwortung des einzelnen, die >Banalität 
des Bösen< und der Antisemitismus, Israel und Palästina. 

Wagenbach: Taschenbuch 196. 128 Seiten 

Carlo Ginzburg 

Der Richter und der Historiker 

Überlegungen zum Fall Sofri 

Das Manifest eines bekannten Historikers gegen das skanda¬ 
löse Urteil in dem politischen Prozeß der italienischen Nach¬ 
kriegsgeschichte und zugleich eine Reflexion über die Arbeit 
des Richters und des Historikers. 

Aus dem Italienischen von Walter Kogler. 

Mit einem Vorwort von Thomas Schmid. 

Wagenbach: Taschenbuch 189. 128 Seiten 
(erscheint im Oktober) 

Roy Porter 

Kleine Geschichte der Aufklärung 

Ein umfassendes Portrait der europäischen Aufklärung, ihrer 
wichtigsten Köpfe, ihrer Zentren, ihrer Hauptwerke - und 
ihrer Folgen. 

Aus dem Englischen von Ebba D. Drolshagen 

Wagenbach: Taschenbuch 192. 112 Seiten 
(erscheint im Oktober) 



Barbara Sichtermann 

Weiblichkeit 

Zur Politik des Privaten 

Überlegungen zu einer neuen, durchdachten Weiblichkeit - 
vom Orgasmus bis zum Kinderwunsch, vom Mädchentraum 
vom edlen Ritter bis zur Erotik der Brüste. 

Wagenbach: Taschenbuch 194. 12S Seiten 


Dany Cohn-Bendit/Reinhard Mohr 

1968 - Die letzte Revolution, die noch nichts vom Ozon- 

loch wußte 

Ein übersichtlich und leicht faßliches Geschichtsbuch über 
einen - nicht nur - deutschen Ausnahmezustand, der kaum 
zwei Jahre andauerte, aber Wirkungen bis heute hinterlassen 
hat. 

Wagenbach: Taschenbuch 161. 184 Seiten 


Die Früchte der Revolte 

Über die Veränderung der politischen Kultur 

durch die Studentenbewegung 

Dieser Band von 68ern geschrieben, wirft mit der Erfahrung 
von heute einen prüfenden Blick zurück. 

Mit Beiträgen von Lothar Baier, Wilfried Gottschalch, Rei- 
mut Reiche, Thomas Schmid, Joscha Schmierer, Barbara 
Sichtermann und Adriano Sofri. 

Wagenbach: Taschenbuch 162. 160 Seiten 


Lothar Baier 

Volk ohne Zeit 

Essay über das eilige Vaterland 

Eine streitbare Bestandsaufnahme zur Lage einer rasenden, 
wiedervereinigten Nation. 

Wagenbach: Taschenbuch 182. 128 Seiten 


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